Für Russlands Raumfahrt begann 2016 eine neue Zeitrechnung, als der neue Raumfahrt-Bahnhof Wostotschny  im Fernen Osten in Betrieb ging. 

Als am 28. April 2016 in Anwesenheit von Präsident Wladimir Putin der neue Weltraumbahnhof Wostotschny im Amurgebiet mit dem Start einer Sojus-Rakete – an Bord befanden sich drei Studenten-Satelliten – eröffnet wurde, begann für Russlands Raumfahrt ein neues Zeitalter. Denn von Wostotschny aus sollen in den nächsten Jahren weitere unbemannte und ab 2023/2025 bemannte Raumschiffe sowie Mondexpeditionen starten. Das Kosmodrom soll den auf kasachischem Gebiet liegenden Weltraumbahnhof Baikonur, den Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion pachten muss, entscheidend entlasten und später wahrscheinlich ganz ersetzen.

Einer der wichtigsten Gründe für den Bau von Wostotschny ist die Tatsache, dass das in Kasachstan gelegene Baikonur für Russland im „Ausland” liegt. Aus verschiedenen Gründen eine schwere Hypothek für Moskau, das sich nun nach und nach aus den Fesseln des Pachtvertrages (jährlich 115 Millionen Dollar) mit Kasachstan lösen möchte, zumal die Differenzen zwischen den bisherigen Partnern über die Nutzung von Baikonur immer stärker werden und auch die Proteste der kasachischen Bevölkerung gegen die Nutzung des Geländes zunehmen. Denn bei den Starts in Baikonur regnet es Trümmerteile auf das Territorium Kasachstans, worunter Fauna und Flora zu leiden haben.

Bei einem Raketenabsturz sollen kürzlich Tausende von Antilopen getötet worden seien. Aus Sicht von Kasachstan ist die Pacht schon aus diesem Grund entschieden zu niedrig, die Verantwortlichen sprechen in diesem Zusammenhang von „Peanuts”. Russland und Kasachstan gelten gleichwohl immer noch als befreundet, doch in Moskau befürchtet man, dass bei einem eventuell einmal anstehenden Regimewechsel der Pachtvertrag in Frage gestellt werden könnte.

Unter diesen Umständen ist es völlig offen, wie es das nach Ablauf des Abkommens im Jahr 2050 in Baikonur weiter geht, zumal Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos ständig auf die Zustimmung Kasachstans bei der Genehmigung von Starts angewiesen ist. Weil die Regierung in Astana andererseits nicht in der Lage ist, den riesigen Komplex selbstständig zu betreiben, wird das legendäre Baikonur in einigen Jahrzehnten als Weltraumbahnhof möglicherweise Geschichte sein.

Ruhm und Katastrophen

Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 (NIIP-5) des Ministeriums für Verteidigung” entstanden. Damals ahnte niemand, dass dieser Ort in den folgenden Jahrzehnten als Kosmodrom Baikonur zu weltweitem Ruhm gelangen würde. Von hier aus flogen nach Juri Gagarin die anderen Kosmonauten ins All und außerdem erfolgten neben vielen militärischen Starts auch wissenschaftliche Reisen zu Mars, Venus und Mond – und Raumfahrer aller Herren Länder brachen ebenfalls zu Erdumkreisungen auf. Gegenwärtig kann nur von hier aus die Internationale Raumstation (ISS) mit Menschen angeflogen werden.

Auch Katastrophen erschütterten den „Schießplatz”, wie er von den Veteranen der russischen Raumfahrt genannt wird. Im Oktober 1960 verloren bei der Explosion der Interkontinentalrakete R 16 zahlreiche Menschen ihr Leben. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken noch heute. In verschiedenen Veröffentlichungen werden zwischen 74 und 156 Tote genannt.

Grünes Licht für Wostotschny

Der grundsätzliche Beschluss zum Bau eines neuen Kosmodroms wurde von Russland 2007 gefasst und durch einen Erlass von Staatspräsident Wladimir Putin manifestiert. Das Suchen nach dem geeigneten Standort dauerte Monate, weil viele Faktoren berücksichtigt werden mussten, schließlich fiel die Wahl auf das Amurgebiet und dort auf einen Raum in der Nähe von Swobodny, einem ehemaligen militärischen Raketengelände und Straflager, etwa 100 km östlich der Grenze zu China, 150 km nördlich der Stadt Blagoweschtschensk und etwa 1000 km nordwestlich von Wladiwostok. Dass die Transsibirische Eisenbahn, eine Autostraße und der Amur nahe des neuen Kosmodroms vorbeiführen, war eine wichtige Komponente bei der Auswahl.

Insgesamt umfasst das Kosmodrom eine Fläche von „nur” 750 Quadratkilometern, was etwa der Größe Hamburgs entspricht, und liegt ähnlich wie der Militär-„Schießplatz” Plessezk (1762 Quadratkilometer) inmitten von Taiga-Wäldern. Zentrum des Kosmodroms ist das winzige Städtchen Uglegorks, das inzwischen auf Anregung von Putin nach dem geistigen Vater der russischen Raumfahrt in Ziolkowski umbenannt worden ist.

Intensive Bautätigkeit mit Problemen

Ehe 2012 der erste Spatenstich erfolgte, hatten die konkreten Planungen, Modellentwürfe und Vermessungsarbeiten fünf Jahre in Anspruch genommen. Seit drei Jahren wird indessen aktiv am Weltraumbahnhof gearbeitet – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, weil es wegen ausbleibender Lohnzahlungen zu Arbeitsniederlegungen kam und auf „höherer Ebene” Gelder veruntreut wurden. Doch obwohl westliche Medien bei der Berichterstattung den Bau gerne nur dann erwähnen, wenn er mit negativen Schlagzeilen garniert werden kann, schreiten die Arbeiten vor Ort voran, zügiger jedenfalls als bei manchen großen Bauvorhaben in Deutschland.

Das Unternehmen ist auch keineswegs nur ein persönliches Prestigeobjekt für Putin, obwohl sich der Präsident für das Projekt sehr stark gemacht hat. Der Weltraum-Startplatz im Fernen Osten ist für die russische Raumfahrt schon seit Jahren zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Schließlich ist kommerzielle Raumfahrt auch für Russland ein einträgliches Geschäft geworden – und das erfordert Unabhängigkeit von anderen Ländern.

Ein riesiges Bauprojekt

Was seit Baubeginn in Wostotschny geschaffen wurde, ist beachtlich. Die erste Rampe für Sojus-Raketen ist in Betrieb genommen. In zwei Kilometer Entfernung des Startkomplexes befindet sich das Technische Zentrum mit der Halle für die Endmontage der Raketen. Fertiggestellt wurden außerdem Fabriken zur Herstellung von flüssigem Sauerstoff und Stickstoff-, ein Heizkraftwerk, mehrere Messpunkte für Telemetrie-Daten, ein Kosmonauten-Trainingszentrum sowie diverse anderen Betriebe. Der Flughafen ist noch nicht fertiggestellt, ein moderner Bahnhof sowie Wohnhäuser, Geschäfte, Bildungs- und Kulturstätten für demnächst wahrscheinlich 40 000 Einwohner runden das Bild ab.

Mobile Arbeitsplattform wie in Korou

Der Startkomplex selbst hat gegenüber den Rampen in Baikonur und Plessezk eine Änderung erfahren. Wie auf den Weltraumbahnhof in Korou in Französisch-Guyana gibt es jetzt auch in Wostotschny eine mobile Arbeitsbühne, die die Rakete komplett einhüllt, so dass die Arbeit für die Techniker erleichtert und die Rakete vor Witterungseinflüssen geschützt wird. Ingenieure, die den ähnlichen Komplex in Korou gebaut haben, sind auch in Wostotschny im Einsatz gewesen.

Die in Wostotschny startenden Träger verwenden im übrigen keine giftigen Chemikalien wie etwa die Proton in Baikonur, sondern ausschließlich Kerosin als Treibstoff und flüssigen Sauerstoff als Oxydator, die ausgebrannten Stufen sollen auf unbewohntem Land oder im Meer niedergehen.

Neues bemanntes Raumschiff

Demnächst sollen die Bauarbeiten für Startrampen der Angara-Rakete beginnen, die das in Arbeit befindliche russische Raumschiff „Föderation“ mit vier Raumfahrern von Wostotschny aus in eine Erdumlaufbahn befördern soll.  Erst mit der Kombination „Föderation-Angara“ ist das neue Kosmodrom auch für bemannte Flüge geeignet, da das bisher eingesetzte Sojus-Raumschiff für eine mögliche Notwasserung auf dem Meer – sehr schnell werden Ochotskisches Meer und Nordpazifik erreicht – technisch ungeeignet ist. Wann die „Föderation“ in Dienst gestellt wird, ist allerdings noch unklar, als Termin werden neuerdings die Jahre zwischen 2023 und 2025 genannt.

Die Raumfahrer sollen mit der „Föderation“ auch nicht mehr in Kasachstan, sondern in Russland in der Nähe von Saratow oder Orenburg landen – zielgenau und auf einem eng begrenztem Raum von 5 x 5 Kilometern. Die mehrfach wiederverwendbare Kapsel fährt dabei – ähnlich wie früher bei der amerikanischen Mondelandefähren – stoßgedämpfte Stelzen aus, um weich aufzusetzen.

Auch Flüge zum Mond im Programm

Eine eigene russische Raumstation nach dem Ende der ISS im Jahr 2024 ist ebenso angedacht wie Flüge zum Mond. Ersten automatischen Erkundungen sollen bemannte Expeditionen folgen. Allen Unkenrufen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zum Trotz lebt die russische Raumfahrt, wenn auch manchmal durchaus mit Husten und Schnupfen.

Auch der Erststart in Wostotschny war wegen eines defekten Bauteils an der Rakete einen Tag später als vorgesehen erfolgt. Anlass für Staatspräsident Putin zunächst seinem Unmut über manche Unzulänglichkeiten in der russischen Raumfahrt  zu artikulieren, als der Start dann erfolgt war, sparte er aber nicht mit Lob… Der Raumbahnhof wird jedoch erst zu vollem Leben erwachen, wenn ab 2018 jährlich acht bis zehn Starts erfolgen und später die bemannten Expeditionen hier beginnen.