Kartoffeln, Gemüse und Obst an Bord einer eigenartigen Trambahn

In Frankfurt sollten Pakete mit der Straßenbahn transportiert werden. Das Pilotprojekt wurde jedoch Ende 2019 eingestellt, weil sich die eingesetzten Container als viel zu sperrig erwiesen.

So schlecht war der Gedanke eigentlich nicht gewesen. Als ich im November 2019 die Meldung las, die Verkehrsgesellschaft (VGS) der Stadt Frankfurt am Main habe nach einem Jahr das Projekt „Güter-Transport mit Straßenbahnen” aufgegeben, weil die Pakete nicht so recht in die dafür vorgesehenen Container passten, und ohnehin alles ein bisschen gequetscht war, erinnerte ich mich daran, dass die Idee eigentlich schon ziemlich alt sein musste. Schon als Schüler hatte ich eine sonderbare Tram in Frankfurt gesehen. Sie fuhr 1943 durch den Stadtteil Sachsenhausen und war vollgeladen mit Gemüse und Obst. In der Wallstraße 6 im Äppelwoi-Viertel stoppte sie kurz vor dem Gemüseladen Weyh und ein Mann stellte eilig ein paar Kisten auf den Bürgersteig. 

Der Triebwagen hatte an Stelle der Liniennummer ein rundes Schild mit dem Buchstaben G (wohl für Güterwagen) an der Stirnseite, darunter die Bezeichnung SONDERWAGEN, und noch kleiner prangte etwas tiefer die Aufschrift G 16, was ein Hinweis auf die normale Liniennummer 16 gewesen sein dürfte. Und mir fiel auch wieder ein, vom Gehweg der Deutschherrn-Eisenbahnbrücke  im Frankfurter Osten beim Blick auf die nahe Großmarkthalle Männer und Frauen beobachtet zu haben, die einen dunklen, etwas rustikal aussehenden Straßenbahnzug mit Säcken beluden, wahrscheinlich gefüllt mit Kartoffeln oder Zwiebeln.

Gemüsebahn

Was hatte es mit diesen seltsamen Straßenbahnen für eine Bewandtnis? Die Antwort lag damals im Elend des Krieges begründet. Der Transport von Gütern aller Art, besonders von lebenswichtigem Gemüse, war in vielen Großstädten immer schwieriger geworden, weil ständig private Lastwagen und Transporter für die Wehrmacht beschlagnahmt wurden. Berlin und Leipzig versuchten, mit umgebauten Straßenbahnzügen die Versorgung der Bevölkerung einigermaßen zu sichern. Frankfurt folgte damals diesem Einfall.

Im „Frankfurter Adressbuch” von 1943 wird in einem bilanzierenden Rückblick auf die „Leistungen” der Stadtverwaltung explizit auf eine solche Gemüse-Straßenbahn hingewiesen:

 „Die Städtische Straßenbahn (hat) die Beförderung eines wichtigen Teils der Güter des Frankfurter Großmarktes übernommen. Gleisanlagen und Oberbau bis zur Rampe der Großmarkthalle wurden in kürzester Zeit fertiggestellt und die Straßenbahn befördert bereits mit ihren Marktzügen Gemüse und Obst in verschiedene Stadtteile.”

Weiteren Nachforschungen ergaben, dass die Frankfurter Städtische Straßenbahngesellschaft ausrangierte Waggons reaktiviert und sie schleunigst für den Gemüse- und Obst-Transport hatte herrichten lassen. Jeder Zug bestand in der Regel aus dem Motorwagen und zwei angehängten Waggons. Die Sitzbänke wurden aus den Wagen entfernt, so dass reichlich Platz für die Güter vorhanden war.

Neues Gleis

Die nächstgelegene Straßenbahnstrecke an der Großmarkthalle verlief zu dieser Zeit von der Haltestelle Ostbahnhof über die Riederhöfe nach Fechenheim. Um die Großmarkthalle anfahren zu können, wurde in Windeseile von der Einmündung Grusonstraße am Ostbahnhof ein Gleisabzweig samt Oberleitung direkt an die Rampe der Großmarkthalle verlegt. 

Mitte November 1942 nahmen zunächst drei Züge mit den Nummern 16, 27 und 28 ihre Fahrten auf. Anfangs wurde die Verbindung zwischen Frankfurt und Offenbach bedient, danach wurde dieser Zubringerdienst der Straßenbahn auf verschiedene Frankfurter Stadtteile und Vororte erweitert. 

Gescheitert

Viele Jahrzehnte sind seitdem vergangen, aber die Idee mit dem Straßenbahn-Transport ist nie ganz eingeschlafen, wurde immer wieder aufgegriffen und dann doch verworfen. Ein Durchbruch gelang nie. In Wien wurde ein solcher Versuch mangels Kundeninteresse vor einiger Zeit eingestellt. In Berlin und Dresden wurde ebenfalls mit Güterfahrten experimentiert (Ausgang offen), in Frankfurt ist das Projekt definitiv gescheitert.

Quellenangaben: Eigene Erinnerungen, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Frankfurter Adressbuch 1943, Pressedienst Verkehrsgesellschaft Frankfurt.

 

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