Salute liebes Fahrrad

Zweihundert Jahre Fahrrad im Jahr 2017! Das lädt dazu ein, einige Aspekte dieses Fortbewegungsmittels zu beleuchten. Es war ein gewisser Karl Freiherr von Drais, der 1817 das so genannte Laufrad erfand – ein schwerfälliges Monstrum, bestehend aus einem massiven Holzkonstrukt mit zwei Rädern, dessen Antrieb aus nichts anderes bestand als den eigenen Beinen. Mit seinen Füßen musste sich der Fahrer immer wieder vom Boden abstoßen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Pedale hatte das mit eigener Kraft zu bewegende „Fahrrad” (noch) nicht. Immerhin schaffte es der damals 32 Jahre alte Freiherr, am 12. Juni 1817 vierzehn holprige Kilometer zwischen Mannheim und Schwetzingen in einer Stunde zurückzulegen.

Der unaufhaltsame Siegeszug des Fahrrads. (Foto: Clipdealer)

Nach ihrem Erfinder wurde das Laufrad fortan „Draisine” genannt, doch so recht konnte sich die eigentlich revolutionäre Erfindung nicht durchsetzen. Das seltsam anmutende Gefährt blieb lange ein Spielzeug für gut Betuchte, die Bedeutung für die Mobilität der Menschen wurde nicht erkannt. Und auch Freiherr Drais erlebte den späteren Siegeszug seiner Erfindung nicht mehr, vielmehr verstarb er 1851 in völliger Armut.

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Lokalbahn nach Offenbach

Im dichten Frankfurter S-Bahn-Netz gibt es an der Mühlbruchstrasse die Station „Lokalbahnhof”. Sie erinnert an den alten Haltepunkt, der bis 1955 die Städte Frankfurt und Offenbach verband. Vom alten Bahnhof selbst ist dort nichts mehr zu sehen; heute steht hier ein Geschäftsgebäude, Gleise der Straßenbahn befinden sich an jener Stelle, an der das Abfertigungsgebäude stand. An der nahen Kreuzung treffen Darmstädter Landstrasse, Textor- und Dreieichstrasse aufeinander. Eine Gaststäte trägt ebenfalls den Namen Lokalbahnhof. Auf der anderen Straßenseite ist immer noch das altehrwürdige Harmonie-Kino in Betrieb. Verschüttete Erinnerungen an Sachsenhausen werden wach, als ich dieser Tage hier vorbeigehe…

Gaststätte, S-Bahnhof und das Harmonie-Kino. (Fotos: Erich Stör)

Ende Februar 1944 bin ich zum ersten Mal mit der Bahn gefahren, wenige Groschen hat es gekostet, ich musste für meine Eltern einen wichtigen Brief auf einem Amt in Offenbach abgeben. Es war meine erste Bahnreise in die nahe, fremde Stadt. Der dortige Endpunkt befand sich am Dreieck der Dom-, Bahnhof-, Kaiserstraße, heute verläuft dort die Berliner Straße.

Unterwegs hat die Lokalbahn inmitten der prächtigen, weitläufigen Gärtnereien von Oberrad angehalten. Das merke ich mir, denn einige Tage später, es ist Anfang März, fahre ich – diesmal nur zum Vergnügen – wieder mit der Lokalbahn und steige an der Haltestelle Oberrad aus. Von dort aus ist es zu Fuß nicht weit an das Mainufer. Dort haben einige Frankfurter Rudervereine ihr Domizil, es sind freilich kaum Boote auf dem Wasser, die meisten Sportler sind als Soldaten im Kriegseinsatz.

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Schuricke und die Capri-Fischer

Rudi Schuricke, Schnulzensänger, machte den Schlager von den Capri-Fischern Ende der Vierziger Jahre berühmt und zum Dauerbrenner bei den Radiosendern. Der Ohrwurm traf das Lebensgefühl der Deutschen nach dem Krieg. Als ich dieser Tage auf einen Youtube-Beitrag dieses Uralt-Schlagers stieß, weckte das nicht nur wieder Erinnerungen an das Lied selbst, sondern auch an die Nachkriegszeit in Deutschland, die geprägt war von Währungsreform, Wiederaufbau und ersten wirtschaftlichen Erfolgen. Und auch die Reiselust stieg ja zu dieser Zeit. Wohin des Weges? – so fragen sich viele. Dorthin, wo die Sonne im Meer versinkt…? Italien scheint alle Träume zu erfüllen, und wird bald neben Österreich das beliebteste Urlaubsziel der Deutschen.

Die Schnulze von den Capri-Fischern tönte aus allen Radios… (Foto: © Swift Publisher)

Als die Käfer die Landstraßen zu erobern beginnen, tuckern bald immer mehr VW-Besitzer über die Alpenpässe nach Südtirol, bevorzugt auch an Gardasee und Adria-Strände. Die Lust auf Italien wird zu dieser Zeit vor allem durch einen Schlager befeuert, der Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre überall aus den Radios plärrt oder als Schallplatte strapaziert wird: Die Capri-Fischer…, eben jene, bei denen die Sonne im Meer versinkt.

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Am 50. Grad nördlicher Breite

Längen- und Breitengrade ziehen sich rund um die Erde: das Gitternetz, dass für die Navigation unerlässlich ist, bleibt für den Normalbürger völlig unsichtbar, hat aber auch jenseits der Koordinaten vielfältige Bedeutung – zum Beispiel kurioserweise sogar für den Weinanbau. Jeder, der vom Stadtteil Walldorf ins nahe gelegene Mörfelden fährt (oder umgekehrt), passiert an der Bushaltestelle Vitrollesring ein Hinweisschild, das den Bewohnern und Besuchern der Stadt erzählt, das just an dieser Stelle der „50. Grad nördlicher Breite” verläuft – tausendfach wird dieser Breitengrad täglich von den Menschen zu Fuß, im Bus oder Auto gequert, ohne das er bewusst bemerkt wird.

Hinweis auf den Breitengrad im Bürgersteig und auf einer Tafel (Foto: Erich Stör)

Das ist kein Wunder, denn die imaginäre Linie des Breitengrades ist weder sicht-noch spürbar, obwohl der ganze Erdball von der Gitternetz-Einteilung der 180 Breiten- und 360 Längengrade überzogen ist. Für die Luft- und Seefahrt ist die geographische Fixierung der Erde in  Längen- und Breitengrade enorm wichtig. Immerhin hat in Zeiten von GPS, Glosnass und Geocaching ein immer größer werdender Kreis von Interessenten gelernt, mit Koordinaten umzugehen. Und nur der Vollständigkeit halber sei hier angemerkt, dass bei automobilen Orientierungsfahrten bereits in den 60er Jahren Koordinatenpunkte gesucht werden mussten.

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Trödelmarkt mit Krimskram

Der Händler ist entschlossen: „30 Euro, das ist das äusserste!”.  Der potentielle Käufer zögert noch, der Standbetreiber legt nach: „Das Teil kostet normal immerhin 50 Euro.” Das „Teil” ist eine weiße, ärmellose Jacke, tatsächlich ganz ordentlich anzusehen. Trödelmarkt wieder einmal, ähnliche Gespräche gibt es auf vielen Märkten in Deutschland (und Europa), an jedem Stand, hier und dort, und früher oder später.

Ein Tisch voller Flohmarkt-Spezialitäten (Foto: Clipdealer)

Der tüchtige Händler hat ein Schild an seinem Stand angebracht. „Abraham” steht darauf – heisst er also wie einst der „Trödler Abraham” im Schlager von Wolfgang Hofer 1971? „Ist nur ein Scherz”, schmunzelt der Flohmarktmensch und verstaut das Schild wieder in seinem Auto, während er so ganz nebenbei eine Porzellanvase verscherbelt.

Es gibt nichts, was es hier auf dem Platz nicht gibt. Die Palette an Gegenständen aller Art ist vielfältig. Hier liegt ein Stahlhelm auf dem Tisch, dort gebrauchte Klamotten, Bücher, Nippes aller Art, ein Globus leuchtet in der strahlenden Sonne, ein altes Telefon mit Wählscheibe wird feilgeboten, eine vorsintflutliche Agfa-Box sucht einen neuen Besitzer, Gemälde stehen herum, Kopfkissen, Münzen, Tassen; alles was das Herz begehrt.

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Sekundentod einer Rakete

Raketenstarts in Korou (Französisch Guyana), Jiuquan (China), Baikonur (Kasachstan), Plessezk, Wostotschny (beide Russland) oder dem Kennedy Space Center (USA) gehören heutzutage zur Alltagsroutine, obwohl wie immer eine gehörige Portion Anspannung bei den Verantwortlichen zu spüren ist, wenn die Triebwerke einer Rakete zünden. Das ist auch kein Wunder, darf man sich bei den horrenden Kosten im Raumfahrtgeschäft keine Fehler erlauben.

Eine russische Sojus erhebt sich von der Startrampe in Korou. (Foto: © ESA)

Dabei sind die ingenieurtechnischen Lösungen, um eine Rakete nach dem Start planmässig in ihre Einzelteile zu zerlegen, immer wieder faszinierend. Um einen Satelliten oder ein Raumschiff ohne Schaden in eine Erdumlaufbahn, zum Mond oder gar zu anderen Planeten oder Kometen zu befördern, muss die minutiös geplante „Zerstörung” einer Rakete perfekt funktionieren. Gibt es nur die geringste Abweichung vom vorgesehenen Regime und das Transportmittel versagt, enstehen Millionenschäden.

Was in monatelanger, mühevoller Arbeit in den Produktionsstätten in Einzelsegmenten hergestellt und in der den Montagehallen der Startorte mit der jeweiligen Nutzlast zusammengebaut wird, muss innerhalb von knapp zehn Minuten zuverlässig in seine Bestandteile zerlegt werden. Nur dann haben die Techniker (und die Rakete) einen „guten Job” gemacht.

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Marsha heißt die freche Kuh

Mörfelden-Walldorf, die Doppelstadt südlich des Frankfurter Flughafens, hat sich in den vergangenen Jahren einen herausragenden Ruf als „Stadt der Skulpturen” erworben. Bisher sind in den beiden Ortsteilen über 30 verschiedene Werke namhafter (und auch weniger bekannter) Künstler aufgestellt worden – auch mehrere Verkehrskreisel wurden mit Skulpturen bestückt. Einige Kunstwerke in der Stadt sind Leihgaben von Künstlern, die bei der alljährlichen Veranstaltung „Skulpturen im Park” ausstellten. Andere wurden von der Gemeinde im Anschluss an diese alljährliche Freiluft-Ausstellung günstig erworben oder „geleast”.

Die Kuh Marsha, ein Kunstwerk der Bildhauerin Pia Grambart. (Foto: Erich Stör)

In den vergangenen Jahren haben international erfolgreiche Bildhauer ihre Werke hier präsentiert, darunter waren Hans Steinbrenner, E. R. Nele, Vera Röhm oder Ottmar Hörl (Nürnberg), der auch Schirmherr der Ausstellung ist. Andere Künstler kommen aus entfernten Orten wie Berlin, Hamburg, München oder sogar aus den USA. Eine der Künstlerinnen, die hier in der Vergangenheit ausstellten, war die 1960 in Ottawa geborene Pia Grambart, die ein Atelier in der Lorsbacher Strasse 1 im Frankfurter Gallusviertel eingerichtet hat. 2013 präsentierte Pia Grambart dem Publikum verschiedene Fabelwesen aus der Tierwelt, womit sie die Herzen all jener Menschen entzückte, die vier Wochen lang durch den Bürgerpark schlenderten oder bei der Eröffnungs- und Schlussveranstaltung dabei waren.

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Vom „Giftgebräu“ zum reinen Bier

Wer heutzutage durch die Getränkeabteilung eines Supermarkts schlendert, wird förmlich erschlagen von der Vielzahl der dort feilgebotenen Biere. Doch in Wahrheit umfasst das Angebot nur einen Bruchteil der vorhandenen Sorten, denn insgesamt wird die Zahl allein der deutschen Biere auf rund 5000 veranschlagt.

Ein helles Blondes, bitte! (Foto: Swift Publisher/Stör)

Weil in Deutschland gebrautes Bier nur drei Zutaten plus Hefe enthalten darf, nämlich Wasser, Malz (Gerste/Weizen) sowie Hopfen, ist diese Vielfalt sehr beachtenswert. Sie kommt vor allem zustande, weil neben der fachlichen Kompetenz des Braumeisters die Qualität des Wassers und die verwendeten Hopfensorten eine entscheidende Rolle spielen. Heutzutage reift aus den vier vorgegebenen Ingredienzen Bier von hoher Qualität. Das war freilich nicht immer so.

Vor über 500 Jahren, am 23. April 1516, sahen sich die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt jedenfalls veranlasst, dem Wildwuchs beim Brauen mit einem so genannten „Reinheitsgebot“ Einhalt zu gebieten. Weil allenthalben kräftig gepantscht wurde, schwebte so mancher passionierte Biertrinker in Lebensgefahr, ohne es auch nur zu ahnen.

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Wissenschaftsstadt Darmstadt

Darmstadt, etwas 30 Kilometer südlich von Frankfurt am Main und 50 Kilometer nördlich von Heidelberg gelegen, ist eine bunte und vielfältige Stadt an den Toren zu Odenwald und Bergstraße. Wer als gebürtiger Frankfurter südlich von „Mainhatten” wohnt, hat die Qual der Wahl, wenn es um’s großstädtische Einkaufen oder unterhaltsames Verweilen geht. Weil der Weg nicht allzu weit ist, wird mehr und mehr Darmstadt – und immer weniger Frankfurt – als Ziel für einen Bummel zum Shoppen oder Schauen gewählt, denn von Mörfelden-Wallorf aus führt die Straße an Gräfenhausen vorbei direkt in das nördliche Darmstadt, nicht mehr als zehn Kilometer Wegstrecke.

Hochzeits- oder Fünffingerturm auf der Mathildenhöhe. (Foto: Clipdealer)

Einige breite Verkehrsadern durchschneiden die Stadt; das Leben pulsiert. Parkplätze sind wie überall rar, zumal die Stadt mit ihren Hochschulen rund 40 000 Studierende in ihren Mauern hat. In Darmstadt mischt sich deshalb auf eigenartige Weise modernes, technisch angehauchtes Leben mit der kulturell befruchteten Vergangenheit der adligen Herrscher von einst. So bietet Darmstadt das Bild einer Stadt im Wandel der Zeiten…

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Kosmodrom im Fernen Osten

Als am 28. April 2016 in Anwesenheit von Präsident Wladimir Putin der neue Weltraumbahnhof Wostotschny im Amurgebiet mit dem Start einer Sojus-Rakete – an Bord befanden sich drei Studenten-Satelliten – eröffnet wurde, begann für Russlands Raumfahrt ein neues Zeitalter. Denn vom Fernen Osten aus sollen in den nächsten Jahren weitere unbemannte und ab 2023/2025 bemannte Raumschiffe sowie Mondexpeditionen starten. Das Kosmodrom soll den auf kasachischem Gebiet liegenden Weltraumbahnhof Baikonur, den Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion pachten muss, entscheidend entlasten und später wahrscheinlich ganz ersetzen.

Aufbruch im Kosmodrom Wostotschny. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Einer der wichtigsten Gründe für den Bau von Wostotschny ist die Tatsache, dass das in Kasachstan gelegene Baikonur für Russland im „Ausland” liegt. Aus verschiedenen Gründen eine schwere Hypothek für Moskau, das sich nun nach und nach aus den Fesseln des Pachtvertrages (jährlich 115 Millionen Dollar) mit Kasachstan lösen möchte, zumal die Differenzen zwischen den bisherigen Partnern über die Nutzung von Baikonur immer stärker werden und auch die Proteste der kasachischen Bevölkerung gegen die Nutzung des Geländes zunehmen. Denn bei den Starts in Baikonur regnet es Trümmerteile auf das Territorium Kasachstans, worunter Fauna und Flora zu leiden haben.

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