Anton Karas, ein unbekannter Heurigenmusiker, schrieb 1949 für den britischen Film „Der dritte Mann“ die Ballade vom bösen Gangster Harry Lime – eine Komposition, die ihn weltberühmt machte. Der Filmklassiker, in dem auch das Riesenrad im Wiener Prater eine zentrale Rolle spielte, war in diesen Tagen auch wieder einmal im Fernsehen zu sehen (und zu geniessen). Obwohl der Schwarzweiss-Streifen schon 70 Jahre auf dem Buckel hat, hat er für mich nichts von seiner Faszination eingebüsst. 

Das Riesenrad spielt eine wichtige Rolle im „Dritten Mann“. (Foto: Clipdealer)

Vor allem die mit einem Oscar preisgekrönte Kameraarbeit von Robert Krasker und die bis auf den heutigen Tag unverwechselbare Musik von Anton Karas machen den Reiz des Films im Wien der Nachkriegszeit aus. Auch wenn es sich vordergründig „nur” um einen Kriminalreißer handelt, in dem der skrupellose Dealer Harry Lime (Orson Welles) verunreinigtes Penicillin verschiebt, spiegelt sich doch die politische Situation der damaligen Zeit in vielen Szenen wider.

Die Konfrontation der politisch-militärischen Ost-West-Blöcke in Europa, der drohende Korea-Krieg im Fernen Osten werfen ihre Schatten voraus. Und so ist auch dieser Thriller nicht frei von propagandistischen Sichtweisen. Kalter Krieg findet auch auf Zelluloid statt. Das kommt vor allem zum Ausdruck, wenn die durch Major Calloway (Trevor Howard) repräsentierten Briten in der Viersektoren-Stadt Wien als hilfsbereite und gute Menschen auftreten, die Offiziere und Soldaten der Sowjetunion dagegen nur als tumbe Gesellen dargestellt werden, die dem üblen Gangster und Mörder Harry Lime in ihrem Sektor Unterschlupf gewähren und seine kriminellen Machenschaften schützen.

Allerdings macht nur diese einseitige Betrachtung die Handlung in dieser Form erst möglich und den „Dritten Mann” zu einem außergewöhnlichen Film. Der finale Erfolg beruht aber vor allem auf der Musik von Anton Karas, der vor dem Film in Wiener Heurigen-Lokalen als Zither-Spieler ein eher karges Einkommen hatte. In dieser Musik liegt ohne Zweifel für viele  Zuschauer – und das über die Jahre hinweg – die eigentliche Faszination des Films.

Karas – angeblich erst zum Schluss der Wiener Außenaufnahmen vom Regisseur Carol Reed in einem Heurigen-Lokal entdeckt – ist nach den Kino-Aufführungen weltberühmt geworden und viele Zuschauer (und auch ich) stellen sich die Frage, welche Resonanz „Der dritte Mann” ohne diese außerordentlich einprägsame Begleitung gehabt hätte, die als Harry-Lime-Thema in die Film- und Musikgeschichte eingegangen ist. Eine schlüssige Erklärung vermag bis heute niemand zu geben.

Morbide Kulisse

Neben dem Spiel von Karas lebt die eher schlichte Kolportage natürlich auch von den hervorragenden Bildern dieser morbiden und zerrissenen Stadt, wobei Trostlosigkeit, menschliche Einsamkeit und Melancholie weit über dem eigentlichen Geschehnissen stehen.

Orson Welles war als Gangster Harry Lime die zentrale Figur des Films, zu dem Anton Karas die Zithermusik lieferte. (Fotos: Filmverlag Unucka)

Harry Limes vorgetäuschter Tod, ein gefälschter Pass seiner Freundin (Alida Valli) und der Auftritt des naiven Western-Schreibers Holly Martins (Joseph Cotten) sind nur Staffage für das gesamte Szenario, dass zusätzlichen Esprit auch durch eine Schar österreichischer und deutscher Schauspieler sowie den faszinierenden Aufnahmen in den Abwasserkanälen der Stadt und im Riesenrad des Wiener Praters erhält. Regisseur Carol Reed und Kameramann Robert Krasker drücken dem britischen Film damit einen eigenwilligen Stempel auf.

Berühmtes Finale, neidischer Welles

Die Schlussszene auf dem Wiener Zentralfriedhof zeigt die Handschriften der Künstler in beeindruckender Weise. In einer kargen Einstellung von über einer Minute geht die Hauptdarstellerin Alida Valli an Joseph Cotten vorbei, ohne ihn auf dem endlos langen Weg zwischen den kahlen Bäumen mit den lautlos herabfallenden Blättern eines einzigen Blickes zu würdigen; es sind 66 Sekunden ohne Schnitt, ohne  Kamerabewegung und ohne Dialog…

Der Film-Exzentriker Orson Welles, Schöpfer von Citizen Kane, der bei den Aufnahmen zu dieser Szene als Zuschauer dabei ist, wird später neidvoll bekennen, er hätte sich gewünscht, eine solch geniale Einstellung selbst „erfunden” zu haben.

Einige Daten zum Film

„Der dritte Mann” mit dem gleichnamigen Originaltitel „The Third Man” ist ein englischer Film der London-Film aus dem Jahr 1949. Produzent ist Alexander Korda (in Zusammenarbeit mit David O. Selznick), technisch unterstützt wird die Herstellung durch die Wien-Film. Unter der Regie von Carol Reed treten Joseph Cotten (als amerikanischer Schriftsteller Holly Martins), Orson Welles (als Schwarzmarkt-Schieber Harry Lime), Alida Valli (als dessen Freundin Anna Schmidt), Trevor Howard (als britischer Major Calloway) in Erscheinung.

Weitere Mitwirkende sind Bernhard Lee, Paul Hörbiger, Annie Rosar, Ernst Deutsch, Erich Ponto, Siegfried Breuer und Hedwig Bleibtreu. – Deutsche Stimmen: Wolfgang Lukschy (Holly Martins), Friedrich Joloff (Orson Welles), Elisabeth Ried (Alida Valli). – Das Drehbuch stammt von Graham Greene nach einer eigenen Vorlage. – Kamera: Robert Krasker. – Musik: Anton Karas. – Erstaufführungen: 31. August 1949 (England), 6. Januar 1950 (Bundesrepublik Deutschland), 10. März 1950 (Österreich). Frankfurter Start am 12. Januar 1950 im Filmpalast.