Jugendjahre zwischen Ruinen und Äppelwoi-Schänken

Meine Jugendjahre mit vielen Erinnerungen an die Zeit, die ich im und nach dem Krieg zwischen zahlreichen Äppelwoi-Schänken im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen verbrachte.

Aufgewachsen und groß geworden im „Sachsenhäuser Kiez”! So lassen sich die Jahre beschreiben, in denen ich zwischen Äppelwoi-Kneipen wie dem „Klaane Sachsehäuser“, der „Affentorschänke“ oder „Dauth-Schneider“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen flügge geworden bin. Von 1940 bis 1944 und von 1946 bis 1960. Als ich dieser Tage zufällig (Baustelle!) durch die Wallstraße fahren musste, kamen plötzlich Erinnerungen an diese Jugendjahre hoch.

Fliegeralarm, Heulen der Sirenen, das Herausreißen aus dem Schlaf, gehetztes Hineinschlüpfen in die bereit liegenden Kleider, die Hetzjagd durch das schmale Abtsgäßchen in den nahen Schifferbunker, das Pfeifen und Kraçhen einschlagender Bomben, der Versuch, nach Entwarnung und Heimkehr noch einmal einzuschlafen – das gehörte zum Alltag.

Ende 1940 waren meine Eltern in die Elisabethenstraße 7 gezogen, die auch als „Sachsenhäuser Zeil” bekannt war. In dieser schmalen Straße waren außer „Schade & Füllgrabe” keine größeren Kaufläden zu finden, aber in jedem Haus befand sich ein Geschäft – vom schmalen Tabakladen über ein „Bayerisches Schokoladenhaus” bis hin zur Bäckerei und Gastwirtschaft.

Nur knapp drei Jahre lebten wir in dem windschiefen Fachwerkhaus mit den Toiletten im Treppenhaus, dann wurde es beim verheerenden Fliegerangriff von 22. März 1944 ein Raub der entfesselten Flammen. Ohne jedes Hab’ und Gut war die Evakuierung in den Westerwald unumgänglich, aber im Sommer 1946 – viel früher als andere Evakuierte – genehmigten die Behörden unsere Rückkehr nach Frankfurt. Als Schlossermeister wurde mein Vater dringend für die Reparatur der Geländer am Mainufer gebraucht.

Wohnungsamt

Das Wohnungsamt wies uns (zusammen mit einer anderen Familie) eine Unterkunft im vierten Stock des Hauses Wallstraße 4 zu, wo wir für einige Zeit zu elft in vier Zimmern und einer Küche lebten. Es war Zufall, dass unser neues Zuhause keine hundert Meter von unsere vorherigen Wohnung entfernt war, direkt an der Ecke zu den beiden Affentorhäuschen, die einst zur Stadtbefestigung gehört hatten. Vom rückwärtigen Fenster gab es freien Blick auf die Trümmerberge der geschundenen Elisabethenstraße. Die Frankensteiner-Schule, die ich besuchte, war nicht einmal zweihundert Meter entfernt.

Im Erdgeschoss des bürgerlichen Hauses befand sich die Metzgerei von Josef Bok, auf der anderen Straßenseite der Milchladen von Familie Krah. Im Nebenhaus, Wallstraße 6, war der Gemüsehämdler Weyh eingezogen, der zuvor ebenfalls in der Elisabethenstraße (Hausnummer 3) ansässig gewesen war. Ein Bäcker, eine Eisenwaren- und eine Kohlenhandlung waren in der Nähe. Im westlichen Affentorhaus hatte Herr Edeling, dessen Fischgeschäft ebenfalls abgebrannt war, eine Verkaufsstelle eingerichtet. Im östlichen Affentorhaus befand sich ein Kiosk, in dem dünne Zeitungen angeboten wurden.

Eiserner Steg 

Ein großes Ereignis war am Samstag, 2. November 1946, die Wiedereröffnung des in den letzten Kriegstagen gesprengten Eisernes Steges, der Sachsenhausen von der Dreikönigskirche und dem Ende der Schulstraße mit dem Römerberg in der Frankfurter Innenstadt verbindet. Für uns Jugendliche war die Eröffnung durch Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb eine Sensation, denn es war nach dem Ende des Krieges wieder die erste feste Brückenverbindung, die zu Fuß überquert werden konnte.

Bis dahin waren vor allem Pontonbrücken genutzt worden. Für uns Alt-Sachsenhäuser gab es jetzt wieder einen direkten Weg in die Innenstadt, kein Wunder, dass wir Schüler und Jugendlichen den schulfreien Samstag nutzten, um den Steg gleich mehrmals zu queren. Ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt…

Alt-Sachsenhausen besteht aus engen Gassen. Bald kannten ich und meine Freunde jedes Haus, das nicht gerade als Schutthaufen übrig geblieben war. Der Kiez war „unser Revier”. Die Paradiesgasse, der Neue Wall, die Kleine und Große Rittergasse sowie die berühmte Klappergasse – damals noch ohne Frau-Rauscher-Brunnen – waren unsere Spiel- und Tummelplätze, ebenso die Dreieich-, Schul-, Brücken- und Schifferstraße. Vom Fritschen- und Abtsgäßchen ganz zu schweigen.

Diese Tafel zeigt „unser Revier. (Foto: Erich Stör)

Äppelwoi-Wirtshäuser waren überall in der Nähe. Das „Fichtekränzi” und die „Atschel” in der Wallstraße 5 und 7, nur einen Steinwurf weit entfernt im Neuen Wall nebeneinander der „Klaane Sachsehäuser” (Hausnummer 11), die „Affentor-Schänke” (9), der berühmte „Dauth-Schneider” (5/7) mit Zu- und Ausgang zur Klappergasse 39, das „Aprikösie” (bald umgetauft in „Struwwelpeter”) im Haus Nummer 3, weiter das „Lorsbacher Thal” (Große Rittergasse 49), der „Graue Bock” (Große Rittergasse 30), „Zum Eichkatzerl” (Dreieichstrasse 29) und „Zu den drei Steubern” (Dreieichstraße 28).

Hochbetrieb herrschte an fast allen Tagen, besonders natürlich im Sommer. Und überall in diesen Schänken tauchten die Brezelbuben der Bäckerei Käs mit ihren großen Körben auf, um ihre abends frisch gebackene Ware aus den Öfen der Klappergasse 11 feilzubieten. Der Geruch von Äppelwoi-Wirtschaften blieb in der Nase.

Andere bekannte Lokale waren weiter entfernt vom Alt-Sachsenhäuer Kerngebiet, hatten aber gleichwohl einen guten Ruf: Die „Germania”, der „Kanonesteppel” und das „Feuerrädche” residierten in der Textorstraße nebeneinander (Hausnummern 16, 20 und 24), in der Schweizer Straße lockten das weltberühmte „Gemalte Haus” (Nr. 67) und der „Wagner” ( 71) – genau wie auch heute noch die Gäste an.

Äpfel

Der Herbst war immer aufregend, denn lastwagenweise wurden gelbrote Äpfel herangekarrt, kelterten doch die meisten Wirte selbst. Ich sah oft zu, wenn die Äpfel ausgepresst wurden. Der Saft wurde in Fässern abgefüllt, der übrig gebliebene Trester zur Weiterverarbeitung wieder abtransportiert. Schon am nächsten Tag wurde der „Süße” an den Holztischen der Kneipen angeboten, wenig Wochen später stand der Rauscher auf dem Tisch. Als wir alt genug waren, das Gekelterte selbst zu geniessen, wurde der „Klaane Sachsehäuser” von Manfred Wagner zu unserem Stammlokal.

Durch die Wallstraße fuhren in den Nachkriegsjahren (1948) zwei Straßenbahnlinien. Die 16, die Offenbach über das Hippodrom mit Niederrad (später mit der Messe) verband, und die Linie 4, deren südliche Endstation am Südfriedhof lag und die von dort nach Ginnheim ratterte.

Weil das Haus Wallstraße 4 direkt an der Einmündung zum Affentorplatz liegt, war das Kreischen der stählernen Räder in der engen Kurve stets unüberhörbar laut und nervig. Andererseits waren Autos in der Wallstraße so selten, dass wir Buben abends auf der Straße Fußball spielten, ohne Gefahr zu laufen, von Autos behindert zu werden. Nur auf die Tram mussten wir aufpassen.

Wirsching 

Dass wir so gerne auf der Straße kickten, lag aber auch daran, dass im Haus Wallstraße 9 der junge Albert Wirsching wohnte, der bei schönen Wetter abends zusammen mit seiner Frau – aufgestützt auf die Fensterbank – dem Treiben auf der Straße zuschaute. Wir wollten uns vor ihm produzieren, er wußte es wohl, und quittierte unsere gequälten Bemühungen mit einem Schmunzeln.

Dieser Wirsching war ein erfolgreicher Fußballstürmer und Kopfballspezialist bei Eintracht Frankfurt, wechselte aber aus Verärgerung zu den Offenbacher Kickers, und ging nach zwei Jahren als einer der ersten deutschen Spieler nach dem Krieg zum FC Bern in die Schweiz.

Fußball war auch das Thema Nummer 1 beim Kettinger im Fritschengäßchen, abzweigend von der Wallstraße. Das bürgerliche Bierlokal wurde an Sonntagen zur großen „Sportzentrale Süd”, denn nachmittags nach Spielschluss wurden vom Wirt auf einer Schiefertafel die Ergebnisse der Süddeutschen Fußball-Oberliga angeschrieben.

Herr Kettinger war ständig am Telefonieren, woher er die Resultate bezog, machte er zu einem Geheimnis. Einmal, es war kurz vor Weihnachten 1949, wurde es besonders laut und tosend im Schankraum, denn Kettinger malte hinter dem Tresen mit verschmitztem Lächeln dieses Resultat auf die Tafel: Kickers Offenbach – Eintracht Frankfurt: 6:2. Das tat den Frankfurtern im Schankraum mehr als weh!

Kinoluft

In der Wallstraße 22 befand sich das Wall-Kino. Nach dem graumelierten Besitzer Kilian, der meist an der Kasse saß, Karten verkaufte und oft die Billetts höchstpersönlich entwertete, wurde das Kino ironisch „Ki-Ki-Pa“ genannt (Kilians Kino-Palast), aber ein Palast war das wahrlich nicht, vielmehr ein schmales Handtuch, weniger als 200 Sitzplätze, an der rechten Seite bullerte in den Nachkriegswintern ein mit Kohle oder Briketts betriebener Ofen – und weil die Filme vom Vorführer mit Rückprojektion auf die Leinwand geworfen und von einem Spiegel umgelenkt wurden, ging auch Leuchtkraft verloren.

Die Streifen wirkten deshalb düsterer als in anderen Kinos, aber das machte insbesondere die Schwarz-Weiß-Dramen noch intensiver. Hier sah ich unter anderen einen englischen Film mit Stewart Granger und Phyllis Calvert mit dem verführerischen Titel „Die Madonna der sieben Monde.” Der Film ist im Gedächtnis tief eingebrannt.

Bevorzugtes Lichtspielhaus für mich war das Harmonie am Lokalbahnhof, das auch heute noch existiert. Das lag an der Freundschaft zu meinem Schulkameraden Karl-Heinz S., dessen Vater Geschäftsführer und Filmvorführer und dessen Mutter Kassiererin des Kinos war, so dass wir zu Freikarten oder zu Einladungen bei Vorführungen anderer Filmtheater-Besitzer kamen.

Totschlag

Ein Schwarzhändler wurde im Westend erschossen, ein Mann lief im Bahnhofsviertel Amok und tötete drei unschuldige Passanten; das waren in den Nachkriegszeiten keine außergewöhnliche Nachrichten, zumal wir alle noch in Schutt und Trümmern lebten und die Kriegsjahre uns das Grauen gelehrt hatten. Als die Polizei in der Dreikönigsstraße 31 eine alte Frau tot in ihrem kleinen Haus auffand, erschreckte uns das doch, lag das Mordhaus doch ganz in der Nähe. Und der Krieg hatte uns nicht gefühllos gemacht. Fast alle von uns kannten die erschlagene „Käsliesel” vom Sehen. Und obwohl der Witwe zwielichtige Geschäfte nachgesagt wurden, ließ uns der Mord nicht kalt. Lange Zeit mieden wir den Weg durch die Dreikönigsstraße.

Die Jahre gingen dahin, stadtteilbedingte Quartierwechsel in die Quirin- und Launitzstraße (beide in Sachsenhausen) folgten, 1967 dann der Umzug ins Umland. Gleichwohl sind die Jahre in Alt-Sachsenhausen mit ihren kriegs- und nachkriegsbedingten Umständen sowie den romantisch-kommerziellen Äppelwoi-Schänken für immer prägend geblieben.


Leserzuschrift aus Portugal

Eberhard Axel Wilhelm aus Bobadela bei Lissabon hat zum obigen Beitrag folgendes angemerkt: 

„Mit größtem Vergnügen habe ich auf der Suche nach Nachrichten über mein früheres Stammlokal »Zu den drei Steubern« (1968 bis ’75), die Beschreibung über ihre Zeit in Alt-Sachsenhausen gelesen. Ich selbst bin erst 1948 geboren. 1954 zogen meine Eltern mit mir in ein von meinem Vater in Seckbach gebautes Einfamilienhaus um, doch seit 1966 zog es mich wieder stark nach Alt-Sachsenhausen, über das ich von 1968 bis 1975, meinem Wegzug nach Lissabon, in der Frankfurter Neuen Presse, der Sachsenhäuser Warte, Adolf Sturms Sachsenhäuser Lokalanzeiger (Wallstraße) über 700 Artikel verfasste.

Erinnern Sie sich noch an Dr. Heinz Teves, der über den Marburger Dom promovierte und, wie mir der Architekt Gustav Hartschuh (Henningerturm-Drehrestaurant, Paradieshof, Klaane-Sachsehäuser-Umbau) verriet, das Zeitungsgeschäft im Affentorhäuschen betrieb? Von dem stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion der Frankfurter Neuen Presse und Schriftsteller Wendelin Leweke übernahm ich übrigens die Schreibweise Ebbelwei, die mir aussprachegemäß die »richtigste« zu sein scheint.“