Bizarrer FRÜHLING zwischen Blumen, Panzern und Wanderkino

Tage im Frühling mit Trauben-Hyazinthen auf dem Bauernhof. (Foto: Signale)


Die Monate zwischen März 1944 und Sommer 1946 erscheinen mir im Rückblick höchst verwirrend. Die Zeit vor und nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wirkt in der Erinnerung bizzar. Besonders der Frühling 1945 hat im Gedächtnis Spuren hinterlassen. In Reichenborn, einen kleinen Westerwald-Dorf – heute zur Gemeinde Merenberg zählend –, erlebte ich das Ende des Krieges an schönen, lauwarmen Frühlingstagen. Der Himmel strahlte azurblau, während am Haus der Zwergschule ein Forsythien-Strauch seine gelbe Pracht entfaltete, hinter dem Hof von Bauer Riebel blühten Gänseblümchen, Sumpfdotterblumen und armenische Traubenhyazinthen.

Erinnerungen. Die Alliierten sind bereits im Sommer zuvor in der Normandie gelandet, rücken stetig vor, aber aus den Volksempfängern tönt nach den Wehrmachtsberichten vor allem reichlich Schlagermusik, so als sei die Welt durchaus noch in Ordnung – obwohl schon vor Monaten die Stadt Aachen besetzt worden ist. Kriegstage sind nicht gerade die heitersten – weder für die alteingesessenen Dorfbewohner, noch für die aus der Großstadt nach hier evakuierten Kinder und Erwachsenen, die sich nur schwer zurechtfinden im Leben der wortkargen Landleute. 

Berührungsängste sind auf beiden Seiten vorhanden, auch wenn sich beide Seiten bemühen. Immerhin ist bei uns „Städtern”, wie wir genannt werden, die Angst vor Fliegeralarm, Bunker, Brand- und Sprengbomben geringer geworden. Doch das Sirenengeheul, die überstürzten Fluchten in den Bunker sitzen noch immer in den Köpfen. Vor allem die schweren, drei Tage dauernden Fliegerangriffe vom März 1944, als die Häuser, in denen wir wohnten, niedergebrannt sind.

Tage in Reichenborn

Obdachlos und ausgebombt sind wir von Frankfurt in das kleine Dorf im Westerwald gekommen. Hier geht es auf den ersten Blick noch beschaulich zu. Doch die Ruhe ist trügerisch. Selbst wir Kinder spüren das Kriegsende nahen. Die Anzeichen sind unübersehbar. Auf der etwas entfernten, größeren Landstraße ziehen immer wieder Kolonnen von deutschen Militärfahrzeugen vorbei, eindeutig auf dem Rückzug. 

Am Himmel sehen wir Formationen von britischen und amerikanischen Flugzeugen im Sonnenlicht, hören das entfernte, leise Brummen ihrer Motoren, im Rumpf der Maschinen befinden sich tödliche Bombenlasten, bestimmt für Städte in ganz Deutschland.

Wanderkino

An einem Sonntag rumpelt ein altes und ziemlich klappriges Lastauto mit Holzvergaser über die geschotterte, holprige Straße nach Reichenborn; ein dörflicher Kinonachmittag soll für Aufmunterung der Dorfbewohner und der Evakuierten sorgen. Beim „Ortsbauernführer”, nebenbei der reichste Mann des Dorfes, steht eine große Scheune, die für Feste aller Art genutzt wird: Hochzeiten, Tanzabende, Gemeindeversammlungen – und sie dient auch dem Wanderkino als Vorführsaal. 

Eine Leinwand wird ausgeladen und in der Scheune aufgebaut, Lautsprecher und ein 16-Millimeter-Projektor werden installiert. Die Besucher wissen noch nicht, welcher Film gezeigt werden soll, der Vorführer macht ein Geheimnis daraus. Dann flimmert der Titel über das aufgespannte weiße Tuch: „13 Stühle” mit Heinz Rühmann und Hans Moser. Eine Geschichte zum Lachen, besonders für uns Kinder.

Heinz Rühmann macht eine Erbschaft, die aus 13 Stühlen besteht; enttäuscht verkauft er das anscheinend nutzlose Mobilar an den Trödler Hans Moser. Erst später findet er einen Brief der verstorbenen Tante, die ihm mitteilt, in einem der 13 Stühle seien 100 000 Mark eingenäht. Die Jagd nach dem Geld beginnt, und am Ende – wie es sind für einen Lustspielfilm gehört – löst sich alles in Wohlgefallen auf. 

Ende gut, alles gut!  Natürlich nur im Film. Im wirklichen Leben geht alles drunter und drüber. Versprengte deutsche Soldaten machen auf dem Rückzug  auf dem Schulhof eine kurze Rast – wie wir später erfahren, ist Reichenborn schon seit Tagen von US-Soldaten eingekesselt.

Panzer-Grollen 

Plötzliche, stundenlange Stille. Dann ein dumpfes, entfernten Grollen. Es wird immer lauter. Amerikanische Panzer. Wir haben uns im Keller versteckt, blicken durch die Fenster nach draußen. Wir sehen wie die Panzer stoppen. Am Nachbarhaus flattert ein weißes Bett-Tuch zum Zeichen der Kapitulation. Die Panzer setzten ihren Weg fort. Wenige Tage später ist der Krieg endgültig aus.

Die Tage gehen dahin, in der Schule gibt es wieder Unterricht. Erste Männer kehrten aus der Gefangenschaft zurück, und auch unsere Familie darf bald wieder in die Trümmer der Stadt Frankfurt zurückkehren. Dort gibt es zwar noch immer ein Zuzugsverbot – auch für einstige Frankfurter –, aber auch Ausnahmen davon. Mein Vater wird als Schlosser dringend zur Reparatur der zerstörten Geländer am Mainufer gebraucht. Sicherheit spielt auch beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle.

Aus den Radios erklingen indessen ähnliche Melodien wie im Krieg auch. Das Orchester Willi Berking rät dazu, einen „bunten Luftballon” zu kaufen, Ilse Werner schwärmt von einem Rendezvous „im Mondenschein” und Hans Moser schließlich hat sich „für Grinzing einen Dienstmann engagiert.” Wie unschwer zu erkennen ist: Das Leben ging und geht weiter.