Höllenritt! Unter dieser Bezeichnung ist das Profi-Radrennen Paris-Roubaix berühmt! Warum? Weil nicht nur über asphaltierte Straßen, sondern auch über brutales Kopfsteinpflaster gefahren wird. Ein Klassiker der besonderen Art. Obwohl das Rennen im April immer noch „Paris-Roubaix” heisst, beginnt das Spektakel schon seit 1977 in Compiègne (rund 80 Kilometer nördlich von Paris), und hat seit langem in der Öffentlichkeit den martialischen Beinamen „Hölle des Nordens” erhalten.

Eine Rüttel- und Schüttelpiste bei Paris-Roubaix. (Foto: Clipdealer)

Ein höchst zweifelhafter Begriff, bezieht er sich doch auf die in dieser Region erbittert geführten Schlachten des Ersten Weltkrieges mit Tausenden von Toten und Verletzten. Selbst wenn das Rennen härteste Anforderungen an Mensch und Material stellt, verbietet sich eigentlich die medial-griffige Bezeichnung von der „Hölle”. Daran ändert auch nichts, dass der Wettbewerb von brutaler Machart ist. Mit den Schrecken des Krieges ist er gleichwohl nicht zu vergleichen. Der Autor gesteht freilich, in früheren Jahren den Begriff gedankenlos ebenfalls benutzt zu haben.

Die Herausforderung ist gewaltig. Platzende Reifen, zerbrochene Räder, geschundene Fahrer sind an der Tagesordnung. Von den rund 250 Kilometern Gesamtlänge führen in der Schlussphase immer zirka fünfzig über Kopfsteinpflaster, das noch aus einer Zeit stammt, als knarrende Pferdefuhrwerke ihres Weges zogen – für sie wurden einst die schweren Quader gelegt, nicht aber für moderne Aluminium- oder Carbonräder.

Die Mechaniker in den Begleitfahrzeugen oder am Straßenrand haben deshalb jedes Jahr Schwerarbeit zu verrichten. Die Vehikel werden zwischendurch immer wieder umgerüstet, Federgabeln wie beim Mountain-Bike sind beliebt, stabilere Rahmen werden bevorzugt, dickere Pneus aufgezogen, um vor Schäden zu schützen.

Ritt über das Pflaster (Foto: Clipdealer)

Die Fahrer benutzen oft Bandagen, um nicht allzu sehr von Brüchen, Schürfwunden oder anderem, üblen Ungemach heimgesucht zu werden. Stürze sind gleichwohl an der Tagesordnung. Und besonders bei Regen wird es  glatt und gefährlich rutschig. Unter solchen Umständen ist es verständlich, dass diese Tortur nicht bei allen Fahrern beliebt ist. Manche mögen den Höllenritt aus Überzeugung, andere hassen ihn und versuchen, einen Start zu vermeiden.

In der Siegerliste des Klassikers stehen indessen viele berühmte Namen wie etwa Fausto Coppi, Rik van Steenbergen, Rik van Loy, Eddy Merck, Francesco Moser, Felice Gimondi, Louison Bobet, Peter Post, Sean Kelly und Bernard Hinault. Anzumerken bleibt in diesem Zusammenhang allerdings, dass die Kopfsteinpflaster-Passagen erst ab 1967 in den Streckenverlauf integriert wurden. Um den Charakter des Rennens aufrecht zu erhalten, wurde von der Amaury Sport Organisation (ASO), die auch die Tour de France, viele andere Rennen und auch die Motorsport-Rallye Dakar veranstaltet, mit den regionalen Bau- und Straßenbehörden ein Abkommen geschlossen, wonach – selbstverständlich gegen entsprechendes Salär – kein Ausbau der Pflasterpassagen vorgenommen wird.

Repariert aber werden die Abschnitte immer wieder, ausgebessert auch von profesionellen Firmen oder den ehrenamtlichen Helfern, um so ihren Charakter zu erhalten oder gefährliche Stellen zu entschärfen. Auf den „Paves” , wie sie genannt werden, trennt sich bei den Akteuren die Spreu vom Weizen. die harten Passagen haben Längen zwischen 300 Metern und 3,7 Kilometern. Ein Fahrer, der diese Tortur liebte, war der Belgier Roger DeVlaeminck. Er gewann das Rennen viermal und schwärmte:

„In Roubaix habe ich die schönsten meiner über 250 Siege gefeiert.”

Lange war er sogar Rekordsieger, ehe sein Landsmann Tom Boonen 2012 ebenfalls zum vierten Mal gewann.

Deutsche Siege und Plätze

Bisher errangen nur zwei deutsche Radrennfahrer einen Sieg: Josef Fischer bei der Erstauflage 1896 und der Frankfurter John Degenkolb 2015. Auf zweite Plätze kamen im Laufe der Jahre noch einmal Fischer sowie Jahrzehnte später Olaf Ludwig (1992), Steffen Wesemann (2002) und John Degenkolb (2014).

Dritte Plätze erreichten Herbert Sieronski (1932), Rudi Altig (1967), Dietrich Thurau (1980), Gregor Braun (1982), Olaf Ludwig (1993) und Erik Zabel (2000). Steffen Wesemann belegte 2007 noch einmal einen dritten Rang, war zu dieser Zeit aber schon Schweizer Staatsbürger.

2017 ein Sieg für Van Avermaet

Sieger des Rennens 2017 wurde bei idealen Wetterbedingungen der Belgier Greg Van Avermaet, der bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro, die Goldmedaille gewonnen hatte. (Update vom 9. April 2017)