Schicksale aus „jenen Tagen“

Lange Zeit genoss der deutsche Nachkriegsfilm bei manchen Historikern keinen besonders guten Ruf; nicht immer zu Unrecht –: zu viele dünne Revuefilme, schnulzige Heimatschinken und Lustspiel-Klamotten hatten den Weg auf die Leinwände gefunden. Ich selbst habe jedoch andere Erinnerungen an diese Endvierziger und Fünfziger Jahre, weil sich oft sah, dass sich Filmschaffende nach 1945 durchaus ernsthaft mit Krieg und Nazi-Zeit auseinander setzten. Heute gibt es unter Cineasten längst ein differenzierteres Bild des deutschen Filmschaffens, wozu auch Helmut Käutners Film In jenen Tagen beigetragen haben dürfte.

Ein Auto in einsamer Nacht: – Erzählungen über 12 Jahre Dunkelheit. (Symbolfoto: Clipdealer)

Es gab auch viele andere Filme, die sich des Themas annahmen. Einige davon habe ich als junger Mensch gesehen. Schon die drei ersten Filme, die nach 1945 gedreht wurden, befassten sich mit der Nazizeit. „Die Mörder sind unter uns” (Wolfgang Staudte, sowjetische Zone), „Und über uns der Himmel” (Josef von Baky, britische Zone) und „Zwischen gestern und morgen” (Harald Braun, amerikanische Zone) boten dabei unterschiedliche Ansätze (und Ergebnisse). Bakys „Und über uns der Himmel” schien mir am wenigsten geeignet, die Problematik tiefergehend zu beleuchten. Weiterlesen

Vagabund Chaplin verehrt ein blindes Blumenmädchen

Sechsunddreissig Monate arbeitete der berühmte Charlie Chaplin an seinem Film Lichter der Großstadt, feilte an jeder Szene und jedem Detail, verzweifelte fast, wenn etwas nicht so klappte, wie gewünscht, kämpfte wie ein Berserker um jeden Gag – und heraus kam nach drei Jahren ein Meisterwerk der Filmkunst. Daran wurde ich erinnert, als mir ein uraltes Buch aus dem Jahr 1953 auf einem Flohmarkt in die Hände fiel: „Paradies Amerika” aus dem Berliner Aufbau-Verlag. Der legendäre Prager Journalist Egon Erwin Kisch berichtet darin unter anderem über einen Besuch bei Charlie Chaplin in Hollywood, als dieser gerade  City lights (Lichter der Großstadt) dreht…

Lichter einer Großstadt. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Aber was heisst hier dreht!? Nein, Chaplin dreht nicht einfach, er tüftelt, arbeitet, verwirft, hat neue Ideen, probiert, lässt Szenen unzählige Male wiederholen, fragt Kisch Löcher in den Bauch, ist entsetzt und deprimiert, als der Reporter einige Gags nicht versteht. Verzweifelt versinkt er in seinem Stuhl, vergräbt die Hände im Gesicht und murmelt: „Wir müssen alles neu drehen!”.

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Dr. Mabuse verärgert Goebbels

Fritz Lang, schuf einst als Regisseur den Kriminalfilm Das Testament des Dr. Mabuse. Der Streifen gilt bis heute als Parabel auf die Naziherrschaft und wurde von Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels umgehend verboten. Als ich vor kurzem eine DVD des Filmes entdeckte, erinnerte ich mich daran, diesen Klassiker erst vor ein einigen Monaten im deutsch-französichen Kulturkanal „arte” gesehen zu haben. Es handelt sich um einen Kriminalfilm, der Geschichte geschrieben hat. Der Thriller von 1933 ist in Deutschland erstmals im August 1951 gezeigt worden, in Frankfurt am Main wurde er am 11. September im „Bieberbau” an der Hauptwache gestartet.

Dr. Mabuse verbreitet Angst und Schrecken… (Foto: Clipdealer)

Die jahrelange Verzögerung hatte politische Gründe. Regisseur Fritz Lang hatte den Film bereits 1932/33 in Berlin in einer deutschen und französischen Fassung gedreht, doch beide Versionen wurden wegen der von Minister Dr. Joseph Goebbels unterstellten Parabel auf die Naziherrschaft in Deutschland von den Leinwänden verbannt.

Ob eine Warnung vor dem Faschismus wirklich die Intention von Fritz Lang war, sei daheingestellt. Der Bezug zum Nazi-Regime ist zwar unübersehbar, aber Lang hatte einen generellen Abscheu vor Totalitarismus jedweder Art. Heutzutage kann der Streifen auch als Warnung vor dem internationalen Terrorismus verstanden werden – und für andere politische Konstellationen gilt das ebenso.

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Riesenwirbel um „Die Sünderin“

Als der neue Willi-Forst-Film Die Sünderin 1951 im Frankfurter „Turmpalast“ aufgeführt werden sollte, hagelte es viele Proteste – vor allem von kirchlichen Institutionen. Wieder einmal erlebt Frankfurt am Main großen, aufwändigen Starrummel. Zur deutschen Erstaufführung  erscheinen Regisseur Willi Forst sowie die Hauptdarsteller Hildegard Knef und Gustav Fröhlich. Die Künstler verneigen sich artig vor dem Beifall klatschenden Publikum, doch bei den folgenden Gesprächen mit den Zeitungsleuten kommt auch reichlich Frust auf.

„Die Sünderin“ mit Hildegard Knef sorgte für Aufsehen. (Foto: © Clipdealer & Filmverlag Christian Unucka).

Vor allem Forst ist pikiert, weil sein Werk bei der Freiwilligen Filmkontrolle in Wiesbaden zunächst durchgefallen war. Willi Forst bittet die Journalisten deshalb  flehentlich darum, ihn in der Wirrnis des deutschen Nachkriegsfilms „nicht im Stich zu lassen”. Denn täte man dies, so der Wiener Regisseur im Hinblick auf kassenträchtige Heimatschnulzen wie „Schwarzwaldmädel” oder die Revue-Schmonzette „Die Dritte von rechts” ironisch, dann würde es in Zukunft wohl nur noch „Das Dritte Schwarzwaldmädel von rechts” geben.

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Film über Schuld und Sühne

Die Mörder sind unter uns – dieser erste deutsche Spielfilm nach dem Zweiten Weltkrieg stammt von Wolfgang Staudte, wurde von der DEFA gedreht und am 15. Oktober 1946 im sowjetisch besetzten Sektor von Berlin im Admiralspalast uraufgeführt. Das Drama um Schuld und Sühne war und ist auch heute noch – 70 Jahre später – politisch aktuell und begründete den Weltruhm von Hildegard Knef, die in ihrem fünften Film erstmals als Hauptdarstellerin eingesetzt wurde.

Der erste deutsche Nachkriegsfilm. (Foto: Clipdealer/Signale)

Lange hat sich die Legende gehalten, dieser Film sei im Westen Deutschlands in den Nachkriegsjahren nicht gezeigt worden. Korrekt ist jedoch, dass der Streifen in der französischen Zone bereits im April 1947 in Baden-Baden und danach im Mai auch in Ludwigshafen gezeigt wurde, sogar zwei Monate vor den Starts in der britischen und amerikanischen Zone (darunter auch in Frankfurt).

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Sonnenuntergang einer Diva

Billy Wilder war einer der vielseitigsten Regisseure in der amerikanischen Traumfabrik Hollywood. Einer seiner Filme war Sunset Boulevard (deutscher Titel: Boulevard der Dämmerung) aus dem Jahr 1950, der gelegentlich im Fernsehen zu sehen ist. Der Titel kann sinngemäß auch als „Prachtstraße des Sonnenuntergangs” interpretiert werden.

Wenn in der Traumfabrik die Sonne untergeht…(Foto: Clipdealer)

Der Schwarz-Weiß-Film entlarvt in schonungslosen Bildern das glamouröse Image der mächtigen Hollywood-Konzerne, ist aber letztes Endes doch auch wieder selbst nur ein Produkt dieser im Film bloßgestellten „Traumfabrik”. Die Tragödie um einen alternden Stummfilmstar spielte insofern eine besondere Rolle im Schaffen Wilders, weil erstmals ein zutiefst kritischer Blick auf die Gnadenlosigkeit der Traumfabrik geworfen wurde, ohne jedoch Konsequenzen auszulösen.

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Proteste gegen Regisseur Harlan

Vor über 65 Jahren, im Frühjahr 1951, hagelte es in Frankfurt Proteste gegen den Filmregisseur Veit Harlan, der 1940 den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß” gedreht hatte und dessen Nachkriegsmelodram („Unsterbliche Geliebte”) im Metro im Schwan gezeigt werden sollte. Schlagzeilen der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ spiegeln das wider.

Schlagzeilen der Frankfurter Rundschau zur Diskussion um Harlan-Film. (Grafik: Signale)

Harlan – „eine der Galionsfiguren des Nazifilms“, wie der Filmhistoriker Rudolf Worschech in einem Beitrag über das Nachkriegskino in der Mainmetropole vermerkt – war nach 1945 zunächst nur mit einem Berufsverbot belegt worden. Die „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ (VVN) und auch die „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ hatten den Regisseur wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angezeigt, doch im April 1949 sprach ihn das Hamburger Landgericht mangels Beweises frei.

Das Urteil wurde ein Jahr später in einer Revisionsverhandlung bestätigt; immerhin erklärte das Gericht, der Film erfülle sowohl objektiv als auch subjektiv den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Für Harlan war gleichwohl der Weg frei, um in sein altes Metier zurückzukehren.

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Duschmord in 54 Einzelteilen

Der Thriller Psycho ist eines der filmischen Meisterwerke von Alfred Hitchcock. Es verbindet in geradezu perfekter Weise Atmosphäre, Montage und Musik zu einem Horror-Szenario ohnegleichen. Zentraler Punkt des Geschehens ist ein Mord unter der Dusche – eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte. Die 2,15 Minuten lange Sequenz besteht aus 54 verschiedenen Einstellungen und Schnitten, die sorgfältig erarbeitet worden sind. Die Dreharbeiten dafür dauerten allein rund eine Woche.

Alfred Hitchcock drehte eine Woche in der Dusche. (Foto: Swift Publisher)

Als ich jetzt den Film zum wiederholten Mal erlebte, erinnerte ich mich daran, wie der Thriller bei seiner Erstaufführung beworben worden ist. In den Zeitungsinseraten der Kinobesitzer wurde eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass nach Beginn einer Vorstellung kein Besucher mehr in den Saal gelassen würde; außerdem wurde darum gebeten, den Schluss nicht an Freunde und Bekannte zu verraten. Mit diesen Maßnahmen sollte das ohnehin große Interesse an Psycho noch weiter angeheizt werden.

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