DAS WOSTOK-RAUMSCHIFF (Foto: Clipdealer, Bericht: Erich Stör)

Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita S. Chruschtschow überredete einst den legendenumwobenen Raumfahrt-Chefkonstrukteur Koroljow, in der nur für einen Kosmonauten vorgesehenen Wostok-Kapsel drei Männer fliegen zu lassen. 

Frühjahr 1964 in Moskau.  Sergej P.  Koroljow, dem Chefkonstrukteur der sowjetischen Sputniks und Wostok-Raumschiffe, verschlägt es schier die Sprache, als in seinem Büro das Telefon klingelt und sich auf der so genannten „Kreml-Leitung” Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow meldet. Das ist zwar an sich nichts Außergewöhnliches, denn zwischen dem Staatslenker einerseits und dem damals wichtigsten Leiter des UdSSR-Raumprogramms besteht im Zusammenhang mit der Entwicklung militärischer und ziviler Raketen stets Redebedarf. Was Koroljow jedoch geradezu entsetzt, ist die Forderung von Chruschtschow, in der Wostok-Kapsel, die für nur einen Kosmonauten konzipiert worden war, drei Mann fliegen zu lassen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, widerspricht Koroljow zunächst, doch der Staatschef, der die Wirkung der sowjetischen Raumfahrterfolge jener Jahre zu schätzen weiß wie kaum ein anderer, beharrt auf seinem Wunsch. Und Koroljow beugt sich, so wie es im System damals üblich ist.

Chruschtschow hatte im Gegensatz zu vielen hochrangigen Militärs, die sich lieber mit militärischen Raketen als mit bemannten Missionen befassten, eine Affinität zur Raumfahrt. Er nutzte die bisherigen Erfolge mit den Wostoks nicht nur für seinen eigenen Machterhalt, sondern auch als Mittel der Propaganda: – sowohl nach innen wie nach außen. Doch dem Raumfahrt-Enthusiasten schwante schon seit längerem, dass die vordergründig so sensationellen sowjetischen Erfolge auf Dauer im „Duell der Systeme” nicht aufrecht zu erhalten sein würden. Er brauchte dringend neue Weltraumspektakel! Ob sinnvoll oder nicht, das spielte in den Überlegungen keine Rolle.

Der Staatschef erkannte dringenden Handlungsbedarf. Nicht ohne Grund. Das Wostok-Programm war mit den gemeinsamen Flug von Valerie Bykowski (Wostok 5) und Valentina Tereschkowa (Wostok 6) im Juni 1963 ausgelaufen und das bis auf den heutigen Tag so erfolgreiche Sojus-Raumschiff noch nicht weltraumtauglich. In den USA bereitete sich derweil die NASA auf zahlreiche Gemini-Flüge mit einer Zwei-Mann-Besatzung vor und machte keinen Hehl daraus, mit der Serie von zehn Starts innerhalb von 21 Monaten sowie Rendezvous- und Kopplungsmanövern die bisherige Vormachtstellung der UdSSR im Weltraum zu brechen. Einen möglichen Prestige-Erfolg der Amerikaner wollte Chruschtschow mit seinem Drei-Mann-Spektakel zuvorkommen.

Alle Arbeitskraft für die Woschod

Koroljow passte der Wunsch Chruschtschows nicht ins Konzept, weil er neben der Arbeit an militärischen Raketen bereits intensiv an der Entwicklung der Sojus-Raumschiffe arbeitete, die sowohl für Mondflüge als auch für Erdumkreisungen vorgesehen waren. Gleichwohl setzte er mit seinen Mitarbeitern alles daran, den Flugkörper bis zum Herbst fertigzustellen. Es wurde hektisch im Betrieb. Sogar die Arbeit an der Sojus wurde nur noch mit halber Kraft betrieben, was sich später in großen Terminverzögerungen bemerkbar machte. Die Arbeiten für die Woschod (Aufstieg) standen jedoch im Vordergrund.

Grundlegende Änderungen notwendig

Um drei Männer in der kleinen Kapsel unterzubringen, waren grundlegende Änderungen an der Wostok notwendig. Das Raumschiff musste mit den drei Kosmonauten weich landen können, weil das Herauskatapultieren der Piloten – wie zuvor bei den Wostoks praktiziert –, nicht möglich war. Die dafür erforderlichen Schleudersitze hätten zu viel Platz eingenommen und wären zu schwer gewesen. Die Enge in der Kugel war gleichwohl immer noch so groß, dass die drei Passagiere auf die bis dahin üblichen Raumanzüge verzichten mussten und beim Flug nur leichte Trainingsanzüge tragen konnten. Bei der Landung wurden erstmals Bremsraketen direkt über dem Boden gezündet.

Doch trotz aller Änderungen (und Verbesserungen) blieb die Woschod nichts anderes eine modernisierte Version der zuvor sechsmal eingesetzten Wostok-Kapsel (Osten), in der Juri Gagarin, German Titow, Adrian Nikolajew, Pawel Popowitsch, Valerie Bykowski und Valentina Tereschkowa zu ihren Erdumkreisungen aufgebrochen waren, und die unter der Bezeichnung Senit (Zenit) auch als militärischer Fotoaufklärer eingesetzt wurde.

Ein Miltärpilot und zwei Zivilisten

Als am 12. Oktober 1964 die Rakete schließlich startete, befanden sich Wladimir Komarow, Konstantin Feoktistow und Boris Jegorow an Bord der Woschod. Waren bisher – außer Valentina Tereschkowa – nur Militärflieger ins All geflogen, befanden sich nun zwei Zivilisten als Passagiere an Bord. Um deren Einsatz hatte es hinter den Kulissen heftige Kämpfe gegeben. Während Kosmonauten-Chef Nikolai Kamanin drei militärische Raumflieger einsetzen wollte, beharrte Koroljow auf der Mitwirkung von Zivilisten, eine durchaus weitsichtige Haltung wie sich an der späteren Entwicklung der bemannten Raumfahrt ablesen lässt.

Der Ingenieur Konstantin Feoktistow war einer der wichtigsten Projektanten der Wostok-, Woschod und späteren Sojus-Raumschiffe aus Sergej Koroljows Konstruktionsbüro OKB-1, Boris Jegorow ein junger Luftfahrtmediziner; nur Kommandant Komarow entstammte der ersten Kosmonautengruppe der Luftstreitkräfte, die 1960 zusammengestellt worden war, und als „Gagarinsche Garde“ in die Raumfahrtgeschichte der UdSSR eingegangen ist..

Der Initiator wird gestürzt

Wegen der Enge der Kapsel und dem begrenzten Mitteln zur Lebenserhaltung war nur ein Flug von 24 Stunden möglich – und es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass Genosse Chruschtschow, derjenige, der dieses „Zwischen-Raumschiff” aus propagandistischen Gründen durchgedrückt hatte, just zur Zeit dieses, „seines Raumschiffs”, in Moskau von Leonid Breschnew und anderen seines Postens enthoben wurde.

Chefkontrukteur Koroljow war trotz aller vorherigen Skepsis und seiner Bedenken nach dem erfolgreichen Flug der Woschod geradezu begeistert. Nach der Landung sagte er enthusiastisch:

„Ich hätte niemals geglaubt, dass man aus ‚Wostok‘ ‚Woschod‘ machen kann und dort drei Kosmonauten Platz haben würden!”

Trotz der Fragwürdigkeit des ganzen Unternehmens bleibt der Eintagesflug von Woschod 1 mit erstmals drei Kosmonauten an Bord eines der besonderen Ereignisse in der internationalen Raumfahrtgeschichte.

Quellen u. a. Boris E. Tertschok, Stellvertreter von Koroljow, in seinem Buch „Raketen und Menschen” (Band 3) „Heiße Tage des Kalten Krieges” im Elbe-Dnjepr-Verlag Klitzschen.