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Reisewege

Wetterfrösche melden viel Sonnenschein im Vinschgau

Dort, wo vor 2000 Jahren die alten Römer ihres Weges zogen, war auch ich unterwegs, jedenfalls auf einem kleinen Teilstück der berühmten Via Claudia Augusta, jenem einst schmalen Pfad, der von den Ebenen des Po über die Alpen bis zur Donau führte – als eine Achse, die Norditalien mit dem süddeutschen Raum verband (und verbindet).

Der Weg bot schon in der Antike die Möglichkeit zur Alpenüberquerung: sowohl zu kriegerischen Zwecken als auch zu friedlichem Handel. Heutzutage sind es meist Urlaubsgäste, die diese inzwischen breit gewordene Route durch den Vinschgau zwischen Reschen und Meran auf Hin- oder Rückreise aus dem Urlaub benutzen. Oder sich dort für längere Zeit aufhalten.

Das meist sonnenüberflutete Alpental liegt im Nationalpark Stilfserjoch und bietet eine Landschaft zum Träumen. Die breite Talsohle und die links und rechts aufragenden Bergflanken lassen keine Enge aufkommen, eher gefühlte Weitläufigkeit. Erst blühende und später saftige Früchte tragende Obstbäume, die Hänge vollgepackt mit Weinstöcken, dazu Wälder, Lärchen, Zypressen und Kiefern. Der Sommer ist heiss, im Winter schafft die tief verschneite Landschaft zauberhafte Bilder. 

Vinschgau-Gold Weintraube. (Foto: IDM-Südtirol, Florian Andergassen)

Der Vinschgau – da sind sich Gäste und Einheimische einig – ist eines der schönsten Täler im östlichen Alpenraum. Wegen seiner geringen Niederschläge (im Schnitt 300 Sonnentage im Jahr) ist es eine ideale Landschaft, um Urlauber anzulocken. Der Wetterbericht verkündet meist: Im Vinschgau heute überwiegend sonnig, was im Umkehrschluss heisst: der Landstrich ist extrem trocken, was künstliche Bewässerung der Obstkulturen durch Waale erforderlich macht. Obwohl die Einnahmen aus der Tourismusbranche von Bedeutung für die Region sind, haben Landwirtschaft und Industrie großen Anteil an der wirtschaftlichen Stabilität.. 

Via Claudia Augusta

Bei unseren zahlreichen Reisen nach Südtirol sind wir meist über die Brenner-Autobahn gekommen, diesmal benutzen wir die Anfahrt über Bodensee, Vorarlberg und Landeck. Auf der Via Claudia Augusta passieren wir die Grenze und durchfahren bis zum Ziel Meran einige interessante Gemeinden. Die ersten Orte (Reschen und Graun) tragen alte Namen, sind aber in ihrer heutigen Form relativ junge Wohnorte. Sie wurden errichtet, um das alte Graun nach der Flutung des Stausees Ende der Vierziger Jahre zu ersetzen.

Über den Dächern von Glurns. (Foto: IDM-Südtirol, Tina Sturzenegger)

Bald darauf – und etwas abseits der Straße – liegt Glurns, Südtirols kleinste Stadt mit mittelalterlichem Charakter und niedrigen Laubengängen. Prospekte beschreiben die Gemeinde als das „Rothenburg“ von Tirol, weil eine Ringmauer und Tortürme den Stadtkern umschließen.

Zum Stilfser Joch

Was hebt die anderen Orte auf der Fahrt nach Meran noch hervor? In Mals ist Endstation der „Vinschger Bahn“, die von Bozen heraufkommt und neben der Etsch ihren Gleiskörper hat. Schluderns wird von der mächtigen Churburg dominiert, bei Prad biegt die Straße zum Stilfer Joch ab, höchster asphaltierter Gebirgspass Italiens. Die 50 Kilometer lange Verbindung in die Lombardei weist 87 Kehren auf, 48 von Prad zum Scheitelpunkt, 39 talwärts nach Bormio. Wer mit Auto, Motorrad oder Fahrrad sich über den Pass schwingt, wird mit einem Blick auf die spektakuläre Kulisse der Ortlergruppe belohnt. 

Marmor-Bearbeitung in Laas. (Foto: IDM-Südtirol, Michael Schützenberger)

Wir lassen diesen Spaß vorerst aus, und passieren Laas, das wegen seines weißen Marmors berühmt ist. Dieser Marmor ist rein, hart und widerstandsfähig, trotzt auch dem Wetter. Die Meilensteine entlang der Via Claudia Augustus wurden zur Römerzeit aus diesem Marmor gebrochen, im Mittelalter wurden viele Burgen und Schlösser im Vinschgau damit ausgestattet. Unzählige Gebäude, Denkmäler oder Statuen (Sissi-Figur in Meran) sind aus diesem weißen Stein gefertigt.

In Schlanders dagegen steht der Obstanbau im Vordergrund; neben den üblichen Apfelsorten haben auch Edelkastanien und Feigenbäume hier ihre Heimat. In Kastellbell blicken wir auf einen Laden der Firma Preiss,  deren Schüttelbrot und „Vinschgauer“ einen guten Ruf geniessen, und die diese Backwaren auch nach Deutschland exportiert.

Aufgang zu Schloss Kastelbell. (Foto: IDM-Südtirol, Frieder Blickle)

Naturns, wo die Straße ins Schnalstal beginnt, punktet mit dem Prokolus-Kirchlein (im Inneren befinden sich Fresken aus irisch-karolingischer Zeit), Schloss Juval mit Reinhold Messners Museum sowie Schloss Hochnaturns. Dieses 6000-Seelen-Städtchen, zu dem auch die Orte Staben, Tabland und Tschirland gehören, war über 25  Jahre lang ein von uns bevorzugt angesteuertes Ziel. Wir haben in kleinen Konditoreien und Imbissstuben Cappuccino und Kuchen verzehrt,  Geschäfte besucht und Minigolf gespielt. 

Der Wasserfall

Der letzte Ort vor Meran, etwas oberhalb der Straße, ist Partschins, in dem der größte Wasserfalls Südtirols zu bewundern ist. Dort, wo sich neben der Straße das Wasserkraftwerk Töll befindet, endet der Vinschgau – für umgekehrt Anreisende beginnt er hier – und es öffnet sich sogleich ein weiter Blick ins Etschtal, das mir wie eine logische Fortsetzung der Vinschgauer Schönheiten erscheint. Das ist aber ein anderes Thema.


PINNWAND: Die Gemeinden Glurns, Graun, Kastelbell-Tschars, Laas, Latsch, Mals, Martell, Prad, Schlanders (Hauptort), Schluderns, Schnals, Stilfs und Taufers bilden die kommunalpolitische Bezirksgemeinschaft Vinschgau. Naturns, Plaus und Partschins liegen im Vinschgau, sind aufgrund ihrer Nähe zu Meran jedoch dem Burggrafenamt angeschlossen.