Raketen in der „Zerreißprobe“

Wenn Kosmonauten oder Astronauten von der berühmten Gagarin-Rampe im Kosmodrom Baikonur in den Himmel über Kasachstan aufbrechen, um die Internationale Raumstation (ISS) zu besuchen, scheint das  für die breite Öffentlichkeit ein eher unbeachteter Routine-Vorgang zu sein, für die Raumfahrt-Verantwortlichen indessen ist ein solcher Start immer noch ein außergewöhnlich spannendes  Ereignis, wie sich auch am 11. Oktober 2018 zeigte, als Nick Hague (USA) und sein russischer Kollege Alexej Owtschinin nach einer Fehlfunktion der Rakete Sojus MS-10 notlanden mussten.

Erfolgreicher Start der Sojus-Rakete MS-09, mit der Alexander Gerst im Juni 2018 zur ISS flog. (Foto: ESA)

Wenn die Triebwerke einer Rakete zünden, ist das sowohl auf den Startplätzen in Baikonur (Kasachstan), Korou (Französisch Guyana), Jiuquan (China),  Plessezk, Wostotschny (beide Russland) oder dem Kennedy Space Center (USA) also niemals Alltagskram, sondern immer Ausdruck höchster Ingenieurskunst. Die Spannung vor und während des Starts ist für die direkt Beteiligten in jeder Sekunde greifbar und ist nicht alleine der Tatsache geschuldet, dass sich niemand bei den horrenden Kosten im Raumfahrtgeschäft Fehler erlauben darf.

Raumfahrt ist und bleibt trotz der wissenschaftlichen Grundkonzeption immer noch ein Abenteuer voller Unwägbarkeiten, wie sich auch bei Sojus MS-10 zeigte. Die Mission hatte insofern allerdings auch etwas Positives, weil das perfekt arbeitende Rettungssystem die Raumfahrer sicher zur Erde zurück brachte.  Sie landeten etwa 400 Kilometer nordöstlich vom Startplatz Baikonur und rund 25 Kilometer von der kasachischen Stadt Dscheskasgan entfernt. Weiterlesen

Kosmodrom im Fernen Osten

Jüngst erlebte das russische Kosmodrom Wostotschny im Amurgebiet des Fernen Ostens seine ersten drei Starts. Zwei davon verliefen nicht ohne Probleme. Im April 2016 musste der Jungfernflug einer Sojus-Rakete wegen eines technischen Fehlers verschoben werden, im November 2017 arbeiteten Bodeneinrichtungen und Träger einwandfrei, doch verfehlte der an Bord befindliche Satellit sein Ziel.  Am 1. Februar 2018 startete einer weitere Sojus-Rakete ohne Probleme mit der Nutzlast in den Weltraum.

Raketenstart ins All. Aufbruch in Wostotschny. (Foto: Swift Publisher)

Der Alltag der Raumfahrt in Wostotschny, das auf deutsch etwa „Östlicher Weltraumbahnhof“ heisst – die örtliche Tageszeitung im nahe gelegenen Blagoweschtschensk bezeichnet Wostotschny übrigens schlicht als „Baikonur Ost – , hat also begonnen. Und begonnen wurde auch mit den bau einer zweiten Startrampe, von der aus Angara-Raketen (in unterschiedlichsten Versionen) abheben werden.

Wer über das neue Wostotschny schreibt, muss zwangläufig erst einmal auf Baikonur eingehen. Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 des Ministeriums für Verteidigung” entstanden. Weiterlesen

Chruschtschow als „Ingenieur“

Nikita S. Chruschtschow, sowjetischer Staats- und Parteichef, „überredete“ einst den von Legenden umwobenen Raumfahrt-Chefkonstrukteur Sergej Pawlowitsch Koroljow, in der ursprünglich nur für einen Kosmonauten gebauten Wostok-Kapsel drei Männer fliegen zu lassen. Die geradezu abenteuerliche Idee wurde trotz vieler anfänglichen Bedenken in die Tat umgesetzt, doch pikanterweise wurde Chruschtschow just zu dem Zeitpunkt aller Ämter enthoben, als das von ihm initiierte Raumschiff vom Kosmodrom Baikonur aus in den Himmel startete.

Modell des Wostok-Raumschoffes. (Foto: Clipdealer)

Frühjahr 1964 in Moskau.  Sergej P.  Koroljow, dem Chefkonstrukteur der sowjetischen Sputniks und Wostok-Raumschiffe, verschlägt es schier die Sprache, als in seinem Büro das Telefon klingelt und sich auf der so genannten „Kreml-Leitung” Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow meldet. Das ist zwar an sich nichts Außergewöhnliches, denn zwischen dem Staatslenker einerseits und dem damals wichtigsten Leiter des UdSSR-Raumprogramms besteht im Zusammenhang mit der Entwicklung militärischer und ziviler Raketen stets Redebedarf. Was Koroljow jedoch geradezu entsetzt, ist die Forderung von Chruschtschow, in der Wostok-Kapsel, die für nur einen Kosmonauten konzipiert worden war, drei Mann fliegen zu lassen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, widerspricht Koroljow zunächst, doch der Staatschef, der die Wirkung der sowjetischen Raumfahrterfolge jener Jahre zu schätzen weiß wie kaum ein anderer, beharrt auf seinem Wunsch. Und Koroljow beugt sich, so wie es im System damals üblich ist.

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Sputnik läutet Weltraumfahrt ein

Sputnik, ein kleiner sowjetischer Satellit, erblickte im Oktober 1957 das Licht der Welt. Die in Baikonur gestartete kleine Kugel bildete den Anfang für die internationale Raumfahrt. Doch wenn heute Astro- oder Kosmonauten gleich welcher Nationalität zur ISS (Internationale Raumstation) aufbrechen oder von dort zur Erde zurückkehren, nimmt außer einigen Experten und Enthusiasten, kaum noch jemand Notiz von den Ereignissen.

Sputnik 1 erscheint am Himmel. (Fotomontage: Clipdealer)

Raumfahrt ist zur Routine geworden, Starts vom Kosmodrom Baikonur zum „Außenposten der Menschheit” sind, ebenso wie Landungen nicht mehr erwähnenswert. Nur kleine oder größere Pannen – wie etwa der mißlungene Start eines Versorgungsschiffes – finden noch Eingang in die Medien. Doch das Zeitalter der Raumfahrt ist noch gar nicht so alt. Die ersten Raketenstarts waren vor gerade einmal 60 Jahren eine Sensation.

So nahm auch eines der bedeutendesten Ereignisse des 20. Jahrhunderts in der unwirtlichen Steppe Kasachstans seinen Anfang. Am 4. Oktober 1957 um 22:28:34 Uhr Moskauer Zeit – am Startplatz in Tjuratam war bereits der 5. Oktober angebrochen (Ortszeit 00:28:34 Uhr) – startete mit Donnergetöse und 20 Millionen PS Schubkraft eine zweistufige Interkontinentalrakete vom Typ R 7 in den nächtlichen Himmel, um erstmals in der Geschichte der Menschheit einen kleinen, silbergrauen Satelliten von 83,6 Kilogramm Gewicht in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Geschwindigkeit: 28. 000 km/h, Zeit für eine Erdumkreisung etwas über 95 Minuten. 92 Tage verrichtete der erste Erdbegleiter seine Arbeit, ehe er am 4. Januar 1958 verglühte.

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Leonow schwebt im Weltraum

Kosmonaut Alexej Leonow aus der UdSSR war der erste Mensch, der bei einem Raumflug in den freien Raum ausstieg. Das war am 18. März 1965, also vor 53 Jahren. Heutzutage sind Ausstiege Routine, damals war eine Sensation. An das Ereignis erinnert sich heute kaum noch jemand.  Auch heutzutage, wenn Weltraumflieger vieler Länder aus der Internationalen Raumstation (ISS) aussteigen, um  oft stundenlang im freien Weltraum zu arbeiten, wird das in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen.

Russische Kosmonauten bei der Arbeit im freien Raum. (Foto: ESA)

Es ist längst zur Routine geworden. Als 1965 der damals 31 Jahre alte Leonow jedoch die Kapsel Woschod 2 durch eine Luftschleuse verließ und sich an einer langen Leine 12 Minuten und neun Sekunden im Vakuum aufhielt, war dies eine Sensation. Um 10.00 Uhr Moskauer Zeit war die Rakete von der Startrampe 1 in Baikonur mit ihm und Kommandant Pawel Beljajew gestartet worden. Neun Minuten später trat das Schiff in die Umlaufbahn ein. Die kleinste Entfernung von der Erdoberfläche betrug 173, die größte 498 Kilometer. Der Neigungswinkel der Umlaufbahn zur Erdoberfläche betrug 65 Grad, eine Erdumkreisung dauerte 90,9 Minuten. Verantwortliche für die Durchführung des Fluges waren die so genannte Staatliche Kommission und Chefkonstrukteur Sergej Pawlowitsch Koroljow.

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