Wenn ein Friseur verschwindet…

Viele verschlungene Pfade des Lebens sind nicht nur mit Rosen bestreut. Reisen, Urlaub, Freizeit und Spaß sind für die meisten werktätigen Menschen eher die erholsame Ausnahme von den alltäglichen Herausforderungen in Beruf oder Privatleben. Viele sehnen dann den Ruhestand herbei – ein schöner Status für diejenigen, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben, aber problematisch für jene, die von ihnen „abhängig waren”, was auch der Autor in der jüngsten Vergangenheit am eigenen Leib erfahren musste.

Es ist nicht leicht, einen Ersatz zu finden, wenn der Friseur in den Ruhestand geht. (Zeichnung: Clipdealer)

Ich will hier gar nicht von der abgebrannten Werkstatt meines Autohändlers reden – so oft musste ich da nicht hin –, oder der plötzlich geschlossenen Metzgerei zwei Straßen weiter, aber doch von einigen „intimeren” Partnerschaften, die plötzlich und unerwartet „aufgekündigt” wurden. Weiterlesen

Schicksale aus „jenen Tagen“

Lange Zeit genoss der deutsche Nachkriegsfilm bei manchen Historikern keinen besonders guten Ruf; nicht immer zu Unrecht –: zu viele dünne Revuefilme, schnulzige Heimatschinken und Lustspiel-Klamotten hatten den Weg auf die Leinwände gefunden. Ich selbst habe jedoch andere Erinnerungen an diese Endvierziger und Fünfziger Jahre, weil sich oft sah, dass sich Filmschaffende nach 1945 durchaus ernsthaft mit Krieg und Nazi-Zeit auseinander setzten. Heute gibt es unter Cineasten längst ein differenzierteres Bild des deutschen Filmschaffens, wozu auch Helmut Käutners Film In jenen Tagen beigetragen haben dürfte.

Ein Auto in einsamer Nacht: – Erzählungen über 12 Jahre Dunkelheit. (Symbolfoto: Clipdealer)

Es gab auch viele andere Filme, die sich des Themas annahmen. Einige davon habe ich als junger Mensch gesehen. Schon die drei ersten Filme, die nach 1945 gedreht wurden, befassten sich mit der Nazizeit. „Die Mörder sind unter uns” (Wolfgang Staudte, sowjetische Zone), „Und über uns der Himmel” (Josef von Baky, britische Zone) und „Zwischen gestern und morgen” (Harald Braun, amerikanische Zone) boten dabei unterschiedliche Ansätze (und Ergebnisse). Bakys „Und über uns der Himmel” schien mir am wenigsten geeignet, die Problematik tiefergehend zu beleuchten. Weiterlesen

Abenteurer des Schienenstrangs

Vom Frankfurter Flughafen fährt der Fahrgast mit der S-Bahn in 13 Minuten zum Hauptbahnhof der Mainmetropole. Die an sich extrem kurze Reise (12 km) lässt sich allerdings auch in 16 Stunden und 12 Minuten bewältigen, wobei die meisten Schnellfahr- und Ausbaustrecken Deutschlands befahren werden. In der Realität wäre eine solche Bahnfahrt natürlich ein eher absonderliches Unterfangen, doch als virtuelle Reise am Computer bereitet sie Spaß.

Unterwegs auf der Deutschherrnbrücke in Frankfurt am Main (Foto: Clipdealer)

Weil es eine reine „Vergnügungsreise” ist, muss ich mich nicht um Fahrkarten und Sitzplatz-Reservierungen kümmern, muss nicht von den gigantischen Milliardenbeträgen reden, die der Steuerzahler für den Ausbau der Strecken aufgebracht hat, nur um schnellere Fahrzeiten zu erreichen. Und auch die vielen berechtigten Proteste der betroffenen Anwohner entlang der neuen Trassen sind anderes Terrain.

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Kosmodrom „Baikonur Ost“

Jüngst erlebte das russische Kosmodrom Wostotschny im Amurgebiet des Fernen Ostens seine ersten drei Starts. Zwei davon verliefen nicht ohne Probleme. Im April 2016 musste der Jungfernflug einer Sojus-Rakete wegen eines technischen Fehlers um einen Tag verschoben werden, im November 2017 arbeiteten Bodeneinrichtungen und Träger einwandfrei, doch verfehlte der an Bord befindliche Satellit sein Ziel. Am 1. Februar 2018 startete einer weitere Sojus-Rakete ohne Probleme mit der Nutzlast in den Weltraum. Der Alltag der Raumfahrt in Wostotschny, das auf deutsch etwa „Östlicher Weltraumbahnhof“ heisst – die örtliche Tageszeitung im nahe gelegenen Blagoweschtschensk bezeichnet Wostotschny übrigens schlicht als „Baikonur Ost – , hat also begonnen.

Aufbruch im Kosmodrom Wostotschny. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Wer über das neue Wostotschny schreibt, muss zwangläufig erst einmal auf Baikonur eingehen. Dieses „Baikonur” war am 2. Februar 1955 durch Beschluss des sowjetischen Ministerrates beim Dörfchen Tjuratam in der unwirtlichen Steppe Kasachstans als „Versuchschießplatz Nr. 5 des Ministeriums für Verteidigung” entstanden.

Damals ahnte niemand, dass dieser Ort in den folgenden Jahrzehnten als Kosmodrom Baikonur zu weltweitem Ruhm gelangen würde: – und auch von Katastrophen nicht verschont blieb. Im Oktober 1960 verloren bei der Explosion der Interkontinentalrakete R 16 zahlreiche Menschen ihr Leben. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken noch heute. In verschiedenen Veröffentlichungen werden zwischen 74 und 156 Tote genannt.

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Jugendjahre zwischen Ruinen und Äppelwoi-Schänken

Eher durch Zufall (Baustelle!) musste ich dieser Tage durch die Sachsenhäuser Wallstraße fahren. Das weckte in mir viele Erinnerungen an meine Jugend in Frankfurt am Main. Im „Sachsenhäuser Kiez” aufgewachsen und erwachsen geworden! So lassen sich die Jahre beschreiben, in denen der Autor zwischen Äppelwoi-Kneipen wie dem „Klaane Sachsehäuser“, der „Affentorschänke“ oder Dauth-Schneider“ erwachsen geworden ist. Von 1940 bis 1944 und von 1946 bis 1960.

Drei Äppelwoi-Kneipen direkt und eng aneinander gereiht. (Foto: Erich Stör)

Ende 1940 waren meine Eltern in die Elisabethenstraße 7 gezogen, die auch als „Sachsenhäuser Zeil” bekannt war. In dieser schmalen Straße waren außer „Schade & Füllgrabe” keine größeren Kaufläden zu finden, aber in jedem Haus befand sich doch ein kleines Geschäft – vom schmalen Tabakladen über ein „Bayerisches Schokoladenhaus” bis hin zur Bäckerei und Gastwirtschaft.

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Spektakel über Kopfsteinpflaster

Paris- Roubaix ist ein berühmtes Profi-Radrennen! Warum? Weil nicht nur über asphaltierte Straßen, sondern auch über extrem schwieriges Kopfsteinpflaster gefahren wird, sodass diesen Klassiker eine ganz besondere Aura umgibt. Obwohl das April-Rennen immer noch offiziell als „Paris-Roubaix” firmiert, beginnt das Spektakel schon seit 1977 in Compiègne (rund 80 Kilometer nördlich von Paris), und hat seit langem in den Medien den martialischen Beinamen „Hölle des Nordens” erhalten.

Immer wieder über Kopfsteinpflaster. (Foto: Clipdealer)

Ein höchst zweifelhafter Begriff, bezieht er sich doch ursprünglich auf die in dieser Region erbittert geführten Schlachten des Ersten Weltkrieges mit Tausenden von Toten und Verletzten. Auch wenn das Rennen härteste Anforderungen an Mensch und Material stellt, verbietet sich eigentlich die medial-griffige Bezeichnung von der „Hölle des Nordens”. Daran ändert auch nichts, dass der Wettbewerb von brutaler Machart ist. Mit den Schrecken des Krieges ist er gleichwohl nicht zu vergleichen. Der Autor gesteht freilich, in früheren Jahren den Begriff gedankenlos ebenfalls benutzt zu haben.

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Das Land der Kannenbäcker

Auf Jahrmärkten jedweder Art sind an den Buden oder Verkaufsständen eine Vielzahl von Äppelwoi-Bembeln und Krügen in ihrer typischen grau-blauen Farbe zu entdecken. In Baumärkten finden sich neben Blumenkübeln aus Plastik auch bessere (und teurere) Exemplare aus Ton. In Geschäften und Supermärkten werden schön gestaltete „Römertöpfe” und diverse Gefäße in allen möglichen Farben feilgeboten.

Kunsthandwerk im Land der Kannenbäcker. (Foto: Clipdealer)

Auf der Dippemess’ in Frankfurt frage ich einen Händler nach der Herkunft seiner Waren. „Einiges stammt aus dem Kannenbäckerland”, sagt der Mann, „das meiste aber wird inzwischen an verschiedenen anderen Standorten industriell hergestellt.” Aus diesem Grund hat das „Kannenbäckerland” an Bedeutung verloren.

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Mogelpackung „Casablanca“

Casablanca, der us-amerikanische Film mit Ingrid Bergman, Humphrey Bogart und Paul Henreid in den Hauptrollen kam im Jahr 1952 aus mehr als fadenscheinigen Gründen in der Bundesrepublik Deutschland in einer verfälschten Fassung in die Kinos. Ein Rückblick auf eines der traurigsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte, was die Filmszene betrifft.

Aus dem politischen Film „Casablanca“ wurde ein Abenteuerstreifen. (Foto: Swift Publisher)

Bei einer familiären Feier kamen wir in diesen Tagen auch auf Casablanca zu sprechen und in der Gesprächsrunde stellte sich schnell heraus, dass die meisten Anwesenden nichts von der verlogenen Manipulation  des Filmverleihs Warner Brothers wussten. Deshalb ein kurzer Blick zurück. Im Jahr 1952 war der Film  in den deutschen Kinos angelaufen, darunter auch Anfang September im Frankfurter „Metro im Schwan“.

Ein auf Besuch in Deutschland weilender Journalist traute seinen Augen (und Ohren) nicht, als er das Machwerk im Kino über sich ergehen lassen musste. Denn aus dem Widerstandskämpfer Victor Laszlo (Paul Henreid) war ein Wissenschaftler gemacht worden, der sich mit mysteriösen Delta-Strahlen befasste, der Caféhaus-Betreiber Rick Blaine (Humphrey Bogart) verkam zum Waffenhändler und war nicht mehr als jener Mann zu erkennen, der – wenn auch zynisch und illusionslos – Hilfe für politisch Verfolgte aus Europa leistete, IIsa Lund (Ingrid Bergman) nur noch eine Frau, um den Film am Laufen zu halten.

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Donna Leon entdeckt Brunetti hinter dem Opernhaus

Alle Jahre erscheint im Sommer ein Kriminalroman der in Venedig lebenden Schriftstellerin Donna Leon. Hauptfigur ist der venezianische Commissario Guido Brunetti, der sich als redliche Haut täglich mit Kriminalität und Korruption in der von Kanälen und Lagunen durchzogenen morbiden Stadt beschäftigen muss.

Am Canale Grande in Venedig ist Commissario Brunetti zu Hause. (Foto: Swift Publisher)

Venedig bildet mit seinen engen Gassen, den farbenprächtigen Palästen, den Kanälen und den Gondolieres einen funkelnden Hintergrund für die Fälle des sympathischen, aber gleichwohl unbequemen Brunetti. Der Commissario schätzt guten Wein und mediterranes Essen; er ist anständig und humorvoll, verzweifelt indessen immer wieder an seiner korrupten Umwelt.

Innerhalb der Familie kann Brunetti auf seine intelligente Ehefrau Paola – sie ist Dozentin für englische Sprache – sowie auf seine Tochter Chiara und Sohn Raffi zählen. Beruflich gibt Brunetti immer sein Bestes, um Verbrecher jeder Art zu überführen. Die Palette reicht von einfachen Mord und Totschlag bis hinein in die feinsten Verästelungen von Wirtschaftskriminalität und Korruption.

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Wissenschaft prägt Darmstadt

Darmstadt, etwa 30 km südlich von Frankfurt am Main und rund 50  km nördlich von Heidelberg gelegen, ist eine bunte und vielfältige Stadt an den Toren zu Odenwald und Bergstraße. Kunst, Wissenschaft und Raumfahrt sind große Erlebniswelten in der Stadt. Der Fünffinger- oder auch Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe in Darmstadt  ist eines der Wahrzeichen der südhessischen Stadt zwischen Heidelberg und Frankfurt.

Der Fünffinger- oder Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe. (Foto: Clipdealer)

Wer als gebürtiger Frankfurter südlich von „Mainhatten” wohnt, hat die Qual der Wahl, wenn es um’s großstädtische Einkaufen oder unterhaltsames Verweilen geht. Weil der Weg nicht allzu weit ist, wird mehr und mehr Darmstadt – und immer weniger Frankfurt – als Ziel für einen Bummel zum Shoppen oder Schauen gewählt, denn von Mörfelden-Wallorf aus führt die Straße an Gräfenhausen vorbei direkt in das nördliche Darmstadt, nicht mehr als zehn Kilometer Wegstrecke.

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Aufstieg zu den Spronser Seen

Im Grunde genommen sind es ja nur kleine Pfützen, aber zusammen ergibt sich doch eine Gruppe von zehn Gewässern: Das sind die bekannten Spronser Seen nordwestlich von Meran in Südtirol gelegen. Es handelt sich dabei  zugleich um die bedeutendste und größte hochalpine Seenplatte Europas.

Oft nur kleine Pfützen… (Foto: Clipdealer)

In einer Höhe zwischen 2100 und 2500 Metern liegen diese Spronser Seen im Herzen der Texelgruppe, dem südlichen Teil Ötztaler Alpen. In hochalpinen Landschaft gibt es reichlich Schnee im Winter und manchmal finden sich selbst im Hochsommer noch Reste der weißen Pracht an den Ufern, was ein wahrer Glücksfall für das im Tal liegende Meran ist, werden doch die Kurstadt und einige der umliegenden Gemeinden von hier aus mit Trinkwasser versorgt.

Interessante Wandertouren gehen an den Seen vorbei und sind ein abenteuerliches Erlebnis, wobei Schwindelfreiheit und Trittsicherheit Voraussetzung sind, geht es gelegentlich doch auch über haarige Pfade und Kanten, die mit Stahlseilen gesichert sind. Diese Bergtour erfordert auf jeden Fall Ausdauer und Durchhaltevermögen, ist sie doch mit rund neun Stunden Auf- und Abstieg (einschließlich Rast) kein Pappenstiel. Weniger Geübte sollten das berücksichtigen.

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Vagabund Chaplin verehrt ein blindes Blumenmädchen

Sechsunddreissig Monate arbeitete der berühmte Charlie Chaplin an seinem Film Lichter der Großstadt, feilte an jeder Szene und jedem Detail, verzweifelte fast, wenn etwas nicht so klappte, wie gewünscht, kämpfte wie ein Berserker um jeden Gag – und heraus kam nach drei Jahren ein Meisterwerk der Filmkunst. Daran wurde ich erinnert, als mir ein uraltes Buch aus dem Jahr 1953 auf einem Flohmarkt in die Hände fiel: „Paradies Amerika” aus dem Berliner Aufbau-Verlag. Der legendäre Prager Journalist Egon Erwin Kisch berichtet darin unter anderem über einen Besuch bei Charlie Chaplin in Hollywood, als dieser gerade  City lights (Lichter der Großstadt) dreht…

Lichter einer Großstadt. (Symbolfoto: Swift Publisher)

Aber was heisst hier dreht!? Nein, Chaplin dreht nicht einfach, er tüftelt, arbeitet, verwirft, hat neue Ideen, probiert, lässt Szenen unzählige Male wiederholen, fragt Kisch Löcher in den Bauch, ist entsetzt und deprimiert, als der Reporter einige Gags nicht versteht. Verzweifelt versinkt er in seinem Stuhl, vergräbt die Hände im Gesicht und murmelt: „Wir müssen alles neu drehen!”.

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