Karl Otto Bollerbach geht zum „Grillbruzzelbraten“

Das Erwärmen von Essen war ein bedeutender Schritt in der Evolution. Die archaische Erfahrung aus der Frühzeit der Menschen hat sich bis auf die heutige Zeit als Grillvergnügen für Jung und Alt erhalten.

Der wärmende Tag neigte sich seinem Ende zu, gerade eben war der azurblaue Himmel von einigen Wolkenbergen geschmückt worden, da roch Karl Otto Bollerbachs Nase den verführerischen Duft frisch gebruzzelter Würstchen. Dünner Rauch schwebte von des Nachbarn Terrasse über die nahen Gärten und trug den Geruch gegarten Fleisches durch die abendlichen Stille. Tage wie dieser, dachte Bollerbach, egal ob im Frühling, Sommer oder Herbst, sind zum Grillen wohl eigens erfunden worden: Vergnügliches Schmausen, angereichert mit flüssigem Gold, fröhliche Unterhaltung mit angenehmen Gästen inbegriffen, vor allem seit die Pandemie sich dem Ende zuneigte. 

Die meisten Menschen machten sich über das Grillen von Fleisch- und Wurstwaren keine Gedanken. Für sie war es ein herrlicher Zeitvertreib, verbunden mit genüsslicher Nahrungsaufnahme – und das in freier Natur! Dass das rustikale Braten über glühender Holzkohle (oder über Gas- und Elektrokraft) eine archaische Erfahrung aus der Frühzeit des „Essenerwärmens” war, das schien vielen gar nicht bewusst zu sein. Bollerbach ging es ähnlich, doch erinnerte er sich beim Schnuppern des Gegrillten an einen Bericht, den er vor einiger Zeit im Wartezimmer seines Zahnarztes mit Interesse, aber doch nur oberflächlich aufgenommen hatte. 

Das „Warmmachen” von Essen habe der Menschheit einen entscheidenden Evolutionsschub gegeben, hatte er da gelesen. Ein Mann namens Richard Wrangham, Forscher der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts), glaubte erkannt zu haben, die Entwicklung des menschlichen Gehirns sei erst wirklich und wahrhaftig vorangekommen, nachdem der Frühmensch begonnen habe, rohes Fleisch durch Hitze zu veredeln und damit verdaulicher zu machen. Der Wissenschaftler behauptete, Keime und Parasiten seien abgetötet und giftige Pflanzen durch das Erhitzen genießbar geworden, was zugleich mehr Energie in die Muskeln gepumpt, das Immunsystem gestärkt und die Entwicklung des Gehirns vorangetrieben hätte. 

Eine Gruppe junger Menschen beim Grillen am Lagerfeuer. (Foto: Clipdealer)

Andere Wissenschaftler hatten – Bollerbach erinnerte sich freilich nur noch dunkel daran –, der These Wranghams in dem Bericht widersprochen und die Ansicht geäussert, der Weg der Evolution sei gerade umgekehrt verlaufen: Nicht das Erhitzen von Fleisch habe am Anfang gestanden, sondern das bereits hoch entwickelte menschliche Gehirn, welches die Idee hervorgebracht habe, rohe Nahrung zu erhitzen. Ein Wissenschaftlerstreit offenbar, wie so viele…

Lust und Spaß

Über das Gelesene hatte Bollerbach nicht ernsthaft nachgedacht, da es ihm im Grunde egal war, wer Recht hatte; er hielt sich lieber an Tatsachen. Eine war, dass ihn sein freundlicher Nachbarn gerade zur Teilhabe am Verzehr reichlich Gegrillten eingeladen hatte. Auf dem Rost strahlten gebratenes Steaks aus Schweine- und Rindfleisch, grobe Bratwürste verströmten herben Duft, ebenso einer Anzahl kleiner Cevapcicis. Daneben waren Saucen als Geschmacksverstärker im Angebot und angeröstete Zuccinis schmunzelten einladend in die Runde.

Bollerbach ergriff eine der Bratwürste, bestrich sie mit scharfem Senf, biss herzhaft hinein, seine Backenknochen mahlten genussvoll, ehe er mit einem kühlem Bier aus dem kleinen Fass nachspülte. Das war wahrer Genuss, dachte Karl Otto Bollerbach und ließ den Zeitungsbericht, die wissenschaftliche Kontroverse und die ferne Vergangenheit ebenso ruhen, wie den Streit der Experten. Sollten sie doch. Rustikales Grillen, das war das wahre Leben!