Steinbeißer und Felshocker schnarchen im FELSENMEER

Das Felsenmeer im Odenwald (Foto: Oliver Stör)


Der Odenwald ist reich an Sagen und Erzählungen. Einer der seltsamen Geschichten rankt sich um die Riesen „Steinbeißer” und „Felshocker”, die sich aus Langeweile im nördlichen Odenwald solange mit Steinen bewarfen, bis die beiden sich unter riesigen Brocken wiederfanden, was gleichzeitig als Geburt des Felsenmeeres interpretiert wird.

Es liegt nun schon einige Jahre zurück, dass ich als mehrmaliger Teilnehmer von touristischen Bildersuchfahrten des Motorsportclubs Überwald (Wald-Michelbach) den sagenumwobenen Odenwald intensiv kennenlernte. Sehenswürdigkeiten und Attraktionen gibt es ja genug in der hügeligen Naturlandschaft, die im Norden beim Weinort Groß-Umstadt beginnt und im Süden vom romantischen Neckartal begrenzt wird. Östlich bilden zunächst der Main auf knapp 35 Kilometer und danach die Gemeinden Miltenberg, Buchen und Mosbach eine eher diffuse Linie, im Westen ist die Bergstraße die natürliche Grenze zur oberrheinischen Tiefebene. Als grobe Eckpunkte des Gebietes können auch die Städte Darmstadt, Heidelberg, Aschaffenburg und Heilbronn dienen.

Weil der Odenwald eng verbunden ist mit der Nibelungen-Sage, stand ich natürlich in Grasellenbach auch am Siegfriedbrunnen, einer kleinen Quelle, an welcher der „Drachentöter” Siegfried von seinem Widersacher Hagen von Tronje hinterrücks mit einem Speer meuchlings ermordet worden sein soll.

Auf der Burg Rodenstein westlich von Reichelsheim und Fränkisch-Crumbach erfuhr ich, dass das Geisterheer des Ritters Hans von Rodenstein – einst verflucht, weil er Frau und Kind seiner Kampfeslust opferte – mit Pferden, Kriegsgerät und Hunden lärmend durch die Lüfte zieht, um die Menschen vor einem sich anbahnenden Krieg in Deutschland zu warnen. Und wer hätte das (nicht) gedacht? – zum letzten Mal soll es den Überlieferungen zufolge im Jahr 1938 gewesen sein.

Noch mehr beeindruckt hat mich im Odenwald jedoch das Felsenmeer, weil dort alles so real ist, obwohl es auch dort eine Sage gibt. Von der Autobahnabfahrt Bensheim kommend, fahre ich auf der Bundesstraße 47 in Richtung Felsenmeer, durchquere Reichenbach, dem Hauptort der Großgemeinde Lautertal, um am Ortsausgang am Informationszentrum Felsenmeer zu parken. 

Nach kurzer Wanderung sehe ich die ersten mächtigen Brocken, die sich zwischen den Bäumen auftürmen. In dieser realen Welt tummeln sich Wanderer, Eltern und Kinder auf den herumliegenen Steinen. Der Weg führt aufwärts, durchaus beschwerlich, aber jeder Meter ist ein Erlebnis. Geologen schätzen das Alter der Steine, bestehend aus dunkelgrauem Quarzdiorit, auf rund 340 bis 500 Millionen Jahre –: als Ergebnis des aufeinanderprallens und anschließender Verschmelzung großer Urkontinente sowie Jahrmillionen alter vulkanischer Tätigkeit. 

Die Sage

Für die Menschen ist eine Sage natürlich schöner und spannender als geologische Befunde, auch wenn es kaum vorstellbar ist, dass hier die zwei Riesen „Steinbeißer” und „Felshocker” gelebt haben sollen, die sich im Streit gegenseitig mit Steinen bewarfen. Steinbeißer saß oben auf dem Berg und hatte mehr Steine zur Verfügung, Felshocker war unten klar benachteiligt, und wurde von seinem Gegner mit Felsen zugeschüttet und begraben, aber auch der Steinbeißer geriet schließlich unter die sich immer stärker auftürmenden Felsmassen. 

Noch heutzutage soll man die beiden manchmal vor Schmerz und Wut unter den Steinmassen lauthals stöhnen hören, sagen die einen. Andere aber behaupten, in Wirklichkeit schliefen die beiden Riesen nur, und zu hören sei lediglich ihr lautes Schnarchen. Wie das bei Sagengestalten halt so ist…