Jagd nach einem Fensterheber

Wer ein älteres Automobil sein eigen nennt, kann ein Lied davon singen: Ist nämlich die Produktion eines Fahrzeuges erst einmal eingestellt, kann es mit den Ersatzteilen im Laufe der Jahre eng werden – besonders dann, wenn die aufgelegte Produktionszahl ohnehin nicht gerade in die Hunderttausende geht. 

Vergebliche Suche nach dem passenden Ersatzteil für ein betagtes Auto. (Foto: Clipdealer)

Mein Coupe Fiat war eines der letzten von insgesamt nur 72 762 Exemplaren, die in der Autoschmiede Pininfarina bei Turin zwischen 1992 und 2000 vom Band liefen. Letztes Produktionsjahr also vor immerhin 18 Jahren. Niedrige Stückzahlen eines Autos bedeuten aber auch verschwindend geringe Mengen an Ersatzteilen. Und alle, die nicht im Zweijahres-Rhythmus den fahrbaren Untersatz wechseln, sind irgendwann die Gelackmeierten.

Als im Oktober 2018 mein elektrischer Fensterheber auf der Fahrerseite (also links) seinen Geist aufgab, und die Scheibe sich nur noch mit roher Gewalt fixieren ließ, schien das zunächst kein wirkliches Problem zu sein. Eile war zwar geboten, der Herbst war schon eingezogen, und wer will schon bei Regengüssen mit offenen Fenster fahren – von der eindringenden Kälte ganz zu schweigen. 

Mein hellblaues Coupe mit noch intaktem Fensterheber. (Foto: Erich Stör)

Der Auftrag für ein entsprechendes Ersatzteil war in der Werkstatt schnell erteilt, doch schon nach einer Stunde meldete sich der Chef und teilte resigniert mit, Fensterheber für die Fahrerseite seien weder beim Hersteller noch im einschlägigen Fachhandel vorrätig. Auch schnell eingeleitete Recherchen bei anderen Werkstätten oder Lieferanten blieben ergebnislos. Gebetsmühlenartige Auskunft: „Das Ersatzteil ist nicht  lieferbar!”. Immerhin erfolgte meist der freundliche Hinweis, Fensterheber für die Beifahrer-Seite seien genügend vorhanden.

Meine erstaunt-naive Frage, warum dies so sei, wurde überzeugend-schlüssig beantwortet:

Die rechte Tür wird eben nicht so oft benutzt wie die linke. Das dauernde Ein- und Aussteigen sowie das ständige Zuschlagen auf der Fahrerseite führt öfter zu Defekten und damit zu einem höheren Verschleiß der Fensterheber.”

Aha! Das war durchaus einleuchtend, aber guter Rat war teuer, denn wie sollte sich das Problem nun lösen lassen. In Absprache mit dem freundlichen Werkstatt-Inhaber machte ich mich nun selbst auf die Suche nach dem Ersatzteil, warum gibt es schließlich das Internet, Ebay und Amazon? Und mir kam eine Idee. Für den britischen Markt waren Coupes mit Rechtlenkung hergestellt worden, demnach müssten dort für die linke, weniger anfällige Tür doch reichlich Fensterheber vorhanden sein. Doch alle Recherchen im Internet und auf diversen britischen Websites von Coupe-Liebhabern blieben ergebnislos. 

Spanien und Frankreich

Genau so war es bei Amazon Deutschland. Einige Zubehörhändler offerierten zwar (und sogar mit Foto) Fensterheber für die Fahrerseite, doch waren diese Angebote alle mit dem dezenten Hinweis „Nicht lieferbar” versehen. Bei Amazon Frankreich und Spanien wurde ich schließlich fündig, dort wurden bereits benutzte „elektrische Kurbelapparate (Original-Ersatzteilnummer 46303557)” zu 123 oder 200 Euro angeboten. Der Versuch, ein Teil in den Warenkorb zu legen, scheiterte indessen kläglich, wurde mir doch lapidar mitgeteilt: 

„Keine Lieferung nach Deutschland!”

Eine Option blieb mir noch in der Italien, doch der Verkäufer wollte 180 Euro in bar und per Post, was mir dann doch ein wenig suspekt erschien. Nach einer Woche schließlich doch noch ein Erfolg. Ein westfälischer Auto-Ausschlachter hatte ein letztes, gebrauchtes, aus einem alten Coupe ausgebautes Exemplar des Fensterhebers 463003557 am Lager. Preis: 60 Euro. Schnell geordert, schnell geliefert, Einbau in zwei Stunden. Fensterheber funktioniert wieder, aber dafür knisterte es jetzt hörbar hinter der Türverkleidung. 

Nun, gut! Der Mensch kann nicht alles haben…