ZU VIELE BÄLLE IM NETZ (Foto: Clipdealer, Autor: Erich Stör)

Der FSV Frankfurt – ein Verein mit sehr bewegter Vergangenheit – ist 2016 aus der Zweiten Fußball-Bundesliga abgestiegen und kickte eine Saison lang in der Dritten Liga; dort ging es weiter abwärts, bis die Fußballabteilung Insolvenz anmelden musste. Das bedeutet Neuanfang in der Regionalliga und ist bitter für den Traditionsverein, dem einfach zu viele Bälle ins Netz flogen. 

Jeder hat seinen Lieblingsverein: Vielleicht die „Löwen” aus München,  die „Clubberer” aus Nürnberg, oder halt den Fußballsportverein, der einst in der Süddeutschen Oberliga eine beachtliche Rolle spielte.  Auch das Herz des Autors schlägt für eben diesen FSV. Dabei erinnere ich mich an alte Zeiten, Jahrzehnte zurück… Als Bub tippelte ich oft von Sachsenhausen, dem südlichen Frankfurter Stadtteil, zum Bornheimer Hang, was ein ziemlich weiter Weg war, aber ich wollte das Geld für die Straßenbahn sparen.

Am Hang, wie das Stadion kurz genant wurde, hatten es mir drei Spieler angetan, die Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre Jahre bei den Blau-Schwarzen spielten. Das waren der ehemalige Nationaltorhüter Willibald Kreß, der Stürmer Richard Herrmann und Mittelläufer Heiner Dietsch. Sie alle interessierten mich aus ganz unterschiedlichen Gründen, sowohl was ihre sportlichen Leistungen als auch ihre persönliche Vita betraf.

Der in Bockenheim geborene Torhüter Kreß („Der schöne Willibald“) hatte zuvor bei Rot-Weiss Frankfurt und beim FC Mühlhausen gespielt, war schon 38 Jahre alt, zwölfmaliger Nationalspieler, und zuletzt beim legendären Dresdener SC – zusammen mit dem späteren Bundestrainer Helmut Schön – aktiv gewesen. Faszinierend war seine spielerische Eleganz und sein Stellungsspiel. Kreß konnte ein Spiel „lesen” wie kaum ein anderer und beherrschte seinen Strafraum meisterlich.

Gelegentlich schoss er auch (erfolgreich) Strafstösse gegen gegnerische Mannschaften. Der Oberschlesier Richard Herrmann hatte seine Laufbahn beim FC Kattowitz begonnen, war in englische Kriegsgefangenschaft geraten, wo sich sogar der Profiklub Derby County für ihn interessiert hatte – er erhielt jedoch vom englischen Verband keine Spielgenehmigung.

Nach seiner Entlassung nahm ihn ein ebenfalls in Gefangenschaft befindlicher Frankfurter mit an den Main, wo er seine neue sportliche Heimat fand. Der bedeutendster Spieler der Vereinsgeschichte war dann im Kader der WM-Mannschaft 1954, starb aber im Alter von nur 39 Jahren an einem Leberleiden. Seitdem gibt es Spekulationen, dass sein früher Tod im Zusammenhang mit nicht sterilen „Vitaminspritzen” stehen soll, die der Mannschaftsarzt während der WM den Spielern verabreicht hat.

Heiner Dietsch war ein kantiger Mittelläufer alter Prägung, sehr souverän in seinem Auftreten auf dem Spielfeld und für mich schon deshalb ein interessanter Mann, weil er in der Nazizeit als Kurier für die Widerstandsbewegung gearbeitet hatte. Dietsch, der immer nur für die Bornheimer gespielt hatte, war zu dieser Zeit auch schon über 35 Jahre alt.

Erfolge und Rückschläge

Jetzt, im Jahre 2017, da der Verein sportlich am Abgrund steht, fallen dem Chronisten viele andere Aspekte der langen Vereinsgeschichte wieder ein. Erfolge spielen dabei ebenso eine Rolle wie Rückschläge und krisenhafte Situationen im harten Geschäft des heutigen Profifußballs.

Als größter sportlicher Erfolg des FSV Frankfurt gilt neben der Amateurmeisterschaft von 1972 der Einzug ins Finale der deutschen Meisterschaft von 1925. Das Spiel endete am 7. Juni im funkelnagelneuen Frankfurter Waldstadion – wenige Wochen später Schauplatz der 1. Internationalen Arbeiter-Olympiade – in der Verlängerung gegen den 1. FC Nürnberg mit einer 0:1-Niederlage.

Im WM-Jahr 1954 erwarb sich der FSV dann Meriten, weil er als erster Verein aus der Bundesrepublik in der DDR (gegen Turbine Halle und Rotation Babelsberg) spielte. Der Klub reiste drei Jahre später auch in die UdSSR, kickte in Kischinow, Moskau und Kiew. Es waren höchst verdienstvolle Reisen in der Zeit des Kalten Krieges und angespannter politischer Weltlage. Der FSV Frankfurt war gut aufgestellt zu dieser Zeit.

Verhängnisvoller Kurswechsel

Doch Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gab es einen verhängnisvollen Kurswechsel der damaligen Vereinsführung. Der traditionell der Arbeiterschaft verbundene Klub mit unterschiedlichen Abteilungen konzentrierte sich unter der Leitung von Präsident Walther Lange auf die Leichtathletikabteilung und holte namhafte Athleten an den Bornheimer Hang. Langstreckenläufer Ludwig Müller, Mittelstreckler Paul Schmidt und Kugelstosser Hermann Lingnau – alle zu ihrer Zeit sehr bekannte Sportler – kamen nach Frankfurt. Dass diese Wechsel nicht für einen „Appel und ein Ei” erfolgten, war hinlänglich bekannt.

Auch dem späteren 100-m-Weltrekordler und Olympiasieger Armin Hary gefiel die „Luft” am Main. Diese Ansammlung von Spitzenkräften war zwar öffentlichkeitswirksam und brachte auch einen gewissen Mitgliederschub, für die Fußballabteilung – bis dahin Aushängeschild des Vereins – aber war es ein Desaster. Das Geld fehlte bald an allen Ecken und Enden.

Die Bundesliga verpasst

Diese Verschiebung der Prioritäten rächte sich. Im Jahr 1962 stiegen die „Bernemer” erstmals aus der Oberliga Süd in die Zweitklassigkeit ab. Das war um so bitterer, als just zu dieser Zeit die Endphase der Bundesliga-Gründung lief. In Konkurrenz mit der seit 1952 in der Oberliga stets besser platzierten Frankfurter Eintracht hatte der FSV keine Chance für die neue Eliteklasse. Von dieser Nichtberücksichtigung und den Leichtathletik-Ausflug hat sich der Verein meiner Meinung nach nie richtig erholt.

Selbst auf der Internetseite des Vereins wurde Jahre danach eingeräumt, wie entscheidend dieser Fehler war:

„Gerade als es galt, sich direkt oder wenigstens mittelfristig für die neu geschaffene Bundesliga zu qualifizieren, vernachlässigte die Vereinsführung den Fußball, der notwendige Weitblick in den entscheidenden Jahren fehlte.”
Große Erfolge im Frauenfußball

Immerhin war der Verein wenigstens im Frauenfußball eine große Nummer. In den Jahren zwischen 1986 und 2005 wurden die Frauen dreimal Deutscher Meister und fünfmal DFB-Pokalsieger. Damit war der FSV einer der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs. Bekannte Nationalspielerinnen wie Steffi Jones, Birgit Prinz, Sandra Smisek und Saskia Bartusiak waren die Protagonistinnen der Erfolge. Leider musste der Verein 2006 die Frauen-Fußballabteilung auflösen, da diese sich finanziell nicht mehr als tragfähig erwies.

Was den Männerbereich angeht, waren die vergangenen 50 Jahre fast immer trübe. Grabenkämpfe hinter den Kulissen von immer neuen Vorständen führten den Verein in die Zweit-, Dritt- und sogar Viertklassigkeit. In mühevoller Arbeit wurde schließlich 2008 der Wiederaufstieg in die Zweite Liga geschafft. Dort wähnte man sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten etabliert, doch in der Realität erwies sich der weitere Weg als Desaster.

(Letzte Aktualisierung im April 2017)