Vierundachtzig Menschen sterben, als es beim „24 Stunden Rennen“ in Le Mans zu einem schweren Unglück kommt. Das Inferno auf einer der Tribünen gilt als die  größte Katastrophe des Motorsports und wird oft als Apokalypse beschrieben.

Viele Zeitzeugen haben den Unfallhergang von 1955 beschrieben. Demnach wollte der Engländer Mike Hawthorn – später Sieger des Rennens – mit seinem Jaguar zum Nachtanken an die Boxen, überholte aber zuvor den deutlich langsameren Austin-Healey seines Landsmannes Lance Macklin, zog aber dann unvermittelt vor ihm nach rechts in Richtung der Boxeneinfahrt, die sich direkt neben der Strecke befand.

Um auszuweichen, zog Macklin nach links, von dort kamen mit geschätzten 250 km/h die Mercedes-Fahrer Pierre Levegh und Juan-Manuel Fangio heran. Fangio schaffte es noch, an den Fahrzeugen von Macklin und Hawthorn vorbei zu schrammen, während der Wagen von Levegh ungebremst auf Macklins Boilden prallte. Wegen dessen relativ flacher Bauweise wirkte das Auto wie eine Rampe. Leveghs Gefährt wurde in die Luft geschleudert und flog erst in die Menge auf einem Erdhügel, explodierte in einem Flammenmeer und Trümmerteile des Autos wurden auf die Zuschauertribüne katapultiert. Das Inferno war da…

Der verantwortliche Rennleiter Charles Faroux ließ das Rennen weiterlaufen, unter anderem mit der Begründung, ein Abbruch würde das Chaos nur vergrößern, Rettungsarbeiten behindern und möglicherweise zu Ausschreitungen führen.

Bis lange in die Nacht hinein heulten die Sirenen der Rettungsfahrzeuge, und allmählich wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar: 84 Tote wurden gezählt, darunter auch der Fahrer Levegh, 220 Verletzte lagen in den umliegenden Krankenhäusern, gleichwohl ahnten die meisten der Zuschauer an der Strecke nichts vom Ausmaß des Unglücks.

Mercedes zieht sich zurück

Nachts um zwei Uhr (und viel zu spät) zog Mercedes zum Zeichen der Trauer und aus Respekt vor den Opfern seine verbliebenen Autos aus dem Rennen zurück, doch nicht alle zeigten das notwendige Verständnis für die Maßnahme. Der Brite Stirling Moss, zu dieser Zeit in Führung liegend, schmollte noch Jahre später und ohne großes Feingefühl für die Opfer:

„Der Abbruch war eine Enttäuschung für mich, es half niemanden und machte die Toten auch nicht wieder lebendig.“

In den frühen Morgenstunden strömten die Zuschauer bereits in das geräumte, gesäuberte, wieder frei gegebene Areal der Katastrophe zurück.  Die Reporterin Karin Sturm fragte später einmal: „Angezogen von was? Von der Sensationsgier, der Faszination der Todesnähe – oder getrieben von Gleichgültigkeit?”

Große Herausforderung

Die Frage blieb unbeantwortet. Trotz dieser Apokalypse ist Le Mans für Fahrer, Autokonzerne und Mechaniker eine große sportliche Herausforderung geblieben, für das monatelang intensiv gearbeitet wird.

Die Enthusiasten vertiefen sich dabei in die Details der motorisierten „Ungeheuer”, reden über Pferdestärken, Bremsbalance, Kabelbaum-Brände und anderen technische Probleme. Solches Rennsport-Feeling ist jedoch nur eine Seite der Medaille, Unterhaltung für das hochverehrte Publikum die andere.

Le Mans bleibt ein Rummelplatz

Viele Zuschauer sehen in den 24 Stunden rund um das Rennen allerdings eher einen einzigartigen großen Rummelplatz. Eingeweihte wissen genau, an welcher Bude es die schmackhaftesten Hamburger gibt oder wo Pommes, Bratwürste oder Crêpes am besten schmecken.

Auch Alkoholisches gehört auf den Zelt- und Campingplätzen rund um die Strecke dazu. Karussells und laut lärmende Musik bilden für viele eine Erlebniswelt der besonderen Art. Le Mans ist (und bleibt) ein trotz 1955 ein großer „Event”.