Hollywood-Star Cary Grant darf keinen perfiden Mörder spielen

Der Film „Verdacht” von Alfred Hitchcock ist voller Spannung, wirkt aber trotzdem unvollkommen. Entgegen der Romanvorlage durfte der charmante Hauptdarsteller Cary Grant keinen Mörder spielen.

Cary Grant trägt  Schuld daran, dass der Film Verdacht ein halbherziger Thriller geblieben ist. Natürlich indirekt, aber als der Film 1941 entstand, gab es seltsame Bräuche in Hollywood. Einer davon war, dass ein so liebenswürdiger Mann wie Grant keinen Mörder geben durfte. Warum die RKO-Filmgesellschaft gleichwohl auf den Einfall kam, die männliche Hauptrolle mit dem Charmeur Grant zu besetzen, blieb ein Geheimnis. Wahrscheinlich spielte der Gedanke eine Rolle, mit ihm als Zugpferd Kasse zu machen. Grant hatte zu dieser Zeit bereits 39 Filme gedreht und in den Monaten vor Verdacht gerade Die Nacht vor der Hochzeit und die Penny-Serenade abgeliefert. Leichte Filme, die seinem Image entsprachen. Verdacht aber passte nicht ins Bild,  denn in der Romanvorlage  „Before the Fact” von Frances Iles ist der Protagonist tatsächlich ein Mörder.

Als ich den Film kürzlich im Fernsehsender „Arte” sah, wurde mir klar, in welches Dilemma der Regisseur Alfred Hitchcock durch die Studioanweisungen geraten war. Er sollte einerseits einen Thriller inszenieren, aber andererseits keinen Mörder namens Grant präsentieren.

Zu charmant für einen Mörder. (Foto: Filmverlag Unucka)

Grant spielt einen gewissen Johnny Aysgarth, einen spielsüchtigen Gauner und Playboy, der sich von Freunden aushalten lässt oder Geld unterschlägt. Bei einer Bahnfahrt lernt er die eher zurückhaltende, aber gut betuchte Lina McLaidlaw (Jean Fontaine) kennen. Beide heiraten gegen den Willen ihrer Eltern. Durch verschiedene dubiose Vorkommnisse entsteht bei ihr die Furcht, ihr leichtsinniger Mann könne nicht nur ein Mörder sein, sondern es auch auf sie selbst abgesehen haben. Als auch noch Johnnys Geschäftspartner auf merkwürdige Art ums Leben kommt, fühlt sie sich mehr und mehr von ihren Mann bedroht, am Ende einer lebensbedrohlichen Autoraserei aber erweist sich ihr Verdacht als unbegründet – dem Zuschauer wird vorgegaukelt, sie selbst habe sich nur in eine angstvolle Psychose  gesteigert…

Dieser Schluss war kein guter Kompromiss. Alfred Hitchcock hat viele fabelhafte Filme gedreht. Erst in England (und anfangs auch noch zu Stummfilm-Zeiten in Deutschland), später in den Vereinigten Staaten. Vor allem die US-Produktionen sind den Menschen im Gedächtnis haften geblieben, und man weiß garnicht, welchen Thriller man zuerst nennen soll, wenn man nach seiner Meinung zum besten oder eindrucksvollsten Film Hitchcocks gefragt wird. Aus seinem Frühwerk in England ragen besonders Eine Dame verschwindet und Die 39 Stufen heraus, was aber auch damit zu tun hat, dass diese Filme nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bald in den westdeutschen Kinos gezeigt wurden. Aus seiner amerikanischen Phase sind natürlich Rebecca, im Schatten des Zweifels, Weißes Gift, Der Fremde im Zug, Bei Anruf Mord, Das Fenster zum Hof und nicht zuletzt Psycho zu nennen. Die Vögel gehören ebenfalls in die vorderste Reihe.

Doch bei Verdacht , seinem vierten US-Streifen, fehlt ein glaubhafter Schluss. Hitchcock sagte später einmal fast resignierend: 

„Als die Entscheidung einmal gefallen war, Cary Grant zu nehmen, musste er unschuldig sein.”

Hitchcock versuchte trotzdem, ein spannendes Finale zu gestalten. Die Szene, in der Aysgarth mit einem Glas Milch zu seiner kranken Frau schreitet, suggeriert dem Publikum, es könne sich nur um vergiftete Milch handeln. Auch die Schlusssequenz, in der Grant im Auto den Arm um die verängstigte Joan Fontaine legt, und davonfährt, lässt immer noch Zweifel aufkommen. Schuldig oder nicht schuldig? Es bleibt dem Zuschauer überlassen, eigene Schlüsse zu ziehen.

Programm zum Film. (Foto: Filmverlag Unucka)

Hitchcock favorisierte einen anderen Schluss. In diesem hatte Aysgarth die Milch tatsächlich vergiftet, Lina trank sie aus Liebe zu ihrem Mann, was allerdings sehr unglaubwürdig erscheint. Zuvor schrieb sie einen Brief an ihre Mutter, in dem sie ihren Mann als Mörder bezeichnet. Der Hitchcock-Witz war, dass Lina ihren Mann vor ihrem Tod darum bittet, den Brief bei der Post aufzugeben – was er nach dem Mord auch unbekümmert macht, weil er vom brisanten Inhalt nichts ahnt.

Cary Grant, der den Mörder nicht spielen durfte, fand diese Lösung für den Film wunderbar: 

„Es war der perfekte Hitchcock-Schluss, aber das Studio bestand darauf, dass ich keinen Mörder spielte.”

Und so kam alles wie von RKO gewünscht. Verdacht blieb trotz guter Momente ein zwiespältiger Film im Gesamtwerk von Hitchcock.

Quellenangaben u. a.: „Cary Grant” von Jerry Vermyle (Heyne-Verlag), „Alfred Hitchcock”, Herausgeber: Paul Duncan (Taschen-Verlag).

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