ERINNERUNGEN (Foto: Filmverlag Christian Unucka, Text: Erich Stör)

Im Jahr 1960 starb der Filmschauspieler Albert Matterstock. Der Filmstar der 30er und 40er Jahre wurde nur 49 Jahre alt, und hatte nach dem Zweiten Weltkrieg im Filmgeschäft nicht mehr Fuß fassen können. Eine Erinnerung an den in Hamburg verstorbenen Künstler. 

Beim Suchen nach alten Filmprogrammen stieß ich dieser Tage bei „ebay“ auf den Titel „Drei Birken auf der Heide”. Für 3,99 Euro wurde das Heftchen aus der Reihe „Das Neue Filmprogramm” feilgeboten, der Titel weckte Gedanken an eine kurze, persönliche Begegnung mit dem Schauspieler in Frankfurt am Main.

Im November 1956 wurde diese fade Heimatschnulze in den Harmonie-Lichtspielen in Frankfurt-Sachsenhausen gezeigt. Als Gast anwesend im Kino war Albert Matterstock, ein Top-Star des deutschen Films der Dreissiger und Vierziger Jahre, der gerade versuchte, im Film noch einmal Fuß zu fassen, nachdem er im Nachkriegsdeutschland kaum noch auf den Besetzungslisten aufgetaucht war.

Dagegen hatte der Schauspieler vor und auch während des Krieges in Berlin bei verschiedenen Gesellschaften Filme wie am Fließband abgeliefert, alleine in den Jahren 1937 bis 1939 zwölf Streifen. Die meisten wurden vom Publikum goutiert, obwohl es meistens nur Massenware gewesen war. Der junge Mann aber war mit diesen Filmen zu einem beliebten Filmstar geworden. Obwohl Matterstocks Stern nun verblasst war, hatte ihm der Hamburger Produzent Walter Koppel (Real-Film) in „Drei Birken auf der Heide” die Rolle eines Verlegers gegeben, doch der Film mit Margit Saad, Sonja Sutter und Helmut Schneider (Regie: Ulrich Erfurth) hinterließ in der trübseligen Historie des deutschen Heimatfilms jener Jahre keinerlei Eindruck – abgesehen von den eindrucksvollen Aufnahmen der Lüneburger Heide durch Kameramann Willy Winterstein.

Ein schlichter Streifen

Die Filmstory war schlicht wie so vieles zur damaligen Zeit. Ein Förster kehrt nach langer Abwesenheit in sein Heimat- und Heidedorf zurück, und trifft seine Jugendliebe Rose wieder. Matterstock und andere Beteiligte sorgen für die üblichen Verwicklungen, gleichwohl kommen die beiden jungen Leute – wer hätte das (nicht) gedacht? – glücklich zusammen. Gleichwohl konnte der Streifen nicht einmal in dem üppig gefüllten Genre der Heimatfilme Eindruck hinterlassen. Die treffendste Formulierung, die ich über das Gezeigte gelesen habe, stammt vom Frankfurter Filmhistoriker Herbert Stettner:

„Gängige Schleuderware auf der untersten Stufe kitschiger Volksbelustigung.”

Obwohl der Film also ein Tiefpunkt in Matterstocks Karriere war, zeigte sich das Publikum im der Harmonie vom persönlichen Auftritt Matterstocks durchaus angetan. Der groß gewachsene Mann vor dem Vorhang strahlte immer noch eine gewisse Eleganz aus, gefiel mit einfachen Worten, und erhielt zumindest höflichen Beifall.

Freundlich und optimistisch

Nach seinem Auftritt im Hamonie ging Matterstock – längst kein Star mehr, sondern „ein Mann zum Anfassen” – mit dem Kino-Geschäftsführer und einem kleinen Kreis von Filmfreunden, zu dem auch ich gehörte, in die gegenüberliegende Gaststätte von Ernst Jäger, damals ein Sportler- und Künstler-Lokal, um die Aufführung noch „nachwirken” zu lassen. Matterstock spürte, dass ihn dieser dünne Streifen nicht aus dem Tief herausholen würde.

Gleichwohl gab er sich freundlich-optimistisch, sprach über die Dreharbeiten in Undeloh und seinen vielfältigen Bemühungen, nach seinem Karriereknick wieder Fuß zu fassen oder sich eine solide, bürgerliche Existenz aufzubauen. Dazu gehörte auch, dass er vorübergehend als Geschäftsführer eines Frankfurter Restaurants an der Hauptwache tätig gewesen war.

Niemand von uns am Tisch ahnte indessen, wie angeschlagen Matterstock wirklich war. Natürlich wußten wir aus Presseberichten, dass er nach dem Krieg keinen Anschluss an seine Filmerfolge mehr gefunden hatte; ihm wurde Morphiumsucht nachgesagt, die auf eine medizinische Behandlung zurückgeführt wurde. Ob das wirklich stimmt, sei dahingestellt, jedenfalls hüllte sich Albert Matterstock verständlicherweise in dieser Hinsicht in Schweigen.

Erinnerungen an alte Filme

Trotz seiner nicht rosigen Lage schmiedete Matterstock Pläne für die Zukunft, wenn auch in vielem seiner Worte Hoffnungslosigkeit mitschwang. Wohl deshalb flüchtete er lieber in Erzählungen von alten, erfolgreichen Filmen aus der Vergangenheit.

Dann hörte und las ich lange nichts von Matterstock. 1960 aber ging die Meldung durch die Zeitungen, dass Matterstock in einem Hamburger Hotel auf Grund seiner Drogen- und Medikamentenabhängigkeit im Alter von nur 49 Jahren verstorben ist. Eine Nachricht, die uns, die wir mit ihm am Tisch gesessen hatten, betroffen macht. Er hatte optimistisch in die Zukunft geblickt, doch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Beerdigt wurde er in Würzburg auf dem Hauptfriedhof, doch seine Grabstätte ist inzwischen längst aufgelöst. 

Filme mit Albert Matterstock

Land der Liebe, Manege, Serenade, Yvette (alle 1937), Es leuchten die Sterne, Gastspiel im Paradies, Unsere kleine Frau, Ziel in den Wolken, Lauter Lügen (alle 1938), Wer küsst Madeleine?, Die goldene Maske, Ein ganzer Kerl (alle 1939), Unser Fräulein Doktor, Was will Brigitte?, Das himmelblaue Abendkleid (alle 1940), Viel Lärm um Nixi (1941), Liebeskomödie, Ein Walzer mit dir (beide 1942), Kollege kommt gleich (1943), Spuk im Schloss, Schuss um Mitternacht, Komm zu mir zurück!, (alle 1944 – Schuss um Mitternacht erst 1950 uraufgeführt), Die Frau von gestern Nacht (1950), Es begann um Mitternacht (1951), Gesperrte Wege (1955), Drei Birken auf der Heide (1956).