Kälte, Regenschauer, verbunden mit neblig-trüben Wolkenschwaden: der 7. April 1968 war – wie man heute lässig sagt – ein „gebrauchter” Tag. Es war jener Sonntag, an dem Jim Clark, zweimaligerFormel 1-Weltmeister (1963 und 1965) und Sohn eines schottischen  Schafzüchters, auf dem Hockenheim-Ring in Nordbaden um’s Leben kommen sollte.

Clark war Nichtraucher, aber doch in Sachen Werbung unterwegs für eine britische Zigarettenmarke. Das war nichts außergewöhnliches, denn Sportsponsoring wurde zu jener Zeit immer wichtiger für die Rennställe, auch für den von Konstrukteur und Lotus-Eigner Colin Chapman, für den der 32 Jahre alte Jim Clark an den Start ging. Der Schotte aus Kilmany in der Grafschaft Berwickshire war kein heuriger Hase. Bereits 1963 war er erstmals Formel 1- Weltmeister geworden, noch herausragender war für ihn jedoch das Jahr 1965 verlaufen, weil neben der Formel 1-WM auch die „500 Meilen von Indianapolis” für Teamchef Chapman und das Team Lotus ganz oben auf der Prioritätenliste standen.

Clark musste deshalb sogar auf einen Start beim Großen Preis von Monaco – schon damals ein Klassiker des Rennsports – verzichten. Das zahlte sich allerdings in Indianapolis aus. Clark, Lotus und Motorenlieferent Ford eroberten am 31. Mai 1965 den „Nudeltopf“ von Indianapolis überlegener, als jedes andere Siegerteam zuvor.

Die Bilanz war eindrucksvoll. Clark lag – bei einer Renndistanz von 200 Runden – 190 Runden in Führung, schaffte den ersten Sieg eines Europäers seit 1916, den ersten Erfolg eines Mittelmotor-Rennwagens (Lotus 38 Ford), errang die ersten Siege eines englischen Rennwagens, eines Ford-Motors und gewann als Erster mit einem Durchschnitt von über 150 Meilen/h (242 km/h) in 3:19:05 Stunden.

Sechsmal ganz oben

Zurück in Europa bestätigte der privat als eher schüchtern und zurückhaltend geltende bodenständige Sohn eines Schafzüchters seine Erfolgsserie. Nachdem er bereits das Auftaktrennen in Südafrika gewonnen hatte, siegte er nacheinander bei den GPs von Belgien, Frankreich, England, den Niederlanden und Deutschland. Sechs Starts und sechs Siege in insgesamt zehn WM-Läufen brachten den überlegenen zweiten WM-Titel. Der Sieg in Indianapolis und der Formel 1-Gewinn 1965 sind bis heute einzigartig geblieben.

Clarks Einsatz bei einem zweitklassigen Formel 2-Rennen in Hockenheim erschien indessen widersinnig und im wesentlichen nur als Werbemaßnahme für jene britische Zigarettenmarke gedacht, die als Partner bei Lotus eingestiegen war. Was zur Folge hatte, dass die traditionell grün lackierten Lotus-Renner in Rot-Weiß-Gold umlackiert wurden.

Reporter unterwegs

Erinnerungen! Als junger Reporter einer Frankfurter Zeitung fahre ich zum Hockenheimring ins Nordbadische, denn gerade einige Wochen zuvor wurde mir von der Redaktion das Aufgabengebiet „Motorsport” übertragen. Die Deutschland-Trophäe des Automobilclubs von Deutschland (AvD), Auftaktrennen zur Formel 2-EM, ist mein erster größerer Auftrag.

Der Rückblick auf diesen Tag vor 50 Jahren ist bis heute so trüb wie das ganze Wochenende gewesen war. Die Reiseschreibmaschine vor mir auf dem Pult, beobachte ich zusammen mit Kollegen auf der Pressetribüne das Renngeschehen. Clark startet nur in der dritten Reihe neben Chris Amon, nach vier Runden ist er bereits auf Platz sieben zurückgefallen. Die anderen Fahrer an der Spitze interessieren kaum jemanden unter den Journalisten, denn fast alle Augen richteten sich nur auf Clark, immerhin ist er der erklärte Star des Rennens.

Wo bleibt Clark?

Der Schotte biegt vor Beginn der fünften Runde nicht mehr ins Motodrom ein. Weil die 6,786 Kilometer lange Strecke zum größten Teil im Wald liegt, TV-Übertragungen noch unüblich und die Kommunikation zwischen den Organisatoren und den Reportern eher von Zufälligkeiten bestimmt sind, beginnt ein Rätselraten.

Reifendefekt, Unfall, technisches Versagen? Gerüchte schießen ins Kraut, doch gleichwohl denken die Journalisten noch nicht an das Schlimmste, denn es dröhnt flotte Schlagermusik durch das Motodrom, über den Lautsprecher wird lediglich die Nachricht verbreitet, Clark sei von der Strecke abgekommen, und mit Verletzungen in die Heidelberger Uni-Klinik gebracht worden. Rennarzt Rothenfelder spricht von einer schweren Verletzung, gibt indessen keine näheren Erklärungen ab. Nur „unter der Hand” werden ausgewählte Journalisten von AvD-Pressechef Michael Briechle informiert, dass Clarks Unfall tödlich verlaufen ist.

„Strecke ist lächerlich”

Noch am Vorabend hatte Jim Clark im Aktuellen Sportstudio des ZDF Moderator Werner Schneider ein Interview gegeben, und beklagt:

„Die Strecke ist für Formel 2-Rennen einfach lächerlich. Es gibt zu viele Geraden. Der Fahrer kann überhaupt nichts machen.”

Just eine der langen Geraden war es dann, die Clark zum Verhängnis wurde. Ein Streckenposten berichtete nach dem Unfall, Clarks Fahrzeug sei bei zirka 225 km/h ins Schlingern geraten, über die Fahrbahn geschlittert, habe den Randstreifen sowie einige kleinere Bäume niedergewalzt und sei danach gegen einen großen Baum gekracht.

Ausschnitt meines Berichtes über den tödlichen Unfall von Jim Clark. (Zeitungsausriss: Signale)

Clark erlitt bei dem heftigen Aufprall einen Genickbruch und – wie die genaueren Untersuchungen in der Klinik ergaben – neun weitere schwere Verletzungen, von denen jede einzelne zu seinem Tod geführt hätten. Der Wagen wickelte sich förmlich um den Baum und wurde völlig zerstört. Trümmerteile des Fahrzeugs wurden weit verstreut.

Ursachenforschung

Die Unfallursache selbst wurde nie restlos aufgeklärt, es blieb bei Vermutungen. Als wahrscheinlichster Grund wurde später ein schleichender Plattfuss oder defekter Reifen am rechen Hinterrad angenommen. Dafür sprach auch, dass der Streckenposten gesehen hatte, wie Clark verzweifelt versucht hatte, den ausbrechenden Wagen unter Kontrolle zu bringen.

Allerdings wurde auch kolportiert, der Lotus habe schon bei der Qualifikation am Tag vor dem Rennen ständig mit Zündaussetzern zu kämpfen gehabt – was auch die relativ schlechte Startposition Clarks in der dritten Reihe neben Chris Amon erklären würde. Clarks Mechaniker Dave Simms soll wegen der Kälte sogar die Zündanlage des Rennwagens mit kochendem Wasser funktionsfähig gemacht haben.

Betroffenheit

Als Reporter-Neuling im Motorsport war ich betroffen vom Tod Clarks, hatte ich mir doch mein Debüt anders vorgestellt. Irritiert war ich, wie die Veranstalter mit dem Unglück umgingen. Das Rennen lief weiter, als sei nichts geschehen. Auch der zweite Rennlauf wurde gestartet. Erst während dieses Rennens wurden die Zuschauer von Clarks Tod informiert.

Über den bereits erwähnten Fernsehauftritt Clarks schrieb mein Kollege Ludwig Dotzert in einer Nachbetrachtung:

„Sein natürlicher Charme, seine unaufdringliche Art zu antworten, ergänzten sich zum Idealbild des Gentleman bester britischer Provenienz. Bestürzende Eindringlichkeit erhielt der Besuch Clarks in unsere Wohnstuben wenige Stunden später, als die Nachricht eintraf, dass Clark (…) den Tod gefunden hatte. Die Nachricht erschreckte ohnehin. Nach dem Gespräch im Studio jedoch traf sie den Zuschauer, als hätte er einen sympathischen Bekannten verloren. Dem Fernsehen war es zu verdanken, dass ein Mann, kurz bevor sich sein Schicksal erfüllte, aus der Anonymität herausgehoben und zu Fleisch und Blut wurde.”