Johann Wolfgang Goethe hielt sich 1815 mehrere Monate in Frankfurt-Sachsenhausen auf. Dabei entwickelte sich zwischen dem Dichterfürsten und der Bankiersgattin Marianne Willemer eine lange geheim gehaltete, tiefe Zuneigung. Frankfurter Mädchen und Buben erfuhren in den Schulen über den Dichter aus dem Großen Hirschgraben und Frau Willemer nicht viel, gewiss aber mehr als etwa gleichaltrige Münchener. Denn Johann Wolfgang war in der Stadt überall präsent. Dabei hatte Goethe nur die ersten 26 Jahre seines Lebens in Frankfurt am Main verbracht. Von Kurzbesuchen abgesehen war sein Lebensmittelpunkt Weimar.

Das Sommerhaus auf dem Sachsenhäuser Mühlberg. (Foto: Erich Stör)

Wer außerdem aus dem südlichen Stadtteil Sachsenhausen kam, wurde (und wird) allerdings noch häufiger als andere mit Goethe konfrontiert, denn am gleichnamigen Berg gibt es den hölzernen Goetheturm, der allerdings erst 1931 errichtet wurde, den kleinen Hügel Goetheruh’ – ob der Dichter hier wirklich verweilte, ist nicht belegt – , und natürlich am Mühlberg das Willemer-Häuschen, in dem sich der Herr Geheimrat auch mit der Bankiersfamilie Willemer getroffen hat. Die Zeit in diesem klassizistischen Gartenhaus behielt Goethe immer in guter Erinnerung, sprach sogar von den „schönsten Stunden seines Lebens”.

Am Abend des 18. Oktober 1814 gab es ein großes Freudenfest, beobachtete Goethe doch im Häuschen am Sachsenhäuser Berg mit Jakob und Marianne Willemer das Feuerwerk anlässlich des 1. Jahrestages der Befreiungsschlacht von Leipzig.

Von der beginnenden Romanze zwischen Goethe und Marianne Willemer, die ein Jahr später (zwischen 12. August und 17. September 1815) vertieft wurde, erfuhren wir Schüler freilich wenig, weil es sich damals nicht recht schickte, über diese Liason mit Vierzehnjährigen zu reden – zumal der Dichter 1815 bereits 66 Lenze zählte und Frau Willemer gerade erst 31 Jahre alt geworden war.

Prüderie verschloss die Lippen

Doch nicht allein dieser Altersunterschied dürfte Ende der Vierziger Jahre ein Hemmnis gewesen sein, über die gegenseitige Zuneigung der beiden zu reden. Es war vielmehr die allgemeine Prüderie, die unserem gerade aus dem Zweiten Weltkrieg zurück gekehrten Junglehrer die Lippen verschloss. Immerhin war zu dieser Zeit auch der Unterricht noch streng nach Geschlechtern getrennt.

In der „Volksschule”, wie sie damals noch hieß, ging es in erster Linie um die Vermittlung historischer Daten und das Gesamtwerk des großen Meisters. Über „Liebesgeschichten und Heiratssachen” wurde nur beiläufig geredet. Uns Schüler interessierte das auch (noch) nicht wirklich… Immerhin war es praktisch, dass wir die Schauplätze Gerbermühle und Willemer-Häuschen am Hühnerweg zum „Quellenstudium” bei einem Halbtagesausflug ganz bequem und zu Fuß erreichen konnten.

Erst viel später erfuhr ich mehr über Goethe und Marianne Willemer. Auch über den gut betuchten Bankier Willemer, der seine „Ziehtochter” Marianne Jung nach langjährigem „wilden” Zusammenleben am 27. September 1814 und auf Rat von Goethe geehelicht hatte. Willemer war zu dieser Zeit selbst schon 54 Jahre alt und die Gerbermühle am Main als Landhaus gepachtet. Dort war Marianne Willemer 1815 wohl endgültig in tiefer Zuneigung zu dem älteren Goethe entflammt. Und Goethe – obwohl er in Weimar seine Ehegattin Christiane Vulpius wartend wusste – erlebte noch einmal einen weiteren Frühling…

Texte im West-östlichen Diwan

Dabei war es Historikern zufolge eine eher platonische Liebe, die sich allerdings in vielen Passagen des Goethe-Spätwerks „West-östlichen Diwans” wiederfinden lässt. Marianne steuerte dazu einige wunderbare Liebesgedichte bei, was allerdings erst viel später bekannt wurde.

Sowohl Goethe als auch Marianne schwiegen sich über diese dichterische „Zusammenarbeit” aus. Dass einige Texte von ihr stammen, blieb lange ein Geheimnis. Erst kurz vor ihrem Tod 1860 vertraute sie dem Germanisten Hermann Grimm – Sohn des Märchensammlers Wilhelm Grimm – diese Wahrheit an.

Die Geheimnistuerei muss Goethe als auch Marianne Willemer eine diebische Freude bereitet haben. Lust empfanden sie wohl auch beim Austausch und Zustecken kleiner, handschriftlich-chiffrierter Liebesnotizen in der Gerbermühle, waren sie doch in den rund sechs Wochen am Main und am Mühlberg und bei den Spaziergängen rund um Oberrad in keiner Minute unbeobachtet.

Willemer-Häuschen wieder aufgebaut

Das Willemer-Häuschen am Mühlberg war während des Krieges den britisch-amerikanischen Bombenangriffen zum Opfer gefallen. Es wurde in den Jahren zwischen 1962 und 1964 wieder aufgebaut und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Erst im Erwachsenenalter begann im übrigen für manche der einstigen Schüler die Suche nach Details im Leben von Johann Wolfgang von Goethe. Das Recherche-Buch „Christiane und Goethe” (Insel-Verlag) der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Damm (Gotha/Berlin) hat für den Autoren dieses Artikels erheblich dazu beigetragen, das Wissen um Goethe und Marianne Willemer zu vertiefen.