Die Monate März, April und Mai 1945 sind im kleinen Westerwald-Dorf Reichenborn geprägt von vielen Ereignissen zwischen deutschem Rückzug, dem Besuch eines kleinen Wanderkinos und dem Neubeginn nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen. Und das alles bei strahlendem Frühlingswetter. 

Es ist ein Sonntag im sonnigen Frühjahr 1945. Ein altes und ziemlich klappriges Lastauto mit Holzvergaser rumpelt über die holprige Straße auf den Bauernhof, eine Leinwand wird ausgeladen und in der Scheune aufgebaut, Lautsprecher und ein 16-Millimeter-Projektor werden installiert.  An diesem Tag – wenige Tage vor Kriegsende – soll es im Dorf die Filmvorführung eines Wanderkinos geben…

Irgendwie wirkt das alles mehr als  eigenartig, selbst für uns Kinder. Die Westalliierten sind bereits im Sommer zuvor in der Normandie gelandet, sie rücken stetig vor, eine letzte deutsche Gegenoffensive mit schweren Winterschlachten in den Ardennen halten sie nur kurz auf, Tag für Tag kommen sie uns näher, aus den plärrenden Rundfunkempfängern ertönt nach den Wehrmachtsberichten jedoch vor allem reichlich Schlagermusik, so als sei die Welt durchaus noch in Ordnung, obwohl schon im Oktober 44   die Stadt Aachen besetzt worden ist und am 7. März bei Remagen der Rhein von  Amerikanern überquert worden ist.

„Städter“ in der fremden Dorfgemeinschaft

Die Frühlingstage sind deshalb nicht gerade die heitersten – weder für die alteingesessenen Dorfbewohner, noch für die aus der Großstadt nach hier evakuierten Kinder und Erwachsenen, die sich nur schwer zurechtfinden im Leben der wortkargen Landleute.

Berührungsängste sind auf beiden Seiten vorhanden, auch wenn sich beide Seiten bemühen. Immerhin ist bei den „Städtern”, wie wir hier genannt werden, die Angst vor Fliegeralarm, Bunker, Brand- und Sprengbomben geringer geworden. Doch das Sirenengeheul, die überstürzten Fluchten in den Bunker sitzen noch immer in den Köpfen. Vor allem die schweren, drei Tage dauernden Fliegerangriffe vom März 1944, als die Häuser, in denen wir wohnten, in einem Tage dauernden Feuer niederbrennen.

Trügerische Ruhe

Obdachlos und ausgebombt sind wir von Frankfurt in das kleine Dorf im Westerwald evakuiert worden. Hier geht es noch einigermaßen beschaulich zu. Doch die Ruhe ist trügerisch. Selbst wir Kinder spüren das Kriegsende nahen. Die Anzeichen sind unübersehbar. Auf der etwas entfernten, aber gut einzusehenden  größeren Landstraße ziehen immer wieder Kolonnen von deutschen Militärfahrzeugen vorbei, eindeutig auf dem Rückzug ins Landesinnere.

Am blauen Himmel sehen wir Formationen von silber glänzenden Flugzeugen im Sonnenlicht, hören das entfernte, leise Brummen ihrer Motoren, im Rumpf der Maschinen befinden sich tödliche Bombenlasten für die Städte in ganz Deutschland.

Lustspielfilm als Ablenkung

Nun soll dieser dörflicher Kinotag für Aufmunterung der Dorfbewohner und der Evakuierten sorgen. Beim „Ortsbauernführer”, nebenbei der reichste Mann des Dorfes, steht eine große Scheune, die für Feste aller Art genutzt wird: Hochzeiten, Tanzabende, Gemeindeversammlungen – und sie dient auch dem Wanderkino als Vorführsaal.

Es ist grotesk. Überall ziehen sich die deutschen Soldaten zurück, die heranrückenden Amerikaner sind spürbar nahe, und dann ein Lustspiel zur allgemeinen Erheiterung.  Die Besucher wissen gar nicht, welcher Film gezeigt werden soll, dann flimmert der Titel über das provisorisch aufgespannte weiße Tuch: „13 Stühle” mit Heinz Rühmann und Hans Moser. Eine Geschichte zum Lachen, besonders für uns Kinder.

Eine unverhoffte Erbschaft

Heinz Rühmann macht eine Erbschaft, die aus 13 Stühlen besteht; enttäuscht verkauft er das anscheinend nutzlose Mobilar an den Trödler Hans Moser. Erst später findet er einen Brief der verstorbenen Tante, die ihm mitteilt, in einem der 13 Stühle seien 100 000 Mark eingenäht.

Die Stühle sind freilich längst verscherbelt. Rühmann verspricht Moser eine Beteiligung und beide beginnen, fieberhaft die Stühle zu suchen. Diese Suche ist verbunden mit allerlei Verwicklungen, wobei beide sogar zwischenzeitlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.

Alle Stühle werden schließlich gefunden, erst im letzten ist das Geld versteckt, und dieser Stuhl wird ausgerechnet in einem Kinderheim gefunden. Die Heimleiterin und die Kinder glauben an eine großherzige Spende, was Rühmann und Moser (natürlich) veranlasst, edelmütig auf das Geld zu verzichten.

Ein durchaus schönes Ende für ein Lustspiel dieser Prägung folgt noch. Rühmann erfindet ein Haarwuchsmittel, wird reich und beteiligt auch Moser. Ende gut, alles gut! Natürlich nur im Film.  

Die Amerikaner kommen

Denn wenige Tage später rücken amerikanische Panzer, Jeeps und anderes Kriegsgerät in das Dorf ein. Mit Soldaten besetzte Lastwagen wühlen die Dorfstraße auf. Jetzt wissen wir, dass sich der Zweite Weltkrieg nicht nur dem Ende zuneigt, sondern tatsächlich zu Ende ist – auch in dem unbedeutenden, kleinen Dörfchen Reichenborn.

Die „Amis“ sind da, die GIs verschenken an uns Kinder Schokolade, erstmals im meinem Leben sehe ich einen „schwarzen Mann“, der mir ein labbriges weißes Sandwich überlässt. Alles wirkt sonderbar neu, so ganz anders als bisher gewohnt. Am 8. Mai die deutsche Kapitulation, das Leben in Reichenborn geht weiter und wie es in den Jahren danach verlief, wissen wir alle ja gut genug.