Abschiedsmelodie für ein ausgedientes Sofa

Geschichten aus dem Leben erzählen ausrangierte Möbelstücke auf den Bürgersteigen, bevor sie von Müllmännern abgeholt werden. Wer feine Ohren hat, wird dabei sogar eine Abschiedsmelodie vernehmen…

Der Tag ist hellgrau. Dünn blinkt zwischen weißen Wolken ein Lichtstrahl aus Messing. Die fahle Sonne erhellt eine merkwürdige Szenerie. Auf dem schmalen Bürgersteig steht eine zersplitterte Küchenplatte, daneben ein kleiner Schreibtisch, dem drei Füße fehlen. Ein dreibeiniger, wackeliger Stuhl hält sich mit der Sitzfläche mühsam an einer Küchenspüle fest. Früher verchromt, hat sie sich längst dem fressenden Rost ergeben.

Sperrmüll-Tag! Unzählige Möbel, Schränke und anderes Mobilar, die der Mensch nicht mehr braucht, wenn er sich Neues ins Haus holt, kann (und muss) entsorgt werden. All die Dinge, die zu groß oder zu sperrig ist, um sie der Restmüll-Tonne anzuvertrauen. Am Straßenrand steht einsam und verlassen ein gelblich schimmerndes, verschlissenes Sofa, das seine besseren Tage längst hinter sich gelassen hat. 

Warten auf die Sperrmüll-Männer (Fotos: Signale)

Auf der Couch sind bei näherem Hinsehen Rotweinflecken zu erkennen. Deshalb wird das Kanapee bestimmt auch jetzt noch alte Geschichten aus bewegten Jahren erzählen können, wenn man es doch nur fragen könnte. Von zärtlichen Umarmungen, spannenden Kriminalfilmen und spätabendlichen Fußball-Kicks, bei denen reichlich dem Alkohol zugesprochen wurde.

Als Mario Götze im Finale der Fußball-WM 2014 im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro gegen Argentinien in der 113. Minute das 1:0-Siegestor schoss, dürften sich – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt –, Bier- und Rotweinflecke in das gelbe Tuch gefressen haben, während der brüllende Lärm der siegestrunkenen Familienfans sich durch das Wohnzimmer wälzte. Ein würdiges Dasein geht zu Ende. Erst leise und dann dröhnender erklingt eine Abschiedsmelodie…

Vorbei, vorbei! Jetzt geht das Sofa „den Weg allen Fleisches”, die Müllwerker kommen in wenigen Minuten mit ihrem gefräßigen Vieltonner, dessen unerbittliche Mahlwerke die Couch zertrümmern werden… Das klingt nicht mehr melodisch, aber auch dies ist ein letzter Gruß…

Das Sitzmöbel, so scheint es, könnte ein Fehlkauf gewesen sein, wahrscheinlich ist im Möbelhaus das Schrille gar nicht aufgefallen. Immerhin weiß fast jedermann, dass die Lampen eines Möbelhauses alles in einem dubios-falschen Licht erscheinen lassen. Vielleicht war das Gelbe aber auch dem Geschmack des Käufers geschuldet. Und über Geschmack lässt sich nicht streiten.