Im Jahr 1934 kam es in nördlichen Eismeer zu einer dramatischen Rettungsaktion, bei der 104 Menschen von sowjetrussischen Fliegern aus der Arktis gerettet wurden, nachdem das russische Forschungsschiff „Tscheljuskin“ gesunken war.

 Die Tscheljuskin war in Kopenhagen gebaut worden und nach einer Skandinavien-Umrundung am 10. August 1933 von Murmansk aus zu ihrer Fahrt durch die nördlichen Eismeere und die Beringstraße nach Wladiwostok führen sollte. Nachdem die Karasee, die Insel Sewernaja Semlje und der Laptewsee sowie die Ostsibirische See passiert war, wurde das Schiff nahe der Beringstraße vom Eis eingeschlossen und schließlich am 13. Februar 1934, 144 Seemeilen von Kap Uelen entfernt, vom Eis zerdrückt.

Die Besatzung und die Wissenschaftler retteten sich auf eine große Eisscholle, wobei ein Mann bei der Evakuierung von einem Balken und herabstürzenden Säcken erschlagen wurde. Nachdem der Untergang von Professor Otto Juljewitsch Schmidt – russischer Naturforscher und Expeditionsleiter – über Funk nach Moskau gemeldet worden war, begann einer der größten Rettungsaktionen der Geschichte.

Wie der damals beteiligte Pilot Nikolai Kamanin in seinem Buch „Flieger und Kosmonauten” (Verlag Neues Leben, Berlin) erzählt, wurden an verschiedenen Stützpunkten Fliegerstaffeln alarmiert, darunter auch im Fernen Osten. In der Amur-Region wurden Flugzeuge zerlegt und auf dem Schienenweg erst nach Wladiwostok und dort auf den Dampfer „Smolensk” gebracht.

Als das Schiff bei eisigen Stürmen die Stadt Oljutorka im Norden der Halbinsel Kamtschatka erreicht hatte – eine Weiterfahrt nach Norden war aufgrund der Wetterunbilden nicht mehr möglich – , mussten die Flugzeugteile mit Barkassen an Land gebracht und bei 40 Grad unter Null wieder zusammengebaut werden: immerhin noch 2000 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt, in einem Landstrich, der ausserhalb jeder Zivilisation lag.

Gleichzeitig wurde versucht, von Alaska und Chabarowsk die Eisscholle zu erreichen. Die Gruppe aus Wladiwostok arbeitete sich unterdessen bei ständigem Spritmangel und unter widrigsten Flugbedingungen näher an die Eingeschlossenen heran. Erst einen Monat nach Beginn der Rettungsaktion erreichten die Flieger schließlich Wankarem in der Nähe von Uelen: von hier aus waren es dann „nur” noch 55 Minuten zum Lager von Schmidt, wo auf dem Eis inzwischen eine Art Landebahn gebaut worden war.

Eine besondere Rolle bei der Rettung spielten die Flieger Mariki Slepnew und Sigismund Lewanewski. Die beiden USA-erfahreren Piloten kauften im Auftrag der Sowjetregierung in den Vereinigten Staaten zwei kleine Passagierflugzeuge und starten von Nome in Alaska nach Warenem, wo sie zu den anderen Rettern stießen.

Alle 104 Personen überleben

In der gefährlichen Endphase der Rettungsaktion holte Anatoli Ljapidewski am 29. März mit einer dieser Maschine die zehn Frauen und die zwei Kinder vom Eis. Wassili Molokow rettete mit neun Flügen insgesamt 39 Personen, Nikolai Kamanin absolvierte ebenfalls neun Flüge und barg 34 Personen, Michail Wodopjanow unternahm drei Flüge und brachte 10 Personen an die Küste der Tschuktschen-Halbinsel. Mawriki Slepnew rettete fünf Personen, darunter den erkrankten Expeditions-Chef Schmidt, den er nach Alaska ins Krankenhaus geflogen wurde. Iwan Doronin und Michail Babuschkin unternahmen je einen Flug und brachten je zwei der Gestrandeten an Land. Um die „Fluggast”-Kapazität zu erhöhen, wurden an den Tragflächen der Flugzeuge zusätzliche Sperrholzkisten montiert, in denen kleine Personen Platz fanden.

Alle 104 Personen wurden auf diese Weise lebend geborgen. Die Rettung der Tscheljuskin-Besatzung wurde in der UdSSR (aber auch in der ganzen Welt) als Großtat gefeiert. Die „New York Times” schrieb:

„Seit vielen Jahren sind aus der Arktis keine dramatischeren Meldungen eingetroffen. Was dort geschah, erfuhr die Welt täglich dank der Funkverbindung, dem Mut und Können der sowjetischen Flieger.”

Für sieben der wichtigsten Retter wurde eigens der Titel „Held der Sowjetunion” geschaffen. Kritik gab es allerdings auch an dem Forscher Schmidt, dem Leichtsinn vorgeworfen wurde, weil er viel zu spät zu seiner Reise aufgebrochen war.

Kamanin und die Kosmonauten

Während Sigismund Lewanewski, der wegen hohen Fiebers selbst keinen Flug machen konnte – aber wegen seiner großen Beteiligung an der Organisation der Rettungsaktion„Held der Sowjetunion” geworden war –, nur drei Jahre nach der Rettung der Tscheljuskin-Besatzung bei einem Nonstop-Flug Moskau-Nordpol-USA ums Leben kam, machte Kamanin viele Jahre später noch einmal auf besondere Art auf sich aufmerksam.

Der Flieger, der im Krieg hohe Kommandoposten in der Luftwaffe bekleidet hatte, und die Militärakademie des Generalstabes absolviert hatte, war von 1960 bis 1971 im Auftrag der Luftstreitkräfte für die gesamte Kosmonautenauswahl und -ausbildung der UdSSR verantwortlich. Unter seinen Fittichen gelangten auch die sechs ersten Wostok-Raumfahrer Juri Gagarin, German Titow, Adrian Nikolajew, Pawel Popowitsch, Valerie Bykowski und Valentina Tereschkowa mit Wostok-Raketen von Baikonur aus ins All.

Wladimir Schatalow übernimmt…

Eine Anmerkung zu Nikolai Kamanin sei noch erlaubt: Nach dem Tod der Raumflieger Dobrowolski, Pazajew und Wolkow im Juni 1971 – sie erstickten während der Rückkehr ohne Raumanzüge und nach einem Druckabfall in der Sojus-Landekapsel – trat Kamanin als Chef des Kosmonautenkorps zurück. Kamanin war schon nach Gagarins Flugzeugabsturz 1968 wegen Vernachlässigung von Sicherheitsbestimmungen gerügt worden; am Unglück von Sojus 11 traf ihn allerdings keine Schuld, den er hatte sich strikt gegen den Verzicht auf Raumanzüge ausgesprochen, sich allerdings gegen Chefkonstrukteur Koroljow und andere nicht durchsetzen können. Sein Nachfolger wurde der dreimal ins All geflogene Wladimir Schatalow.