SOJUS-START (Foto: © ESA, Autor: Erich Stör)

Raketenstarts in Korou (Französisch Guyana), Jiuquan (China), Baikonur (Kasachstan), Plessezk, Wostotschny (beide Russland) oder dem Kennedy Space Center (USA) gehören zur Alltagsroutine, obwohl wie immer eine gehörige Portion Anspannung bei den Verantwortlichen zu spüren ist, wenn die Triebwerke einer Rakete zünden. Das ist auch kein Wunder, darf man sich bei den horrenden Kosten im Raumfahrtgeschäft keine Fehler erlauben. 

Die ingenieurtechnischen Lösungen, um eine Rakete nach dem Start planmässig in ihre Einzelteile zu zerlegen, sind immer wieder faszinierend. Um einen Satelliten oder ein Raumschiff ohne Schaden in eine Erdumlaufbahn, zum Mond oder gar zu anderen Planeten oder Kometen zu befördern, muss die minutiös geplante „Zerstörung” einer Rakete perfekt funktionieren. Gibt es nur die geringste Abweichung vom vorgesehenen Regime und das Transportmittel versagt, enstehen Millionenschäden.

Was in monatelanger, mühevoller Arbeit in den Produktionsstätten in Einzelsegmenten hergestellt und in der den Montagehallen der Startorte mit der jeweiligen Nutzlast zusammengebaut wird, muss innerhalb von knapp zehn Minuten zuverlässig in seine Bestandteile zerlegt werden. Nur dann haben die Techniker (und die Rakete) einen „guten Job” gemacht.

Am Beispiel einer russischen Sojus – mit einer solchen flog zuletzt auch der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation (ISS) –, lässt sich ein solcher Prozess gut veranschaulichen, weil dieser Träger mit inzwischen bald 1900 Starts als erfolgreichste Rakete der Welt gilt. Nach dem Beenden des amerikanischen Shuttle-Programm versorgt die Sojus die Internationale Raumstation (ISS) nicht nur regelmäßig mit neuem Personal, sondern auch mit Frachtgütern.

Im Verlauf der Startphase löst sich eine Sojus-Rakete in ihre Bestandteile auf (Foto: © ESA)

Die aus drei Stufen bestehende Sojus durchläuft dabei nach Angaben der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) – bezogen auf einen bemannten Start von Baikonur aus – folgendes „Vernichtungsschema”:

1.) Nach dem Start wird das an der Spitze der Rakete installierte Rettungssystem für die Raumfahrer nach 114 Sekunden in einer Höhe von etwa 40 Kilometern abgesprengt, da es nicht mehr benötigt wird. Bei einer möglichen späteren Havarie des Trägers würde ein anderes Landesystem für die Kosmonauten in Kraft treten – ähnlich dem bei einer normalen Rückkehr.

2.) 118 Sekunden nach dem Start sind die vier am Zentralblock der 2. Stufe seitlich eingehängten Seitenblöcke (1. Stufe) ausgebrannt und werden in einer Höhe von etwa 50 Kilometern abgeworfen. Die 2. Stufe, die beim Start gleichzeitig mit diesen Boostern gezündet worden ist, arbeitet mit noch stärkerer Schubkraft weiter.

3.) Nach 159 Sekunden und in einer Höhe von etwa 85 Kilometern wird die nicht mehr benötigte aerodynamische Nutzlast-Verkleidung abgesprengt. Die zentrale zweite Stufe beschleunigt wegen des geringeren Gesamtgewichts jetzt noch weiter und befördert den Rest der Rakete auf 170 km Höhe.

4.) Nach 288 Sekunden Flugzeit wird die dritte Stufe gezündet und die leer gebrannte zweite abgeworfen.

5.) Die dritte Stufe bringt das Raumschiff nun auf eine Höhe von zirka 230 Kilometer und verleiht ihm eine Geschwindigkeit von 28 000 km/h. Das Paket befindet sich jetzt etwa 1600 Kilometer vom Startplatz entfernt. Die dritte Stufe wird nach 539 Sekunden vom Raumschiff getrennt, das in seine Anfangsumlaufbahn um die Erde eintritt.

Operation gelungen, Rakete tot

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, aber: In fünf Abschnitten ist die Rakete planmässig in ihre Einzelteile zerlegt worden, der Start des Raumschiffes (oder der anderen Nutzlast) ist damit erfolgreich verlaufen. Operation gelungen, Rakete tot.

Das Prinzip eines solchen Sojus-Starts in Baikonur gilt für alle anderen Raketen und alle anderen Startplätze auch. Lediglich die technische Parameter weichen voneinander ab, da die Aufgabenstellungen unterschiedlich sind.

Statistische Angaben

Nach Angaben des Raketenbau-Herstellers Progress in Samara (früher Kuybischew) wurden seit 1957 in der Sowjetunion/Russland insgesamt 1889 Träger gebaut, die auf der von Sergej Koroljow entwickelten Interkontineltalrakete R 7 mit den weltweit bekannten vier Boostern beruhen. Davon 1017 vom Typ Sojus in unterschiedlichen Varianten sowie 872 Raketen der Vorläufertypen R 7 (Semjorka), Sputnik, Wostok, Woschod und Molnija.

Von den 1889 Raketen scheiterten beim Start 70, das sind 3,71 Prozent. Mit 96,29 Prozent erfolgreicher „Liftoffs” gilt der Raketentyp also als höchst zuverlässig. Bei der Sojus-Reihe liegt die Erfolgsquoto sogar bei etwas 98 Prozent. Bemannte Stars wurden mit der Wostok (6), Woschod (2) und der Sojus (127) durchgeführt.

Zwei Sojus-Starts mit Raumfliegern an Bord mißglückten: Im April 1975 hatte eine Sojus wegen Versagens der dritten Stufe die Umlaufbahn nicht erreicht. Die Besatzung (Makarow und Lasarew) landete durch das Notfallprogramm nahe der chinesischen Grenze im Altai-Gebirge. Sojus 10 T A explodierte am 26. September 1983 auf der Startrampe, die Kosmonauten Titow und Strekalow wurden durch den Rettungsmechanismus aus der Gefahrenzone katapultiert.

Die tödlichen Unglücksfälle mit Sojus 1 (Komarow) und Sojus 11 (Dobrowolski, Wolkow, Pazajew) erfolgten beim Landevorgang, die Raketen selbst waren nicht die Ursache.

(Stand der Daten: 1. Oktober 2016)