Warum bauten die Menschen der Bronze- und der Jungsteinzeit am Bodensee und in vielen anderen Gebieten des Alpenraums ihre Behausungen auf Stelzen am nahen Uferrand? Diese Frage wird durch Archäologen mit den Hinweis auf die Gefahren des Hochwassers beantwortet. Das klingt überzeugend – aber nur, weil es bisher keine bessere Antwort gibt. Es gibt noch manche Geheimnisse und Rätsel zu lösen…

Tage im Sommer. Eine kleine Wochenendreise steht auf dem Programm. Ziel ist die Blumeninsel Mainau am Bodensee. Die Fahrt führt uns von Frankfurt aus über die Autobahn erst nach Straßburg, von dort über Schwarzwald-Straßen zuerst nach Titisee-Neustadt und von dort an den Bodensee. Eine Unterkunft ist nicht gebucht, der Zufall soll uns helfen. Der Weg führt an Stockach und Überlingen vorbei, wir erreichen Uhldingen-Mühlhofen, wo uns am Straßenrand ein Hotel zum Verweilen einlädt. Keine schlechte Wahl, denn vom nahen Hafen fahren mehrmals täglich die weißen Dampfer der Bodensee-Flotte nach Konstanz oder direkt zur Insel Mainau.

Schmackhaftes Abendessen unter freiem Himmel auf der Terrasse des Restaurants, frische Felchen aus dem See auf dem Teller, nach der langen Tagesfahrt folgt ein abendlicher Spaziergang entlang des malerischen Sees. Der Weg führt vorbei am Hafen, wo Boote und Yachten in sanften Wellen schaukeln. Als wir schon umkehren wollen, ragen überraschend für mich hölzerne Hütten aus dem Wasser: Pfahlbauten! 

Erinnerungen werden wach. In der Schule haben wir einst über diese seltsamen Behausungen aus jener Epoche gesprochen, die zwischen 6000 und 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung liegt. Schautafeln haben und die Pfahlbauten gezeigt. In das Gedächtnis eingebrannt hat sich damals der naive Gedanke, die dargestellten Häuser seien reale Relikte einer längst versunkenen Vergangenheit. Ein Irrtum (natürlich), wie sich jetzt auch vor Ort herausstellt. 

Nachbauten

Auch die eigene Logik macht schnell deutlich, dass es sich nur um Nachbauten handeln kann. Fraglich ist auch, ob diese Pfahlbauten so aussahen, wie sie am Bodensee seit 1922 reproduziert werden, denn bis auf den heutigen Tag wurden bei Ausgrabungen und Forschungen nur Teile der alten Häuser entdeckt. Im Museum erfahre ich am nächsten Morgen darüber nähere Details:

„Zusammengefallene Häuser sind nur noch bruchstückhaft im Boden nachzuweisen. In den Mooren und Seen mit ihrem hervorragenden Erhaltungsmileu sind Pfahlstümpfe, Teile von Böden, Herdstellen, Wände und Bruchstücke von Gegenständen aus der Einrichtung gefunden worden. Ein vom Boden bis zum Firstbalken erhaltenes Haus wurde bislang jedoch noch nicht entdeckt.”

Trotz dieser Einschränkung ist der Besuch im Archäologischen Freilichtmuseum mehr als lehrreich. Für mich selbst vorerst auch interessanter als der Besuch auf der gegenüber liegenden Blumeninsel, der erst einmal verschoben wird. 

Das Leben der Menschen

Es ist nur schwer vorstellbar, wie die Menschen damals gelebt haben mögen, was täglich „auf den Tisch” kam. Auch bei den Ausgrabungen ist wenig Verwertbares entdeckt worden. Immerhin wurden alte Töpfe mit angebrannten Essensresten gefunden. Demnach gehörten Getreidebrei, einfache Brote, Hülsenfrüchte, Beeren verschiedenster Art, Hagebutten, Äpfel und Fische zur täglichen Verpflegung. Wild dagegen dürfte eher eine Seltenheit auf dem Tisch gewesen sein…

Blick auf ein nachgebautes Haus. (Foto: Clipdealer)

Und ich frage mich, wie die Menschen ausgesehen haben mögen, wie die Dorfgemeinschaft wohl organisiert war? Bauten die Steinzeit-Menschen tatsächlich auf Pfählen, um sich vor drohendem Hochwasser zu schützen, wie es heute im Museum vermittelt wird oder gab es noch andere Gründe?  Eine offene Frage, aber die Furcht vor den überschwappenden Fluten scheint logisch zu sein. 

Der Pegel des Bodensees schwankte durch das ungebändigt herabstürzende Schmelzwasser der nahen Berge deutlich mehr als heute, die Gefahr, dass die Häuser ohne Pfähle hätten davongerissen  werden können, war latent vorhanden. Es stellt sich allerdings auch die Frage, ob es nicht praktischer gewesen wäre, gleich in höheren Lagen und weiter entfernt zu bauen. Offensichtlich war es jedoch notwendig – aus welchen Gründen auch immer – in direkter Ufernähe zu leben.

Weltkulturerbe

Viele Menschen sind von den Pfahlbauten fasziniert. Im Museum erfahre ich, dass es neben den zahlreichen Touristen vor allem Vereine und Gruppen sind, die sich hier umschauen. Beachtenswert ist, dass von den jährlich rund 300 000 Besuchern fast ein Drittel Schüler sind. Welche Bedeutung dem Pfahldorf in Uhldingen beigemessen wird, lässt sich daran erkennen, dass die Überreste zahlreicher historischer Pfahlbausiedlungen, darunter auch das Pfahlbaufeld Unteruhldingen-Stollenwiesen, 2011 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden sind. Dass sich auch die Nazis intensiv um die Forschungen in Uhldingen kümmerten, um die Überlegenheit einer „nordischen Rasse“ zu beweisen, spielt heute keine Rolle mehr.

Aus einer ursprünglich geplanten Vergnügungsreise zur Mainau ist unversehens ein Stück Geschichtsunterricht geworden. Aber die Blumeninsel am südlichen Bodensee-Ufer kommt mit einem Tag Verspätung auch noch zu ihrem Recht…