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Unterwegs

Impressionen aus Suomi, dem Land der Hunderttausend Seen

Zweimal nach Helsinki hin und zurück: Mit Bahn und Schiff nach Finnland, in das fast noch unberührte Land der 187 888 Seen und der Millionen Fichten, Kiefern und Birken. Ein Naturereignis der besonderen Art.

Finnland gilt auch als „Land der 1000 Seen”. Was für eine Untertreibung. Wer sich die Zahlen näher anschaut, wird verblüfft sein. In dem skandinavischen Land, das an Russland, Norwegen und Schweden grenzt, gibt es nach amtlichen Angaben sage und schreibe 187 888 größere und kleinere Seen. Ein Zehntel Finnlands, das sich selbst als Suomi bezeichnet, besteht aus diesen Gewässern, meist im mittleren und südlichen Teil des Landes liegend. Um wenigstens einige davon gesehen zu haben, unternehme ich anlässlich einer Städtereise nach Helsinki eine Busfahrt ins Landesinnere nach Tampere. 

Im August 1962 war ich schon einmal in Helsinki, um als Reporter über die „Weltfestspiele der Jugend und Studenten” zu berichten. Mit einem Sonderzug waren wir damals von Frankfurt aus nach Helsinki gekommen. Die langatmige Fahrt hatte uns über Berlin, Warschau, Grodno, Wilna und Leningrad (wie es zu Sowjetzeiten hieß), bis in die finnische Hauptstadt geführt – und auf gleichem Weg auch wieder zurück. Die vielfältigen Ereignisse dieser Tage und die damit verbundene Arbeit hatten eine geplante Reise in das Landesinnere nicht erlaubt. Der Wunsch, die finnischen Seen näher zu erkunden, war indessen geblieben, auch wenn es rund um die Hauptstadt schon genügend Seen zu bewundern gab.

Helsinki

Jahre später. Mit einem mächtigen Fährschiff geht es nach Helsinki. Mit einem Express-Zug ist unsere Touristengruppe von Frankfurt nach Lübeck aufgebrochen, wir checken am Skandinavien-Kai in Travemünde ein, das Schiff legt ab, die Passage über die Ostsee dauert knapp 30 Stunden. Beim ersten Bummel in Helsinki erlebe ich die großzügig-lässige Lebensart der Menschen in einer aufgeschlossenen, pulsierenden Stadt. Restaurants, Cafés und Bars spiegeln die Lebenslust der Einheimischen und Touristen wider – viel intensiver als damals, wie mir scheint.

Wie bei solchen Reisen üblich, steht auch eine offizielle Stadtrundfahrt auf dem Programm. Wir spulen die Tour mit gewohnter Routine ab, wobei ich mich weniger für die Sehenswürdigkeiten als vielmehr für das Leben und Treiben auf den Straßen und Boulevards interessiere. Das Parlamentsgebäude, den berühmten Weißen Dom, die Uspenski-Kathedrale mit ihren 13 grünen Kuppeln oder die Festung Suommenlinna, die zum UNESCO-Welterbe zählt, habe ich bereits vor Jahren intensiv besichtigt, für mich kein Bedarf mehr, die Erläuterungen noch einmal anzuhören…

Tampere

Was mich weit mehr beschäftigt als die Bauten in der Hauptstadt, ist ein Ausflug in die etwa 180 Kilometer nördlich von Helsinki liegende Industriestadt Tampere, oder besser gesagt in ihre Umgebung. Außergewöhnliche Attraktionen hat die drittgrößte Stadt Finnlands mit ihren rund 330 000 Einwohnern zwar nicht zu bieten, wenn man vom Museumszentrum Vapriikki absieht, doch die Fahrt reizt mich vor allem, weil Tampere von Seen umgeben ist, die zu den größeren in Finnland zählen. Im Südosten der Stadt liegen der Malasvesi und Roine, im Süden der Vahajavesi, im Westen der Pyhärjärvi, im Norden der Näsijärvi. Beide sind durch die Stromschnellen von Tammerkoski miteinander verbunden.

Wasser und Wälder prägen Finnland. (Foto: Clipdealer)

Obwohl eine Schnellbahn Helsinki und Tampere verbindet, fahren wir mit dem Bus, schon wegen unseres Wunsches, möglichst viele dieser Seen zu sehen und zu erleben. Zunächst geht es noch zügig über die Autobahn, doch verlassen wir die E 12 auf halber Strecke bei Riihimäki, um über schmale Landstraßen entlang der Seen zu fahren. Wenn wir aus dem Autofenster blicken, scheint feste, solide Erde immer weniger zu werden: – Wasser und Bäume beherrschen die Landschaft.

Wir halten an einem winzigen Hafen. Vogelgezwitscher und Bienensummen erfüllen die Luft, ansonsten ist es ruhig. Kein Lärm, nur ab und zu unterbricht ein vorbei fahrendes Auto die andächtige Stille. Wir blicken in die Ferne, hinweg über den See, der einsam und majestätisch vor uns liegt. Die blauen Wasserflächen beherrschen die Landschaft, das Grün der Kiefern, Tannen und Birken, das sich millionenfach in ihnen spiegelt, ergänzt das Farbenspiel. 

Eines der unzähligen Sauna-Häuschen am Seeufer. (Foto: Clipdealer)

Und all diese idyllischen Seen mit ihren oft bewaldeten Inseln, den kleinen und größeren Buchten werden meist durch künstliche Kanäle oder natürliche Abflüsse verbunden. Stromschnellen und Wasserfälle bieten ein beeindruckendes Bild. Wo ein See beginnt oder endet, ist nur selten zu erkennen. Immer wieder sehen wir kleine Sauna-Häuschen an dem Ufern.

Elche und Rentiere gehören zur Landschaft, in den Moosteppichen der Wälder wachsen Beeren und Pilze. Auf der gegenüber liegenden Seite des Sees steht eine hölzerne Hütte, zweifellos eine Sauna, aus der Ferne erkennen wir, wie fröhliche Menschen an einem Grill hantieren, feine Rauchschwaden ziehen in den blauen Himmel. Ein Kanufahrer paddelt über das Wasser, nicht weit entfernt sitzt ein Angler am Ufer. Ein Bild, das es natürlich auch in heimischen Gefilden gibt, keine Frage – aber es ist immer nur ein müder Abklatsch jener Naturlandschaft, die sich in Suomi mit seiner gigantischen Seenplatte und seinen Millionen von Bäumen befindet, die meist als Zeitungspapier enden. 

187 888 Seen…!!! – Der Tagesabstecher mit acht Stunden Aufenthalt an verschiedenen Gewässern hat sich für mich gelohnt…