Märchenerzähler Wilhelm Hauff „erfindet“ ominöses Wirtshaus im Spessart

Die von Kurt Hoffmann 1958 verfilmte Räuberballade „Das Wirtshaus im Spessart“ basiert auf einer Geschichte von Märchenerzähler Hauff. Was hat es damit auf sich? Versuch einer Antwort.

Seit Regisseur Kurt Hoffmann 1958 den Farbfilm Das Wirtshaus im Spessart – beruhend auf einer Geschichte des jung verstorbenen Märchenerzählers Wilhelm Hauff (1802-1827) – mit Lilo Pulver, Carlos Thompson und Hans Clarin als eine vergnügliche Räuberballade in Szene setzte, ist oft die Frage gestellt worden, wo im Spessart dieses sagenumwobene Wirtshaus wohl stehen mag. Das weiß niemand ganz genau, es gibt allerlei Vermutungen, mehr aber auch nicht. Nichts Genaues weiß man nicht!

Im Laufe vieler Jahre war ich selbst öfters in diesem größten Laubmischwald Deutschlands, der grob geschnitten zwischen Odenwald, Vogelsberg und Rhön liegt, eingerahmt von den Städten Aschaffenburg, Hanau, Gelnhausen im Westen, Steinau im Norden, Gemünden im Osten sowie Miltenberg und Wertheim im Süden. Augenzwinkernd war auch ich auf der eher halbherzigen Suche nach dieser Schänke, wohl wissend, dass sie nicht zu finden sein dürfte. Es gab in früheren Zeiten einfach zu viele Gasthäuser am Wegesrand, auch viele Spelunken darunter.

Räuberbanden

Genauso viele Räuber zogen einst durch die Spessart-Wälder. Meist selbst in der Gegend geboren, kannten sie jeden Baum, Weg und Stein. Bei solchen Kenntnissen und der sozialen Schieflage vieler Spessart-Bewohner war es an der Tagesordnung, dass weder Geldboten noch wohlhabende Postkutschen-Passagiere vor Überfällen gefeit waren und oft in einen Hinterhalt gerieten. Besonders nach den Napoleonischen Kriegen, die mehr als zwei Jahrzehnte lang von 1792 bis 1815 andauerten, waren Räuber eine häufige Erscheinung. 

Einsame Spessart-Wege. (Foto: Clipdealer)

In Banden mit wechselnder Besetzung vereinigten sich entwurzelte Männer, die in der wirtschaftlich zerrütteten Gesellschaft keine andere Möglichkeit mehr sahen, als ihren Lebensunterhalt mit Raubzügen zu sichern, selbst wenn ihnen die Todesstrafe drohte. Diese bitteren Stunden waren allerdings längst vergessen, als der Film Das Wirtshaus im Spessart die Region bundesweit in den Blickpunkt rückte, was für die regionale Tourismus-Branche geradezu eine Steilvorlage war, obwohl durchaus andere Attraktionen vorhanden waren. 

Einige Märchen der Gebrüder Grimm spielen offensichtlich in diesem Landstrich. Kein Wunder, waren die Grimms doch in Hanau geboren worden, und in Steinau aufgewachsen, also den Grenzgebieten des Spessarts. Es war dieser riesige Wald, der Sagen und andere unwahrscheinliche Geschichten geradezu hervorzauberte, meist beruhend auf realen Ereignissen. Der Spessart war nicht nur Märchen-, sondern tatsächlich auch Räuberland. Es ist verbürgt, dass sich in dieser Gegend mancher reale Überfall ereignet hat, und es sich dabei keineswegs um ausgedachte „Räuberpistolen” handelt. 

Handelsstraße

Warum gerade der Spessart von Banden und Einzeltätern heimgesucht wurde, hat einen einleuchtenden Grund. Durch die dunklen Wälder verlief schon seit 1625 eine der wichtigsten Handelsstraßen von Brüssel über Würzburg nach Prag, wobei zunächst in Rohrbrunn Station gemacht wurde. Es ist also naheliegend, das Wirtshaus dort zu vermuten. Doch nachdem 1720 eine verbesserte Route über Hessenthal und Mespelbrunn eingerichtet worden war, verlor die alte Straße ihre Bedeutung, die Posthalterei in Rohrbrunn wurde aufgegeben und spielte keine Rolle mehr. 

Ein Hinweis darauf, dass sich das ominöse Wirtshaus in Hessenthal befunden haben könnte (oder noch befindet), wollen Heimatforscher herausgefunden haben. Demnach soll ein überaus geschäftstüchtiger Wirt 1813 die Posthalterei in Hessenthal durch ein Gasthaus und Ställe, in denn die Kutscher die Pferde wechseln konnten, erweitert haben. Das entspricht ziemlich genau der Beschreibung von Wilhelm Hauff (Foto: Clipdealer) in seiner Erzählung vom Wirtshaus im Spessart. Hauff berichtet von zwei jungen Gesellen – Goldschmied der eine, Zirkelschmied der andere –, die auf ihrer Wanderschaft beide nachts in dem Gasthaus aus Angst vor bösen Buben nicht einschlafen können. Deshalb halten sie sich mit schauerlichen Geschichten wach, wobei sich Dichtung und Wahrheit vermischen. Wilhelm Hauff, der tatsächlich bei einer Reise im Spessart übernachtet hat, beschreibt die Unterkunft mit den Worten:

„Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und nebenan im Stalle hörte man Pferde wiehern. Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Tür sein konnte.” 

Diese Schilderung von Hauff trifft auf eine Gaststätte zu, die in Hessenthal steht. Es könnte das Wirtshaus im Spessart sein, muss es aber nicht. Und im Grunde ist es auch nicht bedeutsam, ob es dieses Gasthaus tatsächlich gegeben hat, oder ob Hauff seiner Fantasie freien Lauf ließ… Vielleicht war alles doch nur eine „Räuberpistole”. Jedenfalls gibt es heutzutage genügend attraktive Lokalitäten (neudeutsch „locations” genannt), die dem Gast Gaumenfreuden jeder Art bescheren. Dieses eine, bestimmte Wirtshaus im Spessart muss es also nicht sein.