Jüngst erlebte das russische Kosmodrom Wostotschny im Amurgebiet des Fernen Ostens seine ersten drei Starts. Zwei davon verliefen nicht ohne Probleme. Im April 2016 musste der Jungfernflug einer Sojus-Rakete wegen eines technischen Fehlers verschoben werden, im November 2017 arbeiteten Bodeneinrichtungen und Träger einwandfrei, doch verfehlte der an Bord befindliche Satellit sein Ziel.  Am 1. Februar 2018 startete einer weitere Sojus-Rakete ohne Probleme mit der Nutzlast in den Weltraum.

Der Alltag der Raumfahrt in Wostotschny, das auf deutsch etwa „Östlicher Weltraumbahnhof“ heisst – die örtliche Tageszeitung im nahe gelegenen Blagoweschtschensk bezeichnet Wostotschny übrigens schlicht als „Baikonur Ost – , hat also begonnen.

Wer über das neue Wostotschny schreibt, muss zwangläufig erst einmal auf Baikonur eingehen. Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 des Ministeriums für Verteidigung” entstanden.

Damals ahnte niemand, dass dieser Ort in den folgenden Jahrzehnten als Kosmodrom Baikonur zu weltweitem Ruhm gelangen würde: – und auch von Katastrophen nicht verschont blieb. Im Oktober 1960 verloren bei der Explosion der Interkontinentalrakete R 16 zahlreiche Menschen ihr Leben. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken noch heute. In verschiedenen Veröffentlichungen werden zwischen 74 und 156 Tote genannt.

Die ersten Kosmonauten

Von Baikonur/Tjuratam aus flogen die ersten Kosmonauten ins All und neben vielen militärischen Starts erfolgten auch wissenschaftliche Reisen zu Mars, Venus und Mond. Raumfahrer vieler Länder brachen ebenfalls von hier zu Erdumkreisungen auf. Gegenwärtig können nur von hier aus die Internationale Raumstation (ISS) von Menschen angeflogen werden.

Bisher existieren für bemannte Missionen die Rampen 1 (Gagarin-Rampe) und 31. Letztere wird hauptsächlich vom Miltär genutzt, steht aber auch als Ersatz für bemannte Starts zur Verfügung, falls die Gagarin-Rampe wegen Wartungsarbeiten ausfällt oder Doppelstarts zu bewältigen sind. Von den 141 bemannten Missionen (Stand: 17. Dezember 2017) erfolgten jedoch nur 17 von der Position 31. In den Jahren zwischen 1984 und 2012 gab es von dieser Rampe überhaupt keinen bemannten Flug.

Nach Beilegung von Differenzen über die Nutzung von Baikonur zwischen Kasachstan und Russland wurde im Juni 2017 beschlossen, eine weitere Startposition zu errichten. Von dieser dritten Startposition aus soll die in Planung befindliche Rakete Sojus–5 mit dem neuen bemannten Raumschiff „Föderation” abheben. Nach ursprünglichen Vorstellungen sollte dieser Raketen-Raumschiff-Komplex eigentlich mit Angara-Raketen von Wostotschny aus ins All fliegen, doch wurden diese Festlegungen modifiziert.

Grünes Licht

Trotz des Ruhms von Baikonur beginnt mit der Inbetriebnahme von Wostotschny für Russlands Raumfahrt ein neues Zeitalter. Von hier aus werden in den nächsten Jahren unbemannte und später auch bemannte Raumschiffe sowie Mondexpeditionen starten. Der wichtigste Grund für den Bau von Wostotschny war der Umstand, das Baikonur für Russland im „Ausland” liegt. sowohl aus ökonomischen wie auch strategischen Gründen eine Hypothek für Moskau, das jährlich 115 Millionen Dollar Pacht an Kasachstan zahlt.

Der Beschluss zum Bau eines neuen Kosmodroms wurde von Russland 2007 gefasst. Das Suchen nach dem geeigneten Standort dauerte Monate, weil viele Faktoren berücksichtigt werden mussten, schließlich fiel die Wahl auf das Amurgebiet und dort auf ein Gebiet in der Nähe von Swobodny, einem ehemaligen militärischen Raketengelände und Straflager, etwa 100 km östlich der Grenze zu China, 150 km nördlich der Stadt Blagoweschtschensk und etwa 1000 km nordwestlich von Wladiwostok. Dass die Transsibirische Eisenbahn, eine Autostraße und der Amur nahe des neuen Kosmodroms vorbeiführen, war eine wichtige Komponente bei der Auswahl.

Insgesamt umfasst das Kosmodrom eine Fläche von „nur” 750 Quadratkilometern, was etwa der Größe Hamburgs entspricht, und liegt ähnlich wie der Militär-„Schießplatz” Plessezk (1762 Quadratkilometer) inmitten von Taiga-Wäldern. Zentrum des Kosmodroms ist das winzige Städtchen Uglegorks, das inzwischen auf Anregung von Putin nach dem geistigen Vater der russischen Raumfahrt in Ziolkowski umbenannt worden ist.

Arbeitsniederlegungen

Ehe 2012 der erste Spatenstich erfolgte, hatten die konkreten Planungen, Modellentwürfe und Vermessungsarbeiten fünf Jahre in Anspruch genommen. Seitdem wird aktiv am Weltraumbahnhof gearbeitet – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, weil es wegen ausbleibender Lohnzahlungen zu Arbeitsniederlegungen kam und auf „höherer Ebene” Gelder veruntreut wurden.

Obwohl manche westliche Medien bei der Berichterstattung den Bau gerne nur dann erwähnen, wenn er mit negativen Schlagzeilen garniert werden kann, schreiten die Arbeiten vor Ort voran, zügiger jedenfalls als bei manchen großen Bauvorhaben in Deutschland (Flughafen Berlin-Brandenburg, Stuttgart 21).

Das Unternehmen ist auch keineswegs nur ein persönliches Prestigeobjekt für Putin, obwohl das immer wieder behauptet wird. Der Weltraum-Startplatz im Fernen Osten ist für die russische Raumfahrt schon seit Jahren zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Schließlich ist kommerzielle Raumfahrt auch für Russland ein einträgliches Geschäft geworden – und das erfordert Unabhängigkeit von anderen Ländern.

Der Raumflughafen

Und der Raumflughafen wächst. In zwei Kilometer Entfernung vom Startkomplex befindet sich das Technische Zentrum mit der Halle für die Endmontage der Raketen. Fertiggestellt wurden außerdem Fabriken zur Herstellung von flüssigem Sauerstoff und Stickstoff-, ein Heizkraftwerk, mehrere Messpunkte für Telemetrie-Daten, ein Kosmonauten-Trainingszentrum sowie diverse anderen Betriebe.

Der Flughafen ist noch nicht fertiggestellt, ein moderner Bahnhof sowie Wohnhäuser, Geschäfte, Bildungs- und Kulturstätten für demnächst wahrscheinlich 40 000 Einwohner runden das Bild ab.

Mobile Arbeitsbühne

Der Startkomplex selbst hat gegenüber den Rampen in Baikonur und Plessezk eine Änderung erfahren. Wie auf den Weltraumbahnhof in Korou in Französisch-Guyana gibt es jetzt auch in Wostotschny eine mobile Arbeitsbühne, die die Rakete komplett umhüllt, so dass die Arbeit für die Techniker erleichtert und die Rakete vor Witterungseinflüssen geschützt wird. Ingenieure, die den ähnlichen Komplex in Korou gebaut haben, waren auch in Wostotschny im Einsatz.

Die in Wostotschny startenden Träger verwenden im übrigen keine giftigen Chemikalien wie etwa die Proton in Baikonur, sondern ausschließlich Kerosin als Treibstoff und flüssigen Sauerstoff als Oxydator, die ausgebrannten Stufen gehen auf unbewohntem Land oder im Meer nieder.

Ob der legendäre Startplatz Baikonur in fernerer Zukunft weiter bestehen bleibt, kann erst in einigen Jahrzehnten beantwortet werden. Zu wechselhaft sind in den vergangenen Jahren die Weltraumplanungen Russlands verlaufen.

Letztes Update: 1. Februar 2018