Wostotschny oder Baikonur

Das jüngst eröffnete und weiter im Bau befindliche russische Kosmodrom Wostotschny im Amurgebiet des Fernen Ostens hat seine ersten Starts erlebt. Beide verliefen nicht problemlos. Im April 2016 musste der Flug einer Sojus-Rakete wegen eines technischen Fehlers um einen Tag verschoben werden, im November 2017 arbeiteten Bodeneinrichtungen und Träger einwandfrei, doch verfehlte der an Bord befindliche Satellit sein Ziel.

Aufbruch im Kosmodrom Wostotschny. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Wer über das neue Wostotschny schreibt, muss zwangläufig erst einmal auf Baikonur eingehen. Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 des Ministeriums für Verteidigung” entstanden.

Damals ahnte niemand, dass dieser Ort in den folgenden Jahrzehnten als Kosmodrom Baikonur zu weltweitem Ruhm gelangen würde: – und auch von Katastrophen nicht verschont blieb. Im Oktober 1960 verloren bei der Explosion der Interkontinentalrakete R 16 zahlreiche Menschen ihr Leben. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken noch heute. In verschiedenen Veröffentlichungen werden zwischen 74 und 156 Tote genannt.

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Chruschtschows riskanter Plan

Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita S. Chruschtschow überredete einst den legendenumwobenen Raumfahrt-Chefkonstrukteur Sergej Koroljow, in der nur für einen Kosmonauten konstruierten Wostok-Kapsel drei Männer fliegen zu lassen. Die geradezu abenteuerliche Idee wurde trotz anfänglicher Bedenken in die Tat umgesetzt, doch pikanterweise wurde Chruschtschow just zu dem Zeitpunkt aller seiner Ämter enthoben,  als das von ihm initiierte und umkonstruierte Raumschiff von Baikonur aus in den Himmel startete.

Aus dem kleinen Wostok-Raumschiff wurde die Woschod gebastelt… (Symbolfoto: Clipdealer)

Frühjahr 1964 in Moskau.  Sergej P.  Koroljow, dem Chefkonstrukteur der sowjetischen Sputniks und Wostok-Raumschiffe, verschlägt es schier die Sprache, als in seinem Büro das Telefon klingelt und sich auf der so genannten „Kreml-Leitung” Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow meldet. Das ist zwar an sich nichts Außergewöhnliches, denn zwischen dem Staatslenker einerseits und dem damals wichtigsten Leiter des UdSSR-Raumprogramms besteht im Zusammenhang mit der Entwicklung militärischer und ziviler Raketen stets Redebedarf. Was Koroljow jedoch geradezu entsetzt, ist die Forderung von Chruschtschow, in der Wostok-Kapsel, die für nur einen Kosmonauten konzipiert worden war, drei Mann fliegen zu lassen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, widerspricht Koroljow zunächst, doch der Staatschef, der die Wirkung der sowjetischen Raumfahrterfolge jener Jahre zu schätzen weiß wie kaum ein anderer, beharrt auf seinem Wunsch. Und Koroljow beugt sich, so wie es im System damals üblich ist.

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Ein Sputnik am Sternenhimmel

Ein sowjetischer Sputnik erblickte im Oktober 1957 das Licht der Welt. Der in Baikonur gestartete kleine Satellit bildete den Anfang für die internationale Raumfahrt. Doch wenn heutzutage Astro- oder Kosmonauten gleich welcher Nationalität zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen oder von dort zur Erde zurückkehren, nimmt außer einigen Experten und Enthusiasten, kaum noch jemand Notiz von den Ereignissen. 

Eine kleine Kugel flog im Oktober 1957 um die Erde. (Symbolfoto: Clipdealer)

Raumfahrt ist zur Routine geworden, Starts vom Kosmodrom Baikonur zum „Außenposten der Menschheit” sind, ebenso wie Landungen nicht mehr erwähnenswert. Nur kleine oder größere Pannen – wie etwa der mißlungene Start eines Versorgungsschiffes – finden noch Eingang in die Medien. Doch das Zeitalter der Raumfahrt ist noch gar nicht so alt. Die ersten Raketenstarts waren vor gerade einmal 60 Jahren eine Sensation.

So nahm auch eines der bedeutendesten Ereignisse des 20. Jahrhunderts in der unwirtlichen Steppe Kasachstans seinen Anfang. Am 4. Oktober 1957 um 22:28:34 Uhr Moskauer Zeit – am Startplatz in Tjuratam war bereits der 5. Oktober angebrochen (Ortszeit 00:28:34 Uhr) – startete mit Donnergetöse und 20 Millionen PS Schubkraft eine zweistufige Interkontinentalrakete vom Typ R 7 in den nächtlichen Himmel, um erstmals in der Geschichte der Menschheit einen kleinen, silbergrauen Satelliten von 83,6 Kilogramm Gewicht in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Geschwindigkeit: 28. 000 km/h, Zeit für eine Erdumkreisung etwas über 95 Minuten. 92 Tage verrichtete der erste Erdbegleiter seine Arbeit, ehe er am 4. Januar 1958 verglühte.

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Planmäßig wird eine Rakete in ihre Einzelteile zerlegt

Die Raketenstarts in Korou (Französisch Guyana), Jiuquan (China), Baikonur (Kasachstan), Plessezk, Wostotschny (beide Russland) oder dem Kennedy Space Center (USA) sind Routine, obwohl jedes Mal eine Portion Anspannung bei den Verantwortlichen zu spüren ist. Stress ist kein Wunder, darf man sich doch bei den horrenden Kosten im Raumfahrtgeschäft keine Fehler erlauben. 

Start einer Sojus-Rakete auf dem ESA-Startplatz in Korou. (Foto: © ESA)

Die ingenieurtechnischen Lösungen, um eine Rakete nach dem Start planmässig in ihre Einzelteile zu zerlegen, sind immer wieder faszinierend. Um einen Satelliten oder ein Raumschiff ohne Schaden in eine Erdumlaufbahn, zum Mond oder gar zu anderen Planeten oder Kometen zu befördern, muss die genau geplante „Zerstörung” einer Rakete perfekt funktionieren. Wenn es nur die geringste Abweichung gibt, und das vorgesehene Regime versagt, enstehen Millionenschäden.

Was in monatelanger, mühevoller Arbeit in den Produktionsstätten in Einzelsegmenten hergestellt und in der den Montagehallen der Startorte mit der jeweiligen Nutzlast zusammengebaut wird, muss innerhalb von knapp zehn Minuten zuverlässig in seine Bestandteile zerlegt werden. Nur dann haben die Techniker (und die Rakete) einen „guten Job” gemacht.

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