Bericht: Erich Stör – Symbolfoto: Clipdealer

Es ist immer wieder faszinierend, in den heimischen Bücheregalen auf einen Roman zu stoßen, von dem man in längst vergangenen Tagen höchst gefesselt und fasziniert war. Beim Aufräumen im Keller fand ich dieser Tage das Taschenbuch mit dem schlichten Titel „Rennfahrer” von Hans Ruesch – eine dicht geschriebene Erzählung aus der schillernden und hektischen Welt der Autorennfahrer. 

Der in Neapel geborene Schweizer Ruesch war selbst Rennfahrer, nahm an über einhundert Wettbewerben teil, gewann 27 Rennen (darunter 13 Bergrennen) sowie die Großen Preise von Finnland, Bukarest und Donington. Als junger Mann hatte er zwei Automobil-Weltrekorde aufgestellt und sich auch als Bobfahrer für die Schweiz betätigt. Seine Gegner hatten klangvolle Namen, zu ihnen zählten Legenden wie Rudolf Caracciola, Achille Varzi, Tazio Nuvolari, Bernd Rosemeyer, Manfred von Brauchitsch, Hans Stuck, Guiseppe Farina – allesamt Männer, die zu ihrer Zeit Automobilsport auf höchsten Niveau betrieben und in den Annalen des Rennsports an vorderster Stelle stehen.

Ruesch hatte Anfang der Dreissiger Jahre damit begonnen, sich in den Boxen und Hotels Notizen über Gespräche und Ereignisse während der Rennen zu machen, was die Authenzität im späteren Roman erklärt. Von der ersten bis zur letzten Seite ist diese Nähe zu Mensch und Technik zu spüren. Das Tempo seiner Sprache, die Darstellung menschlicher Abgründe und Leidenschaften im Milieu der selbstverliebten, doch gleichwohl verbissenen Lenkrad-Selbstdarsteller machen das Buch zu einem Sittenbild der Vollgasbranche – über den Tag hinaus.

Rueschs „Held” ist Erich Lester

In „Rennfahrer” schilderte Ruesch eingangs die abenteuerlich anmutende Fahrt seines „Helden” Erich Lester bei der legendären „Mille Miglia” in Italien, was ihm leicht gefallen sein dürfte, hatte er doch selbst beim Rennen von 1933 den siebten und 1935 den vierten Platz belegt. Ruesch stellt diesen kompromißlos harten Mann in den Mittelpunkt des Romans, der allerdings auch von der Einsamkeit berühmter Sportler erzählt, und davon, wie ehrgeizigen Zielen auch privates Glück geopfert wird.

Autosport aus der Vergangenheit (Foto: Swift Publisher)

Der Roman war zunächst Mitte der Dreissiger Jahre in der Schweiz unter dem Titel „Gladiatoren” erschienen; nach Übersetzung und Überarbeitung des Textes durch Ruesch wurde er 1951 in den USA unter dem Titel „The Racer” neu herausgebracht und mit Kirk Douglas in der Hauptrolle verfilmt. Zurück übersetzt wurde das in den USA erschienene Buch von dem eigenwilligen, deutschen Schriftsteller Arno Schmidt. Schmidt hatte Anfang und Mitte der Fünfziger Jahre – noch ehe er in die Schlagzeilen der deutschen Feuilletons geriet – immer wieder für den Rowohlt-Verlag als Übersetzer englischer und amerikaner Literatur gearbeitet.

Erfolg mit Eskimo-Roman

Hans Ruesch indessen feierte seinen größten Erfolg mit einem ganz anderen Thema. Sein 1950 in New York veröffentlichter Eskimo-Roman „Top of the World” (deutsch: „Im Land der langen Schatten”) wurde zum US-amerikanischen „Bestseller des Jahres“. Drei Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, der Text in fast alle Kultursprachen übersetzt. Das Buch machte Hans Ruesch zum erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller seiner Zeit. Die Züricher Zeitschrift „Weltwoche” war von der „dokumentarischen Wucht“ der Sprache begeistert und stellte Ruesch auf eine Stufe mit Ernest Hemingway. Thomas Mann schrieb:

„Ein besonders packendes Werk, das dem Leser Einblick in eine völlig neue Welt eröffnet”.

Hans Ruesch schrieb auch einige Fachbücher und wurde in den Sechziger und Siebziger Jahren zu einem der engagiertesten Tierversuchsgegner. Sein viel beachtetes Buch „Die Pharma-Story” befasst sich mit den Medizin-Vivisektionssyndikaten, die alles daran setzen, um zu Macht, Geld und Beherrschung des Medizinmarktes zu kommen.

Ruesch starb am 27. August 2007 im Alter von 94 Jahren, rund 60 Jahre nach Erscheinen von „Rennfahrer”.