Dem Tagelöhner Ricci wird das Fahrrad gestohlen

Der Regisseur Vittorio de Sicca schuf 1948 mit dem sozialkritischen Film „Fahrraddiebe” ein Meisterwerk des italienischen Neorealismus. Blick zurück auf ein außergewöhnliches Drama der Nachkriegszeit.

Rom in den Nachkriegsjahren, bittere Armut überall, doch es gibt auch kleine Lichtblicke. Ein arbeitsloser Proletarier ergattert eine Beschäftigung als Plakatkleber. Das Fahrrad, das er für seine Arbeit benötigt, wird ihm jedoch am ersten Tag seine Tätigkeit gestohlen. Eine soziale Katastrophe für Antonio Ricci und seine Familie…  Diese prekäre Situation des italienischen Arbeiters hat den Regisseur Vittorio de Sica 1948 zu seinem neorealistischen Film-Klassiker Fahrraddiebe (Originaltitel: Ladri di biciclette) inspiriert, den ich vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen habe. Nirgendwo sonst wird die Bedeutung des Fahrrads als Fortbewegungsmittel eindringlicher geschildert als in diesem 93 Minuten langen Drama. Dass der italienische Neorealismus einem größeren Publikum bekannt wurde, liegt auch an diesem Film, der mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter 1950 in den USA einen „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film.

Vittorio de Sicca zeichnet am Beispiel des Tagelöhners Ricci ein krasses Bild von der Armut der Menschen im Italien der Nachkriegszeit, blickt nüchtern auf die unwirtlichen Verhältnisse im Land, verheimlicht nicht seine Sympathie für die „kleinen Leute”, gleichwohl erklärt er die Ursachen für Diebstähle und Kleinkriminalität ohne jede Sentimentalität. Der Regisseur ist ein Reporter des Lebens, schnörkellos in der Schilderung der  Armseligkeit.

Um was geht es? Um nichts anderes als den Alltag der einfachen Leute. Nach langer Arbeitslosigkeit findet Antonio Ricci eine Stelle als Plakatkleber, muss jedoch ein ein eigenes Fahrrad mitbringen, dass an seinem ersten Arbeitstag gestohlen wird. Die Polizei interessiert sich nicht besonders für den Fall, gehören doch Fahrraddiebstähle zum römischen Alltag. Der verzweifelte Antonio sucht in den Straßen der Stadt nach seinem Rad. Der Film zeigt enge Gassen, manchmal von greller Sonne durchflutet, manchmal düster schimmernd von den plötzlichen Regengüssen. In einer Kirche bemüht sich ein Priester mit Worthülsen um die Menschen, ohne wirklich Not lindern zu können; in der Nähe dringt Lärm aus einem Freudenhaus, eine Wahrsagerin prophezeit Unverbindliches. 

Als Antonio zusammen mit seinem kleinen Sohn Bruno das gestohlene Rad schließlich entdeckt, kann er dem Dieb, wohl noch ärmer als er selbst und krank dazu, den Diebstahl nicht  beweisen – er wird sogar von dessen Angehörigen und Freunden verjagt. Antonio beschließt, nun selbst ein Fahrrad zu stehlen. Ein Teufelskreis, in dem die Authentizität des Films durch die Darsteller unterstrichen wird. Lamberto Maggioran (als Vater Antonio Ricci), Enzo Staiola (als sein Sohn Bruno) und Lianella Carell (als Brunos Mutter) sind Laiendarsteller (wie viele andere auch) und sind spürbar sie selbst.

Kein fernes Land

Wer glaubt, Fahrraddiebstähle seinen ein Relikt der Vergangenheit und nur aus purer Not geboren, so wie in Fahrraddiebe, der irrt. In der „Wohlstandsgesellschaft Deutschland” werden jährlich Hunderttausende Rädern entwendet, die Dunkelziffer ist dabei nicht berücksichtigt. Und nur wenige Menschen erhalten ihr Vehikel zurück, denn:

„Die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstählen liegt nach Angaben des Bundeskriminalamts seit Jahren unter zehn Prozent.” 

Die Düsseldorfer Zeitung „Rheinische Post“

Italien ist also kein fernes Land. Die Gründe für die Diebstähle in Deutschland sind vielfältig, und nicht immer ist es nackte Not, obwohl auch die zunehmende Armut eine Rolle spielt. Für viele gilt das Fahrradstehlen als Kavaliersdelikt, doch seit langem wird auch bandenmäßiges Vorgehen beobachtet, um die Fahrräder als „Massenware” ins Ausland zu verschieben – dort, wo Armut es leicht macht, gebrauchte Räder zu verscherbeln. Fälle, in denn ein Fahrrad auch „nur” mal mitgenommen wird, um es kurz zu benutzen und dann wieder stehen zu lassen, sind indessen seltener geworden. 

Bei der geringen Aufklärungsquote ist Fahrraddiebstahl so etwas wie das „perfekte Verbrechen“, zumal die Besitzer oft genug leichtsinnig zum Diebstahl einladen: – noch immer sind die wenigsten Fahrräder registriert und entsprechend gekennzeichnet. Die bittere Not, die dem Film Fahrraddiebe zugrunde liegt, ist heutzutage allerdings kaum die Ursache für Fahrrad-Diebstähle.