Tausend Meilen durch Italien

Mitte Mai, Brescia, Italien. Menschen schlendern durch die meist sonnigen Straßen, in den Cafés herrscht reges Treiben, die Stadt ist überfüllt, es ist wieder einmal Mille Miglia-Zeit. Auf Hochglanz polierte Rennwagen, die alle im Originalzustand sein müssen und einst an den höchst gefährlichen Straßenrennen über 1000 Meilen in den Jahren zwischen 1932 und 1957 teilgenommen haben müssen, sind zu bewundern, wenn die historische Oldtimer-Parade, die Fans mit der Zunge schnalzen lässt: Oh ja, Bella Macchina!

Stoppuhren sind bei der Mille Miglia das Maß der Dinge… (Foto: Swift Publisher)

Bevor die Teilnehmer am 18. Mai zur ersten Etappe aufbrechen, gibt es den ganzen Tag über „Fachgespräche” an allen Ecken und Plätzen… Der Start der „Historic Mille Miglia” ist für Italien jedes Jahr noch immer ein grosses Ereignis, fast so ähnlich wie zu jener Zeit, als es noch in halsbrecherischem Tempo über Stock und Stein ging, dem Wahnsinn nahe und das im wahrsten Sinne des Wortes. In den Fünfziger Jahren wurde immer unverantwortlicher, ein solches Spektakel auf öffentlichen Straßen und in einem Höllentempo auszufahren.

1955 hatte der Engländer Stirling Moss die Strecke in nur 10 Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden zurückgelegt, was neben fahrerischen Können auch auf bessere Straßen und schnellere Autos zurück zu führen war. Unfälle häuften sich, es gab Todesstürze. Doch das Drama ereignete sich zwei Jahre später und in einem Zeitungsbericht hieß es:

„In der letzten Phase des Rennens von 1957 kam es zu einer tragischen Katastrophe, als der spanische Marquis Alfonso de Portaga die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, nachdem ihm – bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 250 km/h – ein Reifen platzte. Der Marquis verlor die Herrschaft über den Ferrari, sein Wagen brach aus, prallte gegen einen Kilometerstein und eine Telegrafenstange und schleuderte mitten in die dicht gedrängt stehenden Zuschauer. Zwölf Tote waren zu beklagen. Neben dem spanischen Rennfahrer und seinem Beifahrer Eddie Nelson kamen weitere zehn Zuschauer um’s Leben, darunter fünf Kinder.“

Piero Taruffi, einer der großen italienische Rennfahrer jener Zeit, der diese Schreckens-Mille im Alter von bereits 52 Jahren gewonnen hatte, trat nach dem Sieg unter dem Eindruck des schrecklichen Dramas zurück, fünf Tage nach dem Unglück verbot die Regierung alle Straßenrennen in Italien.

Zwanzig Jahre später wurde der Wettbewerb wieder aufgenommen. Jedoch nur noch als Oldtimer-Show, bei der es mehr um die Präsentation alter Automobile ging. Die Sieger werden seitdem nicht mehr nach Bestzeit ermittelt, sondern bei Gleichmäßigkeitsprüfungen der gemächlichen Art. Stoppuhren sind das Maß der Dinge. Geblieben ist freilich bis heute der unverwechselbare Charakter dieser Fahrt, bei sich nah wie vor Hunderttausende an der Strecke für die historischen Fahrzeuge begeistern. Das wird immer wieder so sein im Mai, wenn es durch die malerischen Landschaften der Lombardei, Umbriens, der Toscana und der Emilia Romagna geht.

Brescia-Rom-Brescia

Die Strecke beginnt auch 2017 in Brescia, führt durch herrliche Landschaften, idyllische Dörfer und Städte am Gardasee vorbei nach Verona. Immer dem roten Pfeil, dem Wahrzeichen der Mille Miglia folgend, erreicht das fahrende Oldtimer-Museum über Padua und San Marino die ewige Stadt. Von dort rollt der Tross wieder Richtung Norden und über Parma nach Brescia. Insgesamt sind in diesem Jahr 130 Gleichmäßigkeitsprüfungen zu absolvieren, und da ist die Stoppuhr das Maß aller Dinge.

Zuletzt ist die Mille Miglia sogar auf vier Tage verlängert worden, um den Teilnehmern die Möglichkeit zu längeren Aufenthalten in den Städten zu geben, sich dem Publikum vorzustellen, um damit noch mehr dem Charakter einer historischen Fahrt zu entsprechen.