Alle Jahre wieder erscheint ein Kriminalroman der in Venedig lebenden Schriftstellerin Donna Leon. Hauptfigur ist der venezianische Commissario Guido Brunetti, der sich als redliche und ehrliche Haut täglich mit Kriminalität und Korruption in der morbiden Stadt Venedig beschäftigen muss. Das erste Buch über den Commissario veröffentlichte Donna Leon 1992 und seitdem reiht sich ein Fall an den anderen – eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen.

Die „Straßen“ von Venedig (Foto: Swift Publisher).

Die deutschen Titel (alle im Diogenes-Verlag Zürich) in der chronologischen Reihenfolge (Commissario Brunettis 1. bis 26. Fall) lauten: Venezianisches Finale; Endstation Venedig; Venezianische Scharade; Vendetta; Aqua alta; Sanft entschlafen; Nobilità; In Sachen Signora Brunetti; Feine Freunde; Das Gesetz der Lagune; Die dunkle Seite der Serenissima; Verschwiegen Kanäle; Beweise, dass es böse ist; Blutige Steine; Wie durch ein dunkles Glas; Lasset die Kinder zu mir kommen; Das Mädchen seiner Träume; Schöner Schein; Tierische Profite; Auf Treu und Glauben; Reiches Erbe; Das Goldene Ei; Tod zwischen den Zeilen; Endlich mein; Ewige Jugend, Stille Wasser (ab 24. Mai 2017 im Handel).

Venedig bildet mit seinen engen Gassen, den farbenprächtigen Palästen, den Kanälen und den Gondolieres einen funkelnden Hintergrund für die Fälle des sympathischen, aber gleichwohl unbequemen Brunetti. Der Commissario schätzt guten Wein und mediterranes Essen; er ist anständig und humorvoll, verzweifelt indessen immer wieder an seiner korrupten Umwelt.

Innerhalb der Familie kann Brunetti auf seine intelligente Ehefrau Paola – sie ist Dozentin für englische Sprache – sowie auf seine Tochter Chiara und Sohn Raffi zählen. Beruflich gibt Brunetti immer sein Bestes, um Verbrecher jeder Art zu überführen. Die Palette reicht von einfachen Mord und Totschlag bis hinein in die feinsten Verästelungen von Wirtschaftskriminalität und Korruption.

Die vom Autor dieses Beitrags ursprünglich gewählte Beitragsüberschrift „Donna Leon erfindet Brunetti” war nicht ganz korrekt gewählt, denn die Schriftstellerin selbst sagt – zitiert aus dem Werbeanhang des Buches „Tod zwischen den Zeilen” – folgendes:

„Ich kann nicht behaupten, dass Brunetti eine Erfindung von mir ist, es kommt der Wahrheit viel näher zu sagen, dass ich ihn eines Tages entdeckte, während er hinter dem Opernhaus ‚La Fenice‘ in vollendeter Gestalt aus dem Polizeiboot stieg.”

Deshalb heißt es jetzt im Sinne der Schriftstellerin: „Donna Leon entdeckt Brunetti“. Dieser Brunetti ist bei seinen Ermittlungen nicht frei von Selbstzweifeln, zumal seine Frau aus dem adligen Haus des Conte Falier stammt, der in Finanzgeschäfte involviert ist, die auch nicht immer im Rahmen der Gesetze zu verlaufen scheinen. Auch das berufliche Umfeld des Commissarios ist schillernd. Alle Protagonisten in den hintergründigen Geschichten sind Charaktere von besonderem Zuschnitt.

Für ihre Arbeit erhielt Donna Leon von der Kritik außergewöhnlich gute Beurteilungen. Stellvertretend für viel andere sei hier die Londoner Zeitung „The Times” zitiert, die zu dem Urteil kommt:

„Donna Leon hat ein wundervolles Gespür für den morbiden Charme dieser magischen Stadt.”

Donna Leon (geboren am 28. September 1942 in Montclair, New Jersey) lebt seit 1981 in Venedig, schreibt aber alle Romane in englisch. In den Büchern wird sogar eigens darauf hingewiesen, dass die Texte „aus dem Amerikanischen” übersetzt sind.

Nach dem Studium in den USA und Italien lehrte sie Englisch und englische Literatur. Nach Wikipedia-Informationen arbeitete „sie als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London, später unterrichtete sie an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran (bis 1979), in China und neun Monate in Saudi-Arabien. Von 1981 bis 1995 war sie an der Außenstelle der Universität Maryland auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Vicenza tätig. 

Brunetti im Fernsehen

Die meisten Brunetti-Romane sind inzwischen für das Fernsehen verfilmt worden. In den ersten (nicht chronologisch produzierten) Adaptionen spielte Joachim Kròl den Commissario, danach übernahm Uwe Kockisch (aus meiner Sicht viel überzeugender) die Rolle des Ermittlers. Seine Ehefrau wird von Julia Jäger dargestellt (zuvor Barbara Auer), Vice-Questore Patta findet in Michael Degen einen herausragenden Mimen, Sergeante Vianello wird von Karl Fischer gespielt und die Rolle der Sekretärin Elettra ist Annett Renneberg wie auf den Leib geschneidert.

In den Lagunen und Kanälen ist Brunetti zu Hause…

Was sind das für wundervolle Figuren. wie in den Romane auch in den Filmen. Der aus Sizilien stammende Giuseppe Patta als Vorgesetzter legt allerhöchsten Wert auf den Titel „Vice-Questore”, pflegt einen hochtrabenden Stil und etliche Manieriertheiten, ertrinkt förmlich in seiner Eitelkeit und ist vor allem an intensiven, persönlichen Kontakten zu den Mächtigen der Stadt interessiert. Ein Strippenzieher, der allerdings selbst an den Strippen hängt, sich gleichwohl aber auch gelegentlich auf seine Ideale als Polizist besinnt.

Der gewissenhafte Sergente Vianello ist nicht nur ein uniformierter Kollege, sondern ein eher praktisch denkender Mann, der im Laufe der Zeit zu einem Freund Brunettis geworden ist. Der tumbe Sergente Alvise dagegen redet Patta dienstbeflissen und unterwürfig nach dem Munde.

Computer-Hacking

Die anmutig-charmante Sekretärin Elettra Zorzi verfügt über ein hohes Maß an Kompetenz in Sachen „Computer-Hacking” und macht sich unter dem Motto: „Wir sind die Guten” einen Spaß daraus, ihr auf diese Weise illegal errungenes Wissen mit Brunetti zu teilen, dient es doch ihrer Meinung nach der Aufklärung von Verbrechen – bei genauerem Hinsehen eine höchst zweifelhafte Methode, die Brunetti zwar mit einem Stirnrunzeln verfolgt, gleichwohl aber auch trotz seines „Wegsehens” gerne nutzt.

Den beteiligten Schauspieler gelingt es vorzüglich, die Figuren der Romane lebendig werden zu lassen. So etwas ist eher selten…