In einem Zeitungsbericht war dieser Tage zu lesen, dass in Deutschland etwa alle 90 Sekunden ein Fahrrad gestohlen wird. Von den meisten der rund 340.000 Räder, die nach der Kriminalstatistik pro Jahr verschwinden, sehen die Besitzer nie wieder etwas – „die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstählen liegt nach Angaben des BKAs seit Jahren unter zehn Prozent.” (Rheinische Post). Bei dieser geringen Aufklärungsquote ist Fahrraddiebstahl so etwas wie das „perfekte Verbrechen“, zumal die Besitzer oft genug leichtsinnig zum Diebstahl einladen – noch immer sind die wenigsten Fahrräder registriert und entsprechend gekennzeichnet. 

Die Gründe für die Diebstähle sind vielfältig, und nicht immer ist es nackte Not, obwohl auch zunehmende Armut in einer angeblichen „Wohlstandsgesellschaft” eine Rolle spielen dürfte. Seit langem wird nämlich bandenmäßiges Vorgehen beobachtet, um die Fahrräder als „Massenware” ins Ausland zu verschieben. Fälle, in denn ein Fahrrad auch „nur” mal mitgenommen wird, um es kurz zu benutzen und dann wieder stehen zu lassen, sind dagegen seltener geworden. Die moderne Art des Fahrraddiebstahls unterscheidet sich gleichwohl in allen Belangen von der Armut und der sozialen Situation der Menschen, die den italienischen Regisseur Vittorio de Sica 1948 zu seinem Film-Klassiker Fahrraddiebe (Originaltitel: „Ladri di biciclette”) inspirierte, den ich kürzlich wieder einmal im Fernsehen sah.

Nirgendwo ist die Bedeutung des Fahrrads eindringlicher geschildert worden als in diesem neorealistischen Film. Am Beispiel des Tagelöhners Antonio Ricci wird der Kampf der Menschen ums pure Überleben im Rom der Nachkriegszeit gezeigt. Nach langer Arbeitslosigkeit findet Antonio endlich eine Stelle als Plakatkleber, muss jedoch für seine Tätigkeit ein eigenes Fahrrad mitbringen. Das aber steht im Pfandhaus, weil zuvor dringendere Ausgaben bezahlt werden mussten. 

Alltag

Antonios Frau versetzt die Betten, um das Fahrrad wieder auszulösen. Doch schon am ersten Tag der neuen Arbeit wird Antonio das Rad gestohlen. Die Polizei interessiert sich nicht besonders für den Fall, gehören doch Fahrraddiebstähle zum Alltag. Der verzweifelte Antonio geht selbst auf die Suche durch die Straßen von Rom. Die engen Gassen sind manchmal von greller Sonne durchflutet, manchmal düster schimmernd von den plötzlichen Regengüssen. In einer Kirche bemüht man sich mit leeren Worthülsen um die Menschen, ohne wirklich die Not zu lindern; in der Nähe lärmt ein Freudenhaus, eine Wahrsagerin prophezeit Unverbindliches. 

Als Antonio zusammen mit seinem kleinen Sohn Bruno schließlich das gestohlene Rad entdeckt, kann er dem Übeltäter, wohl noch ärmer als er selbst und krank dazu, den Diebstahl nicht  beweisen – er wird sogar von dessen Angehörigen und Freunden verjagt. In seiner Verzweiflung beschließt Antonio, nun selbst ein Fahrrad zu stehlen… 

Nüchtern

Es wird ein eindringliches Bild von der bitteren Armut in Rom gezeichnet und De Sicca, blickt nüchtern auf die sozialen Verhältnisse im Italien der Nachkriegszeit. Er verheimlicht nicht seine Sympathie für die „kleinen Leute”, gleichwohl werden die Ursachen für Diebstähle und Kleinkriminalität ohne jede Sentimentalität beschrieben, was vor allem auch durch die Darsteller beeindruckend gelingt. Denn sowohl Lamberto Maggioran (als Vater Antonio Ricci), Enzo Staiola (als sein Sohn Bruno) und Lianella Carell (als Brunos Mutter) sind Laiendarsteller (wie viele andere auch), und sie geben dem Film ungeschminkte, realistische Tiefe. 

Das der italienische Neorealismus auch einem größeren Publikum bekannt wurde, ist diesem Film zu verdanken, der mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter 1950 einen „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film.