Lange Zeit genoss der deutsche Nachkriegsfilm bei  Historikern keinen besonders guten Ruf, denn viel zu viele dünne Revuefilme, schnulzige Heimatschinken und belanglose Lustspiel-Klamotten fanden nach 1945 den Weg auf die Leinwände. Ich selbst habe jedoch andere Erinnerungen an diese Endvierziger und Fünfziger Jahre, weil ich oft sah, dass sich  viele Filmschaffende durchaus ernsthaft mit Krieg und Nazi-Zeit auseinander setzten. Heute gibt es auch unter Cineasten längst ein differenzierteres Bild des deutschen Filmschaffens, wozu auch Helmut Käutners Film In jenen Tagen beigetragen haben dürfte.

Es gab auch viele andere Filme, die sich des Themas annahmen. Einige davon habe ich als junger Mensch gesehen. Schon die drei ersten Filme, die nach 1945 gedreht wurden, befassten sich mit der Nazizeit. „Die Mörder sind unter uns” (Wolfgang Staudte, sowjetische Zone), „Und über uns der Himmel” (Josef von Baky, britische Zone) und „Zwischen gestern und morgen” (Harald Braun, amerikanische Zone) boten dabei unterschiedliche Ansätze (und Ergebnisse). Bakys „Und über uns der Himmel” schien mir am wenigsten geeignet, die Problematik tiefergehend zu beleuchten.

Weitere Filme, die ich in verschiedenen Frankfurter Kinos sah, waren „Der Ruf” (Objektiv-Film, Regie: Josef von Baky), „Morituri” (CCC-Film, Eugen York), „Ehe im Schatten” (DEFA, Kurt Maetzig) „Film ohne Titel” (Camera-Film, Josef von Baky), „Rotation” (DEFA, Wolfgang Staudte), „Berliner Ballade” (Comedia-Film, Robert A. Stemmle) sowie „Der Verlorene” (Pressburger-Produktion, Peter Lorre).

Außergewöhnlich

Die Geschichte eines Autos in dem Helmut Käutner-Streifen In jenen Tagen aus dem Jahr 1947 ist aus meiner Sicht jedoch besonders erwähnenswert. Der Film beschreitet einen außergewöhnlichen stilistischen Weg, um am Beispiel eines schrottreifen Autos die dramatischen Erlebnisse seiner Besitzer im „Dritten Reich” darzustellen und sich mit der jüngsten Geschichte Deutschlands zu beschäftigen. Der Regisseur bürgte dabei für Qualität, denn auch wenn Käutner nicht zum engeren Widerstand gezählt hatte, wahrte er als stiller Opponent Distanz zur Diktatur.

Käutner hatte 1939 mit „Kitty und die Weltkonferenz” einen eher harmlosen Unterhaltungsfilm abgeliefert, der von Außenminister Joseph von Ribbentrop jedoch als pro-britisch eingestuft und deshalb in Ungnade gefallen war; auch mit „Unter den Brücken” und „Große Freiheit Nr. 7” (beide 1944) drehte Käutner zwei Filme, die in ihrer Betonung des Individuellen dem propagandistischen Weltbild der Nazis widersprachen. „Unter den Brücken” kam deshalb erst 1949 in die Kinos, „Große Freiheit Nr. 7” im September 1945. Dieser Farbfilm war zwar kurzzeitig in die Kinos gekommen, aber noch vor Kriegsende verboten worden, weil er nicht dem Weltbild von Propagandaminister Goebbels entsprach.

Kritikerlob

Für die erste kritische Aufarbeitung der Vergangenheit beim Film In jenen Tagen erntete Helmut Käutner von der Kritik dann viel Lob. In sieben verschiedenen Geschichten wird die Nazi-Zeit dargestellt, wobei eine Rahmenhandlung um ein Auto die Episoden miteinander verbindet.

Als zwei Männer nach Kriegsende ein altes Auto ausschlachten, fragen sie sich, inwieweit es in diesen zwölf Jahren wohl Menschlichkeit gegeben hat. Das Autowrack mischt sich – nur für das Publikum hörbar – in das Gespräch mit ein und berichtet aus seinem und dem Leben der Besitzer. Die Erlebnisse sind dabei vielfältig: Hitlers Machtergreifung und folgende Emigration, die Verfolgung eines Komponisten, zwei Menschen in einer so genannten “Mischehe”, die mit Freitod endet, Widerstandskampf, bittere Kriegserlebnisse an der Ostfront, der 20. Juli 1944 und zuletzt das Drama der Flucht.

Der „Spiegel“ schrieb damals in seiner Kritik, es sei zwar „ein schwerer Film”, aber auch:

„Käutner gibt mit ihm ein Beispiel, dass mit einem dichterisch geschriebenen Drehbuch, einem guten Ensemble mit sehr viel eigenen Ideen und viel Temperament aus dem Erlebnis der Gegenwart Filme geschaffen werden können, die alle angehen.“

In jenen Tagen beschreibt die Nazizeit in erster Linie aus der Perspektive der Opfer, was ihn von anderen Nachkriegsfilmen positiv abhebt. Allerdings wird auf diese Weise auch der Eindruck verstärkt, das Dritte Reich sei überwiegend von honorigen Menschen bevölkert gewesen, die Gutes bewirkt oder zumindest versucht hätten.

Die Zeitschrift „Die Gegenwart” urteilte gleichwohl in einer Besprechung im Jahr 1948:

„Schwerlich ist in der ganzen deutschen Nachkriegsliteratur so tonlos, so im “Nebenbeigesprochenen” und so haargenau die kennzeichnende Sprache der Tyrannei festgehalten.“

Erich Schellow und Gert Schaefer sind die Darsteller der Rahmenhandlung. Sie erfahren die Details über das Schicksal der Menschen In jenen Jahren beim Ausschlachten des zerbeulten, alten Schrottautos.

Zwei Programmhefte zum Film. (Foto: Verlag Christian Unucka)

Die weiteren Protagonisten der Episoden sind Winnie Markus, Werner Hinz, Karl John, Franz Schafheitlin, Alice Treff, Hans Nielsen, Willy Maertens, Ida Ehre, Erica Balque, Hermann Schomberg, Eva Gotthardt, Hermann Speelmanns, Fritz Wagner, Isa Vermehren, Margarete Haagen, Erwin Geschonnek, Carl Raddatz und Bettina Moissi.