Musik

Karas in der „Weinschenke zum dritten Mann“

Eine wichtige Rolle im Film „Der dritte Mann" spielt das Riesenrad im Wiener Prater. (Foto: Clipdealer)

Der  Wiener Heurigen-Musiker Anton Karas, ein bis dahin recht unbekannter Zitherspieler, schrieb 1949 für den britischen Film Der dritte Mann die Zither-Ballade vom bösen Gangster Harry Lime – eine Komposition, die Karas vor nun über siebzig  Jahren auf einen Schlag in die Weltöffentlichkeit katapultierte. Anton Karas – angeblich erst zum Schluss der Wiener Außenaufnahmen vom Regisseur Carol Reed in einem Heurigen-Lokal entdeckt – ist weltberühmt geworden wie der Film und viele Zuschauer (und auch ich) stellen sich die Frage, welche Resonanz Der dritte Mann ohne diese einprägsame, seltsam-musikalische Begleitung gehabt hätte, die als Harry-Lime-Thema in die Film- und Musikgeschichte eingegangen ist. Eine schlüssige Erklärung vermag bis heute niemand zu geben. 

Neben dem eindringlichen Spiel von Karas, der ursprünglich gelernter Schlosser war, aber auch Musikakademien besucht hatte, lebt die eher schlichte Film-Kolportage natürlich auch von den Bildern dieser morbiden und zerrissenen Stadt, wobei Trostlosigkeit, menschliche Einsamkeit und Melancholie weit über den eigentlichen Geschehnissen stehen. Die Arbeit des Kameramannes Robert Krasker, der zu Recht mit einem Oscar belohnt wurde, erreicht mit wahrhaft „schrägen” Bildern und den Licht- und Schattenspielen eine eigenartig authentische Wirkung. Besonders beeindruckend jene Szenen, in der ein alter Mann durch die nächtliche Stadt zieht, um Luftballons zu verkaufen…

Harry Limes vorgetäuschter Tod, ein gefälschter Pass seiner Freundin (Alida Valli) und der Auftritt des naiven Western-Schreibers Holly Martins (Joseph Cotten) sind nur Staffage für das in Trümmern liegende Nachkriegswien, dass zusätzlichen Esprit durch eine Schar österreichischer und deutscher Schauspieler (Hedwig Bleibtreu, Annie Rosar, Siegfried Breuer, Paul Hörbiger, Ernst Deutsch, Erich Ponto) schöpft. Faszinierende Aufnahmen in den Abwasserkanälen der Stadt und im Riesenrad des Praters geben Regisseur Carol Reed die Möglichkeit, dem Film einen eigenwilligen Stempel aufzudrücken.

Schluss

Die Schlussszene auf dem Wiener Zentralfriedhof zeigt die Handschriften der Künstler Reed und Krasker in beeindruckender Weise. In einer kargen Einstellung von über einer Minute geht die Hauptdarstellerin Alida Valli an Joseph Cotten vorbei, ohne ihn auf dem endlos langen Weg zwischen den kahlen Bäumen mit den lautlos herabfallenden Blättern eines einzigen Blickes zu würdigen; sie drückt ihm ihre Verachtung für den Verrat an seinem Freund aus. Es sind 66 schier endlos erscheinende Sekunden ohne Schnitt, ohne  Kamerabewegung und ohne Dialog. Ein Klassiker der Filmgeschichte. Der Film-Exzentriker Orson Welles, Schöpfer von Citizen Kane, der bei den Aufnahmen zu dieser Szene als Zuschauer anwesend war, soll später neidvoll gesagt haben, er hätte sich gewünscht, eine solch geniale Einstellung selbst „erfunden” zu haben.

Orson Welles als Gangster Harry Lime. (Fotos: Filmverlag Unucka)

Obwohl der Schwarzweiss-Streifen schon 70 Jahre alt ist, hat er für mich nichts von seiner Faszination eingebüsst. Auch wenn es sich vordergründig „nur” um einen Kriminalreißer handelt, in dem der skrupellose Dealer Harry Lime verunreinigtes Penicillin verschiebt, spiegelt sich doch die politische Situation der damaligen Zeit in vielen Szenen wider. Die Konfrontation der politisch-militärischen Ost-West-Blöcke in Europa, der drohende Korea-Krieg im Fernen Osten werfen ihre Schatten voraus.

Und deshalb ist auch dieser Thriller nicht frei von üblichen Sichtweisen. Kalter Krieg findet auch auf Zelluloid statt. Das kommt vor allem zum Ausdruck, wenn die durch Major Calloway (Trevor Howard) repräsentierten Briten in der Viersektoren-Stadt Wien als hilfsbereite und sympathische Menschen auftreten, Offiziere und Soldaten der UdSSR dagegen als eher zwielichtige Gesellen dargestellt werden, die dem Gangster und Mörder Harry Lime in ihrem Sektor Unterschlupf gewähren und seine kriminellen Machenschaften schützen.

Das Lokal

Anton Karas, aus der österreichischen Arbeiterklasse stammend, nutzte seinen Ruhm und die plötzliche finanzielle Unabhängigkeit und eröffnete nach vielen Tourneen 1954 in Sievering ein Heurigen-Lokal mit dem Namen „Weinschenke zum dritten Mann”. 

Karas betrieb das Lokal bis zu seiner Pensionierung 1966, gab es aber danach auf, weil er sich fast täglich mit Prominenten jeglicher Coleur abgeben und ablichten lassen musste, die seine Musik gar nicht verstanden, sondern ihn nur als Dritten-Mann-Musiker bestaunten. Es war nicht seine Welt. Der schlicht gestrickte Heurigenmusiker spielte lieber vor den einfachen Menschen seiner Heimat.

Und eine persönliche Anmerkung sei in diesem Zusammenhang auch  erlaubt. Mein Schwager Franz R., der in den Fünfziger Jahren in Frankfurt in zahlreichen Frankfurter Weinlokalen mit seiner Zither zur Unterhaltung der Gäste aufspielte, beklagte sich eines Tages bei mir, dass er immer und immer wieder aufgefordert wurde, das berühmte Harry-Lime-Thema aus dem Dritten Mann zu spielen. „Ich kann es bald nicht mehr hören, geschweige denn spielen” seufzte er und in diesem Moment dachte ich, dass es Anton Karas vielleicht auch so gegangen sein könnte…

Daten

Der dritte Mann mit dem gleichnamigen Originaltitel The Third Man ist ein englischer Film der London-Film aus dem Jahr 1949. Produzent war Alexander Korda (in Zusammenarbeit mit dem Amerikaner David O. Selznick), technisch unterstützt wurde die Herstellung durch die Wien-Film. Unter der Regie von Carol Reed treten Joseph Cotten (als amerikanischer Schriftsteller Holly Martins), Orson Welles (als Schwarzmarkt-Schieber Harry Lime), Alida Valli (als dessen Freundin Anna Schmidt), Trevor Howard (als britischer Major Calloway) in Erscheinung.

Weitere Mitwirkende sind Bernhard Lee, Paul Hörbiger, Annie Rosar, Ernst Deutsch, Erich Ponto, Siegfried Breuer und Hedwig Bleibtreu. – Deutsche Stimmen: Wolfgang Lukschy (Holly Martins), Friedrich Joloff (Orson Welles), Elisabeth Ried (Alida Valli). – Das Drehbuch stammt von Graham Greene nach einer eigenen Vorlage. – Kamera: Robert Krasker. – Musik: Anton Karas. – Erstaufführungen: 31. August 1949 (England), 6. Januar 1950 (Bundesrepublik Deutschland), 10. März 1950 (Österreich). Frankfurter Start am 12. Januar 1950 im Filmpalast.


Quellen: Filmverlag Christian Unucka, Pichler-Verlag (Alexander Glück: „Auf den Spuren des Dritten Mannes in Wien“), Czernin-Verlag (Brigitte Timmermann: „Der dritte Mann“.)

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