Wo Büchner geboren wurde…

Das alte Fachwerkhaus in Goddelau, einem Ortsteil von Riedstadt im Südhessischen, steht ansehnlich, fast wuchtig in der Weidstraße 9. Weiße Fensterrahmen und grüne Klappläden zieren das Haus, die Holzbalken sind von blassem Rot, das Mauerwerk hell. Zwei Bänke vor dem Eingang, ein gepflasterter Hof, im Garten kleine Rosenhecken. In diesem 1665 erbauten Haus wurde am 17. Oktober 1813 ein gewisser Georg Büchner geboren, der heute Goddelaus berühmtester Sohn ist. 

Blick auf das Büchner-Hause in Goddelau. (Foto: Erich Stör)

Als Büchner im ersten Stock das Licht dieser Welt erblickte, war das Fachwerkhaus selbst schon fast 150 Jahre alt. Sein Vater arbeitete damals etwas abseits von Goddelau in jenem Krankenhaus, das auch heute noch als „Zentrum für Soziale Psychiatrie Philippshospital” existiert. Büchner lebte allerdings nur zwei Jahre in Goddelau, dann verzogen die Eltern nach Darmstadt in die Grafenstraße 39. Büchners rebellische Lehr- und Wanderjahre führten ihn als jungen Mann von Darmstadt über Gießen und Straßburg ins Exil nach Zürich, wo er an Typhus erkrankte und im Alter von nur 23 Jahren starb.  Weiterlesen

Geschichte der „Hüttenkirche“

An der Verbindungsstraße Vitrolles-Ring zwischen den Ortsteilen Walldorf und Mörfelden der Doppelstadt Mörfelden-Walldorf steht – versteckt in einem von Büschen umgebenen Gelände – eine kleine, hölzerne Kapelle, allgemein bekannt als Hüttenkirche. Diese Kapelle hat eine bewegte Geschichte hinter sich, und gilt seit ihrer Eröffnung am dritten Advent 1980 als Symbol des Widerstandes gegen die Zerstörung der Natur und den Ausbau des Frankfurter Flughafens. 

Die Hüttenkirche zwischen Walldorf und Mörfelden. (Foto: Erich Stör)

Gerade deshalb aber wirkt die Hüttenkirche heutzutage auch wie ein Relikt aus einer versunkenen Vergangenheit. Denn der gefräßige Moloch „Fraport” hat inzwischen mit einer weiteren Landebahn, der Errichtung der Frachtstadt Cargo City Süd und dem Bau des Terminals 3 ständig weitere Natur vernichtet, ohne vergleichbaren Gegenwind wie damals hinnehmen zu müssen – was die  Bedeutung des Widerstandes gegen die Startbahn West allerdings besonders ins Licht rückt. Weiterlesen

Rennfahrer in der Résistance

Mehrere Automobilrennfahrer aus Frankreich und England kämpften in der Widerstandsbewegung gegen das Hitler-Regime, darunter Robert Benoist, William Grover, René Dreyfus und Jean-Pierre Wimille. Ein Denkmal für die vielen Aktivisten der Résistance in Antibes erinnert auch an diese Männer.

Statue des Rennfahrers und ersten Monte-Siegers William Grover in Monaco. (Foto: Clipdealer)

Immer wenn das Formel 1-Rennen in Monaco auf dem Programm steht, kommen Erinnerungen an Rennfahrer der Vergangenheit auf, die nur noch in den Geschichtsbüchern aufgeführt sind, deren Leben gleichwohl tiefe Spuren hinterlassen hat – und zwar auf ganz außergewöhnliche Art und Weise. Sie kämpften in der französischen Widerstandsbewegung. Ich rede hier also keineswegs von Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Max Verstappen oder anderen Protagonisten des Rennsports. Weiterlesen

Stoltze wieder am Hühnermarkt

Ein Denkmal, das an den Humoristen und Heimatdichter Friedrich Stoltze erinnert, steht – wenn auch mit Unterbrechungen – seit Jahrzehnten in der Frankfurter Innenstadt. Seit 21. November 1895 hatte es seinen Platz am Hühnermarkt in der Altstadt zwischen Römer und Dom, doch nach den verheerenden Luftangriffen 1944 musste es abgebaut und eingelagert werden.

Der markante Kopf von Friedrich Stoltze auf dem Hühnermarkt in Frankfurt. (Foto: Oliver Stör)

Das von dem Frankfurter Bildhauer Friedrich Schierholz im Stil der Neo-Renaissance entworfen Denkmal wurde erst 1981 wieder aufgestellt, und zwar hinter  der Katharinenkirche auf dem Friedrich-Stoltze-Platz, nahe der Hauptwache. Doch seit 2018 ist es wieder an seinen ursprünglichen Platz an den Hühnermarkt zurückgekehrt. Stoltze ist also wieder zu Hause, und das im wahrsten Sinne des Wortes, steht er doch nur wenige Meter vom Rebstock entfernt, einem Gasthof, den sein Vater betrieb, und in dem Stoltze von 1816 bis 1833 seine Kindheit verbrachte.

Friedrich Stoltze, diesen vielseitig engagierten Schriftsteller, Journalisten, Humoristen, Heimatchronisten und Revolutionär (1816-1891) in diesem Zusammenhang umfassend zu würdigen, wäre eine echte Herkulesaufgabe – keinesfalls kann das hier in einen kurzen Beitrag erledigt werden. Nur einige Sätze können an dieser Stelle an den Frankfurter erinnern, der Zeit seines Lebens sich mit Worten einmischte, wann immer es ihm notwendig erschien, und der sich immer wieder mit den herrschenden Politikern anlegte. Stoltze war immer und stets ein unbeirrbarer Feuerkopf.  Weiterlesen

Rosa Luxemburg im Titania

Das Haus Basaltstraße Nr. 23 im Frankfurter Stadtteil Bockenheim mit dem Titania im Hof beherbergte einst eine Eisfabrik, eine Liederhalle, war Gewerkschaftshaus und danach sogar lange Zeit Kino. Das Gebäude hat wahrlich eine vielfältige Geschichte. Der politische Aspekt spielte dabei immer eine wichtige Rolle.

Gedenktafel am Haus Basaltstraße 23 in Frankfurt-Bockenheim. (Foto: Erich Stör)

Eine Gedenktafel erinnert an einen Auftritt von Rosa Luxemburg. Ich erinnerte mich daran, als ich dieser Tage an dem Haus vorbeiging. Hier hielt die aus Polen stammende Sozialistin Rosa Luxemburg am 26. September 1913 ihre flammende Rede gegen Militarismus und Krieg, worauf sie von den kaiserlichen Behörden umgehend „wegen Aufruhrs” verhaftet wurde.

Rosa Luxemburg musste zwar zunächst wieder freigelassen werden, wurde aber im Februar 1914 wegen der „Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit“ zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt.

An dem Haus, an dem die Sozialistin ihre Rede hielt, hat die „Hessische Rosa-Luxemburg-Stiftung” eine Erinnerungstafel anbringen lassen, auf der die Geschehnisse von damals in Kurzfassung festgehalten sind. Weiterlesen

Schicksale „in jenen Tagen“

Lange Zeit genoss der deutsche Nachkriegsfilm bei  Historikern keinen besonders guten Ruf, denn viel zu viele dünne Revuefilme, schnulzige Heimatschinken und belanglose Lustspiel-Klamotten fanden nach 1945 den Weg auf die Leinwände. Ich selbst habe jedoch andere Erinnerungen an diese Endvierziger und Fünfziger Jahre, weil ich oft genug sah, dass sich  viele Filmschaffende durchaus ernsthaft mit Krieg und Nazi-Zeit auseinander setzten. Heute gibt es auch unter Cineasten längst ein differenzierteres Bild des deutschen Filmschaffens, wozu auch Helmut Käutners Film In jenen Tagen beigetragen haben dürfte.

Ein Auto in der Düsternis der Nacht. (Foto: Clipdealer)

Es gab auch viele andere Filme, die sich des Themas annahmen. Einige davon habe ich als junger Mensch gesehen. Schon die drei ersten Filme, die nach 1945 gedreht wurden, befassten sich mit der Nazizeit. „Die Mörder sind unter uns” (Wolfgang Staudte, sowjetische Zone), „Und über uns der Himmel” (Josef von Baky, britische Zone) und „Zwischen gestern und morgen” (Harald Braun, amerikanische Zone) boten dabei unterschiedliche Ansätze (und Ergebnisse). Bakys „Und über uns der Himmel” schien mir am wenigsten geeignet, die Problematik tiefergehend zu beleuchten. Weiterlesen

Wasserturm wird „Kulturpalast“

Wer mit Automobil oder Fahrrad über die B 44 von Frankfurt am Main in Richtung Groß-Gerau fährt und sich Mörfelden nähert – einem der beiden Ortsteile der Doppelstadt Mörfelden-Walldorf, sieht sogleich diesen Wasserturm. Das 35 Meter hohe Bauwerk wurde 1929 erbaut und diente bis in die 60er Jahre der Versorgung der Bevölkerung mit Wasser. 

Wasserturm am Ortseingang von Mörfelden. (Foto: Erich Stör)

Als der Turm dann stillgelegt wurde, wurde das Erdgeschoss zunächst einige Zeit als Zentrum der Jugendförderung genutzt. Naturfreunde sowie andere Vereine fanden zeitweise Unterschlupf. Später erlebte das Gebäude Führungen interessierter Bürger. Das 2016 gegründete „Projekt Wasserturm” – überwiegend aus Frauen bestehend –, möchte das Gebäude neuerdings wieder verstärkt künstlerisch und kulturell nutzen lassen. Erste Veranstaltungen gingen bereits im Oktober 2016 und im Jahr 2017 über die Bühne. Das Gebäude erwacht also zu neuem Leben.

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Denkmal der roten Fahnen

Vor dem Bürgerhaus Mörfelden fällt dem Besucher eine rote Stahlskulptur auf, die an die Errichtung des Volkshauses 1930 erinnert. Sie stellt im Wind flatternde Fahnen dar und wurde von dem Darmstädter Künstler Gerhard Schweizer gestaltet. Als ich dieser Tage eine Veranstaltung im Bürgerhaus besuchte, fiel mir wieder einmal dieses mächtige Denkmal ins Auge.

Das Denkmal vor dem Bürgerhaus in Mörfelden. (Foto: Erich Stör)

Professor Schweizer hatte das Ehrenmal 2007 im Auftrag der Kommune zur Erinnerung an die Erbauer kreiert, nachdem fünf Jahre zuvor die örtliche Fraktion der DKP/Offene Liste in der Stadtverordneten-Versammlung den Antrag gestellt hatte, ein solches Denkmal zu errichten. Es soll an die Arbeiter, Bauern und Handwerker aus Mörfelden erinnern, die  Ende der Zwanziger Jahre in mehrjähriger, freiwilliger Arbeit das Volkshaus erbaut hatten.

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Beromünster auf Mittelwelle 531

Radio Beromünster, ein Schweizer Landessender, spielte im Zweiten Weltkrieg als neutrale  und unabhängige Stimme eine wichtige Rolle. Ein Rückblick in eine vergangene Rundfunkwelt, die heute mit modernsten Mitteln der Digitalisierung fortgeführt wird. Eine Ausstellung betagter Radios in Kelsterbach bei Frankfurt am Main – verbunden mit einer großen Sammlerbörse – weckte in diesen Tagen bei mir Erinnerungen an die Frühzeit des Rundfunks, als man das Gefühl hatte, mit den „Dampfradios” ferne und fremde Welten erkunden zu können. Die leuchtenden Skalen mit berühmten Städten wie Tokio, Rom, London, Moskau, Paris oder New York waren damals schon aufregend genug, aber auch Namen wie etwa Sottens, Kalundborg, Bari, Hörby, Hilversum, Sundsvall, Daventry, Monte Ceneri und Beromünster faszinierten.

Sendemast (Symbolfoto: Swift Publisher)

Und dieses Beromünster ist eine Legende! Den Schweizer Landessender hörte ich selbst erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg, und da war mir noch nicht bewußt, welche Rolle er in den Jahren zuvor gespielt hatte. Das erfuhr ich erst später, als ich mich etwas genauer über die Geschichte der Station informierte. Im Kanton Luzern war 1931 der Betrieb aufgenommen worden. Der Sender galt in der deutschsprachigen Schweiz schnell als Synonym für „guten Rundfunk“ schlechthin. Zuverlässige Nachrichten und interessante Kultur- und Unterhaltungsangebote waren das Kernstück. Das redaktionelle Bemühen um Qualität war stets spürbar. Bald wurde dem Sender jedoch ungewollt eine außergewöhnliche Rolle zuteil.

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Massive Proteste gegen Harlan

Vor über 65 Jahren, im Frühjahr 1951, hagelte es in Frankfurt Proteste gegen den Filmregisseur Veit Harlan, der 1940 den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß” gedreht hatte und dessen Nachkriegsmelodram („Unsterbliche Geliebte”) im Metro im Schwan gezeigt werden sollte. Schlagzeilen der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ spiegeln das wider.

Schlagzeilen der Frankfurter Rundschau zum Harlan-Film. (Grafik: Signale)

Harlan – „eine der Galionsfiguren des Nazifilms“, wie der Filmhistoriker Rudolf Worschech in einem Beitrag über das Nachkriegskino in der Mainmetropole vermerkt – war nach 1945 zunächst nur mit einem Berufsverbot belegt worden. Die „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ (VVN) und auch die „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ hatten den Regisseur wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angezeigt, doch im April 1949 sprach ihn das Hamburger Landgericht mangels Beweises frei.

Das Urteil wurde ein Jahr später in einer Revisionsverhandlung bestätigt; immerhin erklärte das Gericht, der Film erfülle sowohl objektiv als auch subjektiv den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Für Harlan war gleichwohl der Weg frei, um in sein altes Metier zurückzukehren.

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