Billy Wilder war einer der vielseitigsten Regisseure in der amerikanischen Traumfabrik Hollywood. Einer seiner bedeutendsten Filme war „Sunset Boulevard” (deutscher Titel: Boulevard der Dämmerung) aus dem Jahr 1950, der gelegentlich im Fernsehen zu sehen ist. Der Titel kann sinngemäß auch als „Prachtstraße des Sonnenuntergangs” interpretiert werden. 

Der Schwarz-Weiß-Film entlarvt in schonungslosen Bildern das glamouröse Image der mächtigen Hollywood-Konzerne, ist aber letztes Endes doch auch wieder selbst nur ein Produkt dieser im Film bloßgestellten „Traumfabrik”. Die Tragödie um einen alternden Stummfilmstar spielte insofern eine besondere Rolle im Schaffen Wilders, weil erstmals ein zutiefst kritischer Blick auf die Gnadenlosigkeit der Traumfabrik geworfen wurde, ohne jedoch Konsequenzen auszulösen.

Ehe wir uns näher mit „Sunset Boulevard” beschäftigen, ist es angebracht, zunächst einen Blick auf die Karriere Wilders zu werfen. Der in Galizien (Österreich-Ungarn) geborene Künstler (1906-2002) war 1933 nach der Machtergreifung der Nazis aus Berlin über Paris in die USA emigriert und hatte in Hollywood zunächst als Drehbuchautor (u. a. Ninotschka) Fuß gefasst. 1942 führte er erstmals Regie und wurde bald als Regisseur dramatischer Themen eingesetzt.

Der Kriminalreißer „Frau ohne Gewissen” (1944) gilt als einer der Meilensteine in der Geschichte der Schwarzen Serie Hollywoods. Wilders Alkoholiker-Drama „Das verlorene Wochenende” (1945) wurde ein großer Erfolg, ebenso der medienkritische „Reporter des Satans” (1951). „Lindbergh – mein Flug über den Ozean” (1957) oder der Justizthriller „Zeugin der Anklage” (1957) waren weitere erfolgreiche Stationen seines Schaffens.

In der leichten Unterhaltung gefielen „Sabrina” (1954), „Das verflixte 7. Jahr” (1955), „Ariane – Liebe am Nachmittag” (1957), „Das Mädchen Irma la Douce” (1963) und „Avanti, Avanti” (1972). Wilders berühmtesten Komödien entstanden jedoch in den Jahren 1959 und 1960. Sowohl „Manche mögen’s heiß” (mit Marylin Monroe, Jack Lemmon und Tony Curtis) als auch „Das Appartement” (mit Jack Lemmon und Shirley MacLaine) wurden zu Welterfolgen.

Kritischer Blick auf Hollywood

Auf der „Straße des Sonnenuntergangs” geht es in einer Mischung aus Wahrheit und Dichtung um die einst überschwänglich gefeierte Stummfilmdiva Norma Desmond (gespielt von Gloria Swanson), die nach dem Ende ihrer einst glanzvollen Karriere besessen ist von dem Wunsch nach einem Comeback. In ihrem düster gewordenen Leben inmitten musealer Erinnerungen nährt Norma Desmond in ihrem Prunkhaus den Traum vom wiederkehrenden Ruhm. Dieser Wunsch wird von dem ihr sklavisch und bedingungslos ergebenen Butler Max (Erich von Strohheim) kritiklos unterstützt – wohl auch deshalb, weil er nicht nur ihr früherer Regisseur, sondern auch ihr erster Ehegatte war.

Norma Desmond holt den jungen, mittellosen Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) in ihr Haus, um mit seiner Hilfe den Wunsch von der Rückkehr auf die Leinwand zu verwirklichen – was sich im rücksichtslosen Filmgeschäft jedoch als pure Illusion erweist. Anfangs unterstützt dieser Drehbuchschreiber den einstigen Star bei den ständigen Selbsttäuschungen, findet trotz hoher Schulden aber schnell in die Realität zurück und macht Norma Desmond unbarmherzig und ohne jeden Skrupel auf die trostlose Wirklichkeit ihres Niedergangs aufmerksam.

Diese brutale Rücksichtslosigkeit wirft Norma Desmonds völlig aus der Bahn. Sie greift zur Pistole und erschießt Gillis. Nachdem der tödlich Verletzte ins Schwimmbecken gestürzt ist, ertönen heulende Sirenen, die Mordkommission erscheint, neugierige Gaffer tummeln sich vor der Villa, Reporter eilen geschäftig umher. Schein und Wirklichkeit vermischen sich für Norma Desmond. Im Licht der Wochenschau-Scheinwerfer wiegt sich die Diva in ihrem wahnhaften Realitätsverlust im Glauben, diese Bewegtheit, dieses geschäftige Treiben um sie herum sei Teil ihres neuen Films…

Dieter Wedel schreibt über den Film

Der Film bietet beeindruckende Szenen und vertieft das Drama bis zum Erschaudern. Der deutsche Fernsehregisseur Dieter Wedel, der sich vor allem im Fernsehen mit Mehrteilern („Einmal im Leben – Geschichte eines Eiegenheims”, „Alle Jahre wieder”, „Der große Bellheim”, „Der Schattenmann”, „Der König von St. Pauli”) einen Namen gemacht hat, schrieb in einer Fernsehzeitschrift über die bizarr-schonungslose Hollywood-Maschinerie:

„Ein großartiger, bissiger, ironischer Film, der die Folgen einer Industrie zeigt, die sich dem Zauber des Films verschrieben hat, aber darüber die menschlichen Schicksale oft vergisst.”

Was den Film darüber für mich besonders sehenswert macht, sind die autobiografische Züge, die dem Drama eine zusätzliche, düstere Note geben. Denn Hauptdarstellerin Gloria Swanson war selbst ein Stummfilmstar gewesen, aber längst aussortiert aus dem gleißenden Scheinwerferlicht von einst. Für diesen Film wurde sie von Billy Wilder eigens engagiert, um der Norma Desmond ein überzeugendes Gesicht zu geben. Das gelang ihr vortrefflich und so schaffte es die reale Gloria Swanson noch einmal – ganz anders als Norma Desmond – für einige Zeit tatsächlich in das Licht der Öffentlichkeit zurückzukehren.

Auch andere Darsteller spielen sich gewissermaßen selbst: Erich von Strohheim, der den Butler und Ex-Ehemann gibt, war in Gloria Swanson großer Zeit tatsächlich einer ihrer Regisseure, und Cecil B. DeMille, der im Film als ihr früherer Entdecker und Förderer auftritt, war es ebenfalls.

Auszeichnungen für Wilder

Billy Wilder gewann insgesamt mehrerer Oscars und viele andere Preise. 1946 hatte der Regisseur für „Das verlorene Wochenende” den Oscar für die beste Regie und das beste Drehbuch (zusammen mit Charles Brackett) erhalten; für „Boulevard der Dämmerung” gab es 1951 die Auszeichnung für die beste „Vorlage, die beste Geschichte und das beste Drehbuch” (gemeinsam mit Charles Brackett und D.M. Marshman Jr.) Außerdem erhielt der Film zwei weitere Oscars für die beste dramatische Musik (Franz Waxman) und die beste Schwarz-Weiß-Ausstattung.

Weitere drei Oscars gewann Billy Wilder für „Das Appartement” (Beste Regie, bester Film sowie für „die beste Vorlage, die beste Geschichte und das beste Drehbuch” (zusammen mit mit I. A. L. Diamond).

Daten zu „Boulevard der Dämmerung”

Das Drama der Paramount trägt den Originaltitel Sunset Boulevard (in etwa: Prachtstraße des Sonnenuntergangs), was treffend den Abstieg von Norma Desmond beschreibt. Als Darsteller in dem 110 Minuten langen Film spielen neben Gloria Swanson noch Erich von Stroheim (als ihr früherer Regisseur, Ehemann und jetziger Butler Max von Mayerling), William Holden (als junger Drehbuchautor und Normas Liebhaber Joe Gillis), Nancy Olson (als Betty Schaefer), Fred Clark (als Sheldrake), Cecil B. DeMille (als Cecil B. DeMille), Buster Keaton (als Buster Keaton). Neben Produzent Charles Brackett schrieben auch Regisseur Billy Wilder und D.M. Marshman jr. am Drehbuch. Die Kamera führt John Seitz, die Musik stammt von Franz Waxman.