Sputnik am Sternenhimmel

Wenn heutzutage Astro- oder Kosmonauten gleich welcher Nationalität zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen oder von dort zur Erde zurückkehren, nimmt außer einigen Experten und Enthusiasten, kaum noch jemand Notiz von den Ereignissen. Raumfahrt ist zur Routine geworden, Starts vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan zum „Außenposten der Menschheit” sind, ebenso wie Landungen nicht mehr erwähnenswert. Nur kleine oder größere Pannen – wie etwa der mißlungene Start eines Versorgungsschiffes – finden noch Eingang in die Medien. Doch das Zeitalter der Raumfahrt ist noch gar nicht so alt. Die ersten Raketenstarts waren vor gerade einmal 60 Jahren eine Sensation.

Eine kleine Kugel namens Sputnik fliegt um die Erde. (Symbolfoto: Clipdealer)

So nahm auch eines der bedeutendesten Ereignisse des 20. Jahrhunderts in der unwirtlichen Steppe Kasachstans seinen Anfang. Am 4. Oktober 1957 um 22:28:34 Uhr Moskauer Zeit – am Startplatz in Tjuratam war bereits der 5. Oktober angebrochen (Ortszeit 00:28:34 Uhr) – startete mit Donnergetöse und annähernd 20 Millionen PS Schubkraft eine zweistufige Interkontinentalrakete vom Typ R 7 in den nächtlichen Himmel, um erstmals in der Geschichte der Menschheit einen Satelliten von 83,6 Kilogramm Gewicht in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Geschwindigkeit: 28. 000 km/h, Zeit für eine Erdumkreisung etwas über 95 Minuten. 92 Tage verrichtete der erste Erdbegleiter seine Arbeit, ehe er am 4. Januar 1958 verglühte.

Der schlichte Name der kleinen Kugel war Satellit oder auch Trabant, und die griffige russische Übersetzung „Sputnik” ist bis heute das Schlüsselwort für den Beginn der Raumfahrt. Die Trägerrakete R 7 wurde intern auch „Semjorka” (Sieben) genannt und die Weiterentwicklung dieser Rakete zur Sojus transportiert noch heute Menschen und Material zur ISS.

Internationale Sensation

Der Flug des ersten künstlichen Erdsatelliten war eine internationale Sensation und löste in der westlichen Welt, insbesondere in den USA, den so genannten „Sputnik-Schock” aus, weil damit klar wurde, dass die in den Vereinigten Staaten als zurückgeblieben geltende UdSSR nicht nur über die technische Fertigkeit verfügte, Raketen zu starten, sondern sie auch punktgenau zu steuern – sowohl im erdnahen Weltraum als auch zu ausgewählten Ziele auf der Erde. Die militärpolitischen Aspekte und Konsequenzen dieses Spektakels waren damit vorgezeichnet.

Der in der internationalen Öffentlichkeit zelebrierte „Sputnik-Schock” wurde danach – und insbesondere in den Vereinigten Staaten – gezielt eingesetzt, um die notwendigen finanziellen Mittel für die eigene militärische und zivile Raumfahrt zu erhalten. Die Gründung der NASA war eine Konsequenz aus dem Ereignis.

Amerikaner wußten Bescheid

Gleichwohl war die US-Regierung bei weiten nicht so überrascht, wie öffentlich verkündet. Die westlichen Geheimdienste waren längst über bevorstehende Aktivitäten informiert, sogar der Normalbürger konnte die Absichten der Sowjetunion erkennen, wenn er nur dazu bereit war, Mitteilungen der amtlichen Nachrichtenagentur TASS nicht nur als reine Propaganda abzutun.

So hatte die sowjetische Parteizeitung „Prawda” bereits am 1. Juli 1957 den bevorstehenden Sputnik-Start angekündigt und als weiteres Ziel sogar den Raumflug eines Menschen genannt. Der Sowjetführung war daran gelegen, die Welt auf ihre einsatzbereite Interkontinentalrakete – ausrüstbar mit atomaren Sprengköpfen – aufmerksam zu machen. Schließlich herrschte damals Kalter Krieg.

Tests, Fehlstarts und Erfolg

Das Jahr 1957 war in der UdSSR mit vielen technischen Tests ausgefüllt. Am 15. Mai scheiterte jedoch der Start einer militärischen Raketenversion, doch am 27. August meldete die Nachrichtenagentur TASS triumphierend:

„Gemäß dem Plan für wissenschaftliche Forschungsarbeit wurde in der Sowjetunion eine interkontinentale ballistische Rakete erfolgreich erprobt. Der Flug der Rakete erfolgte in sehr großer, bisher noch nicht erzielter Höhe. Nachdem die Rakete in kurzer Zeit eine riesige Entfernung zurückgelegt hatte, erreichte sie den vorgesehenen Raum.”

Nach der erfolgreichen Erprobung der R 7 stand auch dem Start des Sputnik nichts mehr im Wege. Der legendäre Chefkonstrukteur Sergej Pawlowitsch Koroljow hatte den Militärs, die die Oberhoheit über die gesamte Raketentechnik besaßen, einige Träger für den Einsatz wissenschaftlicher Projekte abgerungen. Er plante mit seinem Freund und Kollegen Tichonrawow, dem eigentlichen Schöpfer des Sputniks, sogar einen Satelliten von über 1300 Kilogramm Gewicht, doch es war bald klar, dass dieser schwere Brocken wahrscheinlich nicht rechtzeitig fertig werden würde, um den konkurrierenden Amerikanerm mit einem Erststart ein Schnippchen zu schlagen. So ließ Koroljow in weiser Voraussicht auch eine leichte und einfache Kugel anfertigen.

Im Oktober war das Paket „Rakete und Satellit” bereit. TASS meldete den erfolgreichen Start des Sputniks und schrieb:

„Der Satellit hat die Form einer Kugel mit einem Durchmesser von 58 Zentimetern und einem Gewicht von 83,6 Kilogramm. Er ist mit zwei Radiosendern ausgerüstet, die ununterbrochen mit einer Frequenz von 20, 005 und 40,002 Megahertz aussenden. Die Signale dauern 0,3 Sekunden, darauf folgt eine ebenso lange Pause… Laut den Berechnungen, die durch unmittelbare Beobachtungen präzisiert werden, wird sich der Satellit in Höhen bis zu 900 Kilometer über der Erdoberfläche bewegen. Eine vollständige Umkreisung wird eine Stunde und 35 Minuten dauern.”

In aller Welt wurde von Amateurfunkern und Sternwarten das Piep-piep des Sputniks empfangen. Dort, wo er seine Bahn zog, konnte er bei wolkenlosem Himmel in den Abend- oder Morgenstunden mit Ferngläsern, manchmal sogar mit bloßen Auge, zwischen den Sternen gesichtet werden – auch in Frankfurt am Main.

Optische Täuschung

Doch der faszinierende Blick auf das leicht schaukelnde Funkeln war eine optische Täuschung. Koroljows Stellvertreter Boris E. Tschertok klärte das in den Neunziger Jahren auf, als er feststellte:

„Die reflektierende Oberfläche des Sputniks war viel zu klein, um ihn visuell sehen zu können. Tatsächlich wurde die zweite Raketenstufe beobachtet. Es war der zentrale Block, der auf derselben Umlaufbahn wie der Sputnik flog.”

Letztendlich war dies ohne Bedeutung für all jene, die das schnell dahingleitende „Strernchen” am Himmel erblickt hatten. So oder so läutete der Sputnik-Start die Geschichte der Raumfahrt ein. Kapitel reihte sich an Kapital. Es flogen bald Sputnik 2 mit Laika an Bord, dann Sputnik 3 mit über 1300 Kilogramm Gewicht und vielen wissenschaftlichen Geräten – er sollte ja ursprünglich als erster Satellit starten -, es folgten sowjetische und amerikanische Flüge zu Mond, Venus und Mars.

Der Raumflug Juri Gagarins, der Ausstieg Alexej Leonow ins freie All, die Mondlandung der Amerikaner mit Neil Armstrong, die Space Shuttles, das Hubble-Teleskop, der Bau von Raumstationen bis hin zur ISS waren weitere Meilensteine, allerdings nicht ohne Todesopfer.

Sechs Jahrzehnte nach dem Sputnik-Paukenschlag ist der Alltag der Raumfahrt in vollem Gange, den Grundstein für all diese technischen „Wunderwerke” hatte die silberne, runde Kugel namens Sputnik gelegt.