Alle Wege führen einer alten Redewendung zufolge nach Rom. So weit wollen wir allerdings nicht, sondern nur von Frankfurt nach Südtirol. Einige Berge der Alpen müssen wir trotzdem passieren, um unser Ziel Meran zu erreichen. Bei unserer Reise wählen wir diesmal nicht den schnelleren und bequemeren Weg via Autobahn über München, Kufstein und Brenner, sondern fahren über den Reschenpaß, wobei wir auch noch die Autobahn-Maut einsparen. Über die A 7 rollen wir von Ulm aus bis nach Füssen, passieren auf Landstraßen den Fernpaß sowie die Städtchen Landeck, Pfunds und Nauders, queren dann – fast ohne es zu bemerken – die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien und erreichen zuerst die kleine Gemeinde Reschen und gleich darauf das etwas größere Graun.

Die kleine Kirche St. Katharina ragt aus dem Reschensee. (Foto: Clipdealer)

Auf der rechten Seite schimmert an diesem Tag tiefblau der Reschensee, der Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre angelegte, etwa sechs Kilometer langer Stausee, welcher vor allem der Stromversorgung des Vinschgaus dient. Aus dem Wasser ragt einsam ein Kirchturm, unzählige Male von den zahlreichen Touristen abgelichtet. Das wunderschöne Objekt für die Fotografen wirkt wie aus einem Bilderbuch, hat allerdings auch Flecken, denn kaum jemanden der Vorbeireisenden ist sich der Tatsache bewußt, dass diese hübsche Idylle einen dunklen Hintergrund hat.

Bereits 1939 hatte der Großkonzern „Montecatini“ bei der faschistischen Regierung Italiens das Projekt eingereicht, den Reschen- und Graunersee um 22 Meter zu stauen. Die Einwohner der Gemeinden Reschen und Graun wurden dabei nicht gefragt. Der Zweite Weltkrieg verzögerte dann das Bauvorhaben, was in der Bevölkerung zu der irrigen Annahme führte, die Pläne seien vom Tisch. Doch 1947 wurden von „Montecatini” unter anderen politischen Verhältnissen die Arbeiten am Stauprojekt wieder aufgenommen.

1950 fertiggestellt und geflutet

Die Einwohner der betroffenen Ortschaften Graun und Reschen, sowie die alten Weiler Arlung, Piz, Gorf sowie die Stockerhöfe waren bereits Jahre zuvor zwangsenteignet worden. 1950 war das Bauwerk vollendet und wurde geflutet. 163 Wohnhäuser oder landwirtschaftlich genutzte Gebäude waren zuvor gesprengt, umfangreiche Kulturlandschaft vernichtet und 70 Prozent der Einwohner aus- oder umgesiedelt worden.

Die Südtiroler Webseite „Reschensee” (Unterseite von „Südtirol”) schreibt darüber im Detail:

„Über 677 Hektar Grund und Boden wurden überflutet, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt, und die Hälfte davon zur Auswanderung gezwungen. Die Entschädigungen waren sehr bescheiden. Die Bewohner von Graun hatte man notdürftig in ein Barackenlager am Ausgang des Langtauferertales, das man eiligst aufgestellt hatte, untergebracht. Durch das faschistische Stauprojekt verloren hunderte Familien aus Graun und Reschen ihre Existenz.”

Der übrig gebliebene Glockenturm der Kirche St. Katharina aus dem 14. Jahrhundert ist also nicht nur beliebtes Postkarten-Motiv, sondern Zeuge einer verantwortungslosen kapitalistischen Profit-Politik – unabhängig von ihrer Regierungsform.

Als Urlauber hin- und hergerissen

Nachdem der Turm 60 Jahren im Wasser gestanden hatte, war es aufgrund von Schäden erforderlich, das Mauerwerk 2009 zu sanieren. Dabei wurde auch das Dach erneuert und die Zifferblätter der ehemaligen Turmuhr restauriert.

Der Urlauber bleibt beim Anblick hin- und hergerissen zwischen der Schönheit des Stausees und seiner anziehenden Umgebung, dem in Jahrzehnten neu erstandenen Städtchen Graun mit seinen Hotels und Pensionen und dem Wissen über das rücksichtslos durchgesetzte Bauvorhaben…