Alonso im Nudeltopf von Indy

Der zweimalige Formel 1-Champion Fernando Alonso beteiligte sich am letzten Maisonntag 2017 am legendären 500 Meilen-Rennen von Indianapolis, doch wenige Runden vor dem Finale schied der Spanier mit einem kapitalen Motorschaden an seinem Dallara-Honda aus. Immerhin hatte er das Rennen einige Male angeführt, und er hätte gut und gerne unter die besten Zehn kommen können… Doch gleichwohl machte das Ganze viel Spaß: „Ich habe viel gelernt!“ sagte der Spanier nach seinem unfreiwilligen Aus. Den Sieg holte sich Alonsos Teamkollege Takuma Sato.

Alonso in Indianapolis ausgebremst. (Foto: Swift Publisher/Clipdealer)

Als im April 2017 bekannt geworden war, dass Alonso auf den WM-Lauf in Monaco (Monte Carlo) verzichten, und statt dessen bei den Indy 500 starten würde, rief ich mir in Erinnerung, welche Rolle dieses Spektakel in der Geschichte des Motorsports gespielt hat und immer noch spielt.

Jedes Jahr im Mai geht in Indianapolis dieses spektakulärste Autorennen der Welt über die Bühne, bei dem sich 400 000 Zuschauer auf den Tribünen tummeln. Und nachdem das Publikum der mit viel Pathos und Inbrunst vorgetragenen, inoffiziellen Hymne des US-Bundesstaates Indiana („Indiana Back Home Again”) gelauscht hat, steigen Tausende von Luftballons in den Himmel und es ertönt die knappe Aufforderung: „Gentlemen start your engines!”, was nichts anderes heißt, als „Meine Herren, starten Sie ihre Maschinen!“ Mit infernalischem Gebrüll starten danach die Boliden und im „Nudeltopf” – so genannt wegen der ovalen Form der Piste – beginnt die Hetzjagd über 500 Meilen (804,672 Kilometer).

Die vier Kurven, die genau genommen gar keine sind, sondern das lang gezogene „Rechteck” nur abrunden, sind höchst gefährlich. Wenn hier mit einem Tempo von über 350 km/h vorbeigerast wird, verengen sich für die Piloten die Bogen bei neun Grad Überhöhung geradezu dramatisch und erfordern an den Lenkrädern höchste Präzision. Unachtsamkeiten verzeiht der Kurs, der entgegen dem Uhrzeigersinn befahren wird, in keiner Sekunde.

Mario Andretti, Indy-Sieger von 1989, sagte einst über die Problematik des langen Rennens:

„Die lange Distanz von 800 Kilometern erfordert eine ungeheure mentale Stärke, weil die Ideallinie sehr schmal verläuft und man stets am Limit fährt”.

Für diese besondere Art des Rennsport gab und gibt es seit jeher ausgesprochene Spezialisten. So haben A. J. Foyt (1961, 1964, 1967, 1977), Al Unser (1970, 1971, 1978, 1987) und Rick Mears (1979, 1984, 1988, 1991) das Indy 500 immerhin je vier Mal gewonnen.

Formel 1-Weltmeister am Start

Doch auch Formel 1-Weltmeister haben ihr Glück in Indianapolis versucht, und haben sogar auf dem obersten Treppchen gestanden. Emerson Fittipaldi (Formel 1-Champion 1972 und 1974) hatte 1989 und 1993 in Indianapolis die Nase vorne, Mario Andretti (Formel 1-Weltmeister 1978) gewann 1989, Jaques Villeneuve (Weltmeister 1997) im Jahr 1995, Graham Hill (Weltmeister 1962 und 1968) schrieb sich 1966 in Indy in die Siegerliste ein und Jim Clark (Formel 1-Titelträger 1963 und 1965) siegte 1965.

Der 1968 in Hockenheim tödlich verunglückte Clark ist bis auf den heutigen Tag der einzige Formel 1-Weltmeister, der innerhalb eines Jahres (1965) sowohl den WM-Titel als auch Indiannapolis gewann. Allerdings ist es heutzutage auf Grund der kommerziellen, terminlichen und technischen Entwicklung kaum noch möglich, beide Wettbewerbe in einer Saison zu bestreiten…

Historische Entwicklung 

Wie in Europa begannen auch in den USA Anfang des vergangenen Jahrhunderts die so genannten „Herrenfahrer” Automobilsport zu betreiben. Der reiche William K. Vanderbilt, der aus dem Pferderennsport kam, begeisterte sich schnell für die motorisierten Fahrzeuge, setzte sich kurzerhand hinter das Steuer und errang einige Siege.

Angestachelt durch die Erfolge gründete er die „Automobil Racing Association” der USA, schuf den nach ihm benannten Vanderbilt-Cup, und der Zeitungsverleger Gordon Bennet beteiligte sich ebenfalls an der Organisation von Autorennen, sogar in Deutschland. So wurde auch ein Gordon-Bennet-Rennen im Taunus ausgerichet. Im Gegensatz zu Vanderbilt fuhr Bennet aber nicht selbst, sondern ließ sch lieber mit einem Vierspänner kutschieren.

1911 das erste Rennen

Weil in den USA auf den Straßen die Menschenmassen nicht mehr zu bändigen waren, die Autorennen sehen wollten, wurden in verschiedenen Orten erste permanente Rennstrecken errichtet. Eine davon war 1909 das Motodrom in Indianapolis, die Strecke bestand nur aus Ziegelsteinen. Das erste Rennen über 500 Meilen ging am 30. Mai 1911 über die Bühne und es gewann der Amerikaner Ray Harroun in 6:42,08 Stunden, was einer Durchschnittgeschwindigkeit von 120,06 km/h entspricht.

102 Jahre später, im Mai 2013 – inwischen ist die Piste außer dem Zielstrich längst komplett asphaltiert –, errang Tony Kanaan seinen Sieg in der Rekordzeit von 2:40,03 Stunden. Seine Schnitt betrug 300,244 km/h. Unschwer ist an dem Zeitenvergleich zu erkennen, wie sehr sich der Automobilsport innerhalb eines Jahrhunderts entwickelt hat.

Familienausflüge, aber auch Todesopfer

Finale in Indy (Foto: Swift Publisher)

Der Mai-Event gilt mit den Massen an Zuschauern als die am besten besuchte Sporttagesveranstaltung der Welt, und die amerikanische Mentalität macht daraus ein großes Familien-Happening für das Wochenende. Während die jungen Männer mit allerhöchster Konzentration ihre dreistündige Arbeit am Lenkrad verrichten – gelegentlich durch Tankstopps, Reifenwechsel und „Safety Car”-Phasen unterbrochen –, drängen die Menschen an die Imbissstände, verzehren Bagels, Sandwiches, Steaks und Cornflakes, trinken Cola oder schauen sich auch schon mal ganz jenseits des Spektakels große Shows an. Doch wo es Sonne gibt, gibt es auch gehörig Schatten. In der Geschichte der 500 Meilen gab es über 100 tödliche Fahrerunfälle in Rennen, Qualifikation oder Training. Letztes Opfer war im Jahr 2015 der ehemalige Formel 1-Fahrer Justin Wilson. Außerdem verloren zahlreiche Mechaniker, Streckenposten und Zuschauer ihr Leben.